Zuversicht und Optimismus strahlen sie aus, die zwei Frauen in ihren weissen Schwesternkitteln. Obschon Geschäftsleiterin Xenia Bonsen und Teamleiterin Gaby Bättig in ihren Kaderaufgaben nicht mehr täglich «in Weiss» unterwegs sind, wollen sie den Bezug zur Basis nicht verlieren. «Vier Tage im Büro sind okay», sagt Bättig, die das Pflegeteam Ost leitet und als Stellvertreterin von Xenia Bonsen wirkt, «aber mehr macht mich fertig». Darum geniesst es die diplomierte Pflegefachfrau HF, wenn sie wieder einmal das tun darf, wofür ihr Herz schlägt: Menschen betreuen.

Seit 75 Jahren gibt es die Spitex Mutschellen. Am 3. Mai, um 18.30 Uhr findet im Berikerhus in Berikon die Jubiläums-Mitgliederversammlung statt. Da wird dann, nach dem statutarischen Teil, auch noch etwas gefeiert. Eine Gratulationsbotschaft von Rebekka Hansmann, der Präsidentin des Spitex-Verbandes Aargau, ein Vortrag von Psychotherapeut und Buchautor Peter Lude zum Thema «Die Arbeit der Spitex aus der Sicht des Klienten» sowie ein professionelles Catering runden den Abend ab. Wo andere Organisationen aus weit weniger Anlass Feuerwerke abbrennen und teure Unterhaltungsprominenz auffahren lassen, glänzt die Spitex Mutschellen einmal mehr durch Bescheidenheit. Auch beim Feiern agieren die Vereinsmitglieder und Angestellten kostenbewusst und ressourcenschonend.

Alle Daten im Handy

So lobt Hanspeter Brun, Präsident der Spitex Mutschellen, in seinem Jahresbericht denn auch das Engagement seiner Mitarbeiterinnen unter dem Titel «Dank Effizienz und Digitalisierung zu Höchstleistungen». Mehr Dienstleistungen in noch mehr Pflegestunden bei steigender Komplexität der Pflegesituationen zu Hause konnten «bei fast gleichem Personalbestand bewältigt werden», schreibt Brun. Dabei spielten die Digitalisierung und die Restrukturierung des Pflegebetriebs eine wesentliche Rolle. «Wir scherzen oft darüber, dass wir doch eigentlich Krankenschwestern sind, jetzt aber als Computerspezialisten arbeiten», sagt Xenia Bonsen und präsentiert ihr grosses Smartphone, mit dem sie und alle ihre Kolleginnen bei der Spitex Mutschellen heute ausgerüstet sind. Auf diesem Minicomputer sind alle Klientendaten abrufbar. Behandlungsmassnahmen, Medikamente, sämtliche Werte und Termine können direkt beim Patienten eingetragen und verwaltet werden. Das Handy ist via Cloud mit dem Computer der Zentrale verbunden.

Der Mann, der sich gerade in einem der Behandlungsräume von Bonsen und Bättig einen Verband wechseln lässt, staunt nicht schlecht, als ihm die zwei Frauen seine ganze Krankengeschichte im Phabletformat, in der Grösse zwischen Smartphone und Tablet, präsentieren. Natürlich braucht es nicht zwei diplomierte Pflegefachfrauen, um einen Verband zu wechseln. Diesen Luxus leistet sich die Spitex nur, wenn es darum geht, einen Jubiläumsartikel mit einer typischen Behandlungsaktion zu bebildern. Ansonsten arbeiten die 37 Angestellten der Spitex in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen in aller Regel alleine und mit hoher Eigenverantwortung.

Erster männlicher Azubi

Im Bereich Pflege sind das elf Pflegefachfrauen HF und zehn Fachfrauen Gesundheit, unterstützt von vier Pflegehelferinnen SRK und drei Auszubildenden auf dem Weg zur Fachfrau Gesundheit. Zudem sind sieben Haushelferinnen und zwei diplomierte Psychiatriepflegerinnen im Einsatz. Dieses Jahr wird der erste männliche Kandidat seine Ausbildung zum Fachmann Gesundheit in Berikon aufnehmen. Die Mitarbeiterinnen betreuen zusammen aktuell 370 Klienten. Das sind 80 bis 100 Einsätze pro Tag, in der Pflege je zwischen 15 und 90 Minuten, in der Haushilfe zwei Stunden. «Die Krankenkassen legen dabei fest, wie viel Zeit pro Einsatz bezahlt wird», erklärt Bonsen. «Dadurch entsteht ein grosser Druck, den unsere Mitarbeiterinnen wieder auszugleichen versuchen. Politik und Krankenkassen sehen bei ihren ständigen Sparbemühungen halt nicht, dass es oft besser wäre, mit einem Klienten auch mal einen Kaffee zu trinken, anstatt ihm drei Tabletten zu verabreichen.»

Nicht mehr nur um Gotteslohn

Trotz grossem Zeit- und Spardruck ist die Stimmung bei der Spitex Mutschellen gut. «Unser Job ist lässig», schwärmt Gaby Bättig, «man braucht dafür ein breites Fachwissen und grosse Selbstständigkeit. Nichts ist so spannend wie Spitex.» Ausserdem steht hinter jeder Spitexangestellten der Spitex Verband Schweiz, der sich für die Interessen seiner Mitglieder einsetzt. Davon hätte die erste Gemeindekrankenschwester, die für den damaligen Krankenpflegeverein Berikon-Rudolfstetten ab 1945 im Einsatz war, nur träumen können. Steht doch im ersten Jahresbericht des Vereins zu lesen: «Wohl ist der Verein noch nicht imstande, der Schwester eine entsprechende materielle Entschädigung zu verabfolgen, wie es die Tarife der schweizerischen Krankenhäuser heute tun, aber wir bitten die Schwester, mit uns Geduld zu haben und einen Teil des Honorars als Opfergabe auf die Himmelsbank zu legen, wo der göttliche Vergelter alles Gute im Stillen einst lohnen wird.»