Villmergen
«Lunzi Koch war ein enger Freund meines Grossvaters»

Wie ein riesiges Puzzle kommt Lorenz Stäger die Arbeit an der Biografie von Joseph Leonz Koch vor. Aber das Bild vom Kammerdiener aus Villmergen wird für Stäger immer deutlicher.

Jörg Baumann
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Der Schriftsteller Lorenz Stäger mit der Ausgabe der «Schweizer Illustrierten», in der der Bericht über Lunzi Koch publiziert wurde.BA

Der Schriftsteller Lorenz Stäger mit der Ausgabe der «Schweizer Illustrierten», in der der Bericht über Lunzi Koch publiziert wurde.BA

Inzwischen gehört Koch praktisch zu seinen Verwandten, obwohl er das faktisch nicht war. «Lunzi Koch war ein enger Freund meines Grossvaters, des Färbermeisters Robert Stäger, und meiner Grossmutter Ida Stäger», erzählt Kochs Biograf Lorenz Stäger.

Postkarten und Briefe, die Koch dem Ehepaar Stäger schickte, belegen das gute Einvernehmen.

Lunzi in der «Schweizer Illustrierten»

Eine Postkarte von Koch erreichte um 1934 auch Werner Stäger (1912– 1983), später Pfarrer in Kriens und ein Onkel von Lorenz Stäger. Aus Pontet d’Avignon schreibt Koch an Stäger, der sich zu dieser Zeit im Kollegium Schwyz auf die Maturität vorbereitet, dass er «noch etwas arbeite».

Koch ist damals bereits 80 Jahre alt und auf dem Weg in den Ruhestand. Kurz vor dem 89. Geburtstag besuchte ein Redaktor der «Schweizer Illustrierten» den ehemaligen Kammerdiener in Villmergen.

In der Zeitschrift erschien am 25. Januar 1942 ein zweiseitiger Bericht mit dem Titel «Ich war Kammerdiener auf Hawaii». Koch erzählt darin in der Ich-Form über sein bewegtes Leben.

«Die ‹Schweizer Illustrierte› ist, so wie sie früher gemacht wurde, für mich eine gute Quelle», sagt Lorenz Stäger. «So berichtete sie im Zweiten Weltkrieg jede Woche detailliert in grossen Bildreportagen über das Kriegsgeschehen. Das Fernsehen gab es damals noch nicht. Das muss man sich vergegenwärtigen.»

Im Artikel über den Kammerdiener Koch sind mehrere Passagen lesenswert, für viele aber neu ist, dass die Schauspielerin Sarah Bernhard, der Koch im Haus des Pianokönigs Steinway begegnete, die Eigenart an sich hatte, immer ihren eigenen Sarg mitzuführen. «Im Sarg habe sie auch für ihre Auftritte geprobt», weiss Stäger.

Die Tante stürzte durchs Bullauge

Aktenkundig ist auch, dass Koch 1908 eine grosse Wallfahrt ins Heilige Land begleitete, an der 500 Gläubige aus Villmergen und der ganzen Schweiz teilnahmen. Dabei war auch Katharina Hoffmann aus Villmergen, die Grosstante von Melanie Abt-Meyer (92), die in Villmergen aufgewachsen ist und Lunzi Koch noch kannte.

Sie war mit dem verstorbenen Wohler Bezirkslehrer Joseph Abt verheiratet. Lorenz Stäger wusste aus den Aufzeichnungen seines Vaters Robert Stäger, dass auf der Heimreise mit dem Schiff eine Jungfrau Katharina Hoffmann über Bord gegangen war und seitdem vermisst wurde.

Stäger fand im Internet die Passagierliste der Pilgerreisenden und darin auch den Namen der Frau aus Villmergen. «Melanie Abt bestätigte mir, dass ihre Grosstante auf dem Schiff seekrank wurde und sich auf der Toilette übergeben musste. Dabei muss sie ins Meer gestürzt sein – vielleicht aus einem offenen Bullauge, ich weiss es nicht.»

Als die Pilgerfahrer am Bahnhof Wohlen abgeholt wurden, herrschte wegen ihr grosse Bestürzung. Auf der Insel Batavia, wo Koch Kammerdiener des Grafen Pourtalès war, überlebte er am 26. August 1883 den Ausbruch des Vulkans Krakatau. Das Wohnhaus der Portalès stürzte zusammen.

Koch konnte das Töchterchen und die Gouvernante aus dem Haus retten. Der Vulkanausbruch kostete 36 000 Menschen das Leben. Monate später verfinsterte sich der Mond hinter dem gewaltigen Aschenvorhang.

Internet eine grosse Hilfe

Robert Stäger nahm noch den Brockhaus zur Hand, als er seinen Aufsatz über Lunzi Koch schrieb. «Mir stehen viel mehr Quellen zur Verfügung als meinem Vater», erklärt sein Sohn Lorenz Stäger.

Vieles fand er im Internet. «Man muss wissen, was man sucht, sonst findet man nicht die richtigen Angaben», sagt er.

Bei seinen Computerrecherchen fand er heraus, dass Frederick Stearns, einer der Dienstherren, bei denen Koch als Kammerdiener angestellt war, mit seinem Pharmaunternehmen einen Konzern in einer Grössenordnung aufbaute, die man heute mit Novartis und Roche vergleichen könnte.

Aber im Internet findet man trotzdem nicht alles. Man müsse auch die Leute fragen, meint Stäger. So fand er heraus, dass Lunzi Koch im Alter in der Familie des Villmerger Metzgers Lüthi Anschluss fand und dessen Kinder hütete. Auf einer Fotografie, die in der Metzgerei hängt, sieht man Lunzi Koch deutlich in einer grossen Schar Menschen.

Von Roman Bättig, der ein grosses Fotoarchiv über Villmergen aufgebaut hat und viele Leute im Dorf kennt, weiss Stäger, dass Kochs Elternhaus nicht mehr steht. Auf dem Grundstück, wo sich der kleine Bauernhof der Familie Koch befand, stehen heute andere, neuere Wohnhäuser.

Diese Tatsache vermag aber das Andenken an den illustren, weit gereisten Villmerger Joseph Leonz Koch nicht auszulöschen – auch dank der Recherchen, die Lorenz Stäger über seine Person anstellt.