Alikon
Lia-Mara Bösch: «Es ist schon eine recht krasse Risikosportart»

Lia-Mara Bösch (24) baute sich selber eine Karriere in einer Sportart auf, die sie erst seit sieben Jahren kennt. Heute ist sie beim Schweizer Snowboard-Kader mit dabei – und hat als erste Schweizerin den «Cabdouble 900» gefahren.

Johanna Lippuner
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Mit dem Snowboard über riesige Schanzen fahren und dann 25 Meter weit durch die Luft fliegen – das gehört zu Lia-Mara Böschs Alltag. Die 24-Jährige ist professionelle Freestyle-Snowboarderin (siehe Box unten). «Ein 100-Prozent-Job», sagt Bösch. «Obwohl ich wahrscheinlich viel mehr arbeite als jemand mit einer Vollzeitstelle.»

Wenn sie nicht auf dem Brett steht, betreibt sie ihre eigene Website und Social-Media-Accounts, beantwortet Mails und verwaltet ihr Sponsoring. «Ich bin eine kleine Einfrau-Firma», lacht Bösch. Sie ist das Zweitälteste von sechs Kindern und lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof in Alikon.

Lia-Mara Bösch (24) wohnt in Alikon und ist Professionelle Snowboarderin.

Lia-Mara Bösch (24) wohnt in Alikon und ist Professionelle Snowboarderin.

Johanna Lippuner
Mit ihrem Snowboard steht Lia-Mara Bösch vor dem Bauernhof in Alikon.

Mit ihrem Snowboard steht Lia-Mara Bösch vor dem Bauernhof in Alikon.

Johanna Lippuner

Vor 11 Jahren stand die damals 13-Jährige zum ersten Mal auf einem Snowboard. Das Freestyle-Snowboarden entdeckte sie sogar erst viel später: «Bis ich 17 war, wusste ich nicht einmal, dass es das gibt», so Bösch, die den Sport googeln musste, als sie zum ersten Mal davon hörte. «Obwohl ich noch gar nichts konnte, wusste ich sofort, dass ich das professionell machen möchte», erzählt sie.

Eine «krasse Risikosportart»

Ihre Eltern seien mit der Idee einverstanden gewesen und waren auch bereit, die junge Frau finanziell zu unterstützen. Organisieren musste sie aber alles selber. «Ich wurde von meinen Eltern nie gepusht», betont Bösch. «Das ist alles auf meinem eigenen Mist gewachsen.» Sie grinst. «Der Wunsch, mich zu messen, war so gross, dass ich es auch alleine hinbekommen habe.»

Obwohl die Alikerin schon relativ alt war, um in den Leistungssport einzusteigen, bewarb sie sich beim Schweizer Kader. Dort wurde sie sofort aufgenommen. «Sie sahen mein Potenzial. Ausserdem gab es damals nur wenige Frauen in dieser Sportart und sie freuten sich, dass ein Mädchen kam», erinnert sich Bösch. Und ergänzt: «Ich bin sehr mutig.» Dies braucht es beim Freestyle-Snowboarden definitiv. «Es ist schon eine recht krasse Risikosportart», so die Sportlerin. «Am Anfang denkt man sich nicht viel dabei. Ich wusste gar nicht, wo die Spitze ist. Man beginnt klein und springt mal über eine Schanze.»

Jetzt fliegt die 24-Jährige weite Strecken durch die Luft und macht dabei komplizierte Sprünge. Vor ein paar Wochen gelang ihr als erster Schweizerin der «Cabdouble 900» – ein Rückwärtssalto mit halber Drehung:

Bei solchen Tricks erlitt sie bereits viele Verletzungen wie Bänderrisse oder Gehirnerschütterungen. Im Moment erholt sie sich von einem ausgerenkten Arm. «Es tönt nach wenig, aber das ist ein grosser Schlag», erzählt die Freiämterin. Sobald die Verletzungen geheilt sind, dauere es wieder, um das Gefühl für das Board zurückzubekommen. Beim Erzählen gestikuliert sie wild und zeichnet mit ihren Händen die Flugrouten in der Luft.

Freestyle-Snowboarding

Im Freestyle-Snowboarding bringen die Snowboarder ihre eigene Kreativität zum Ausdruck. Dabei gibt es drei olympische Disziplinen: Halfpipe, Big Air und Slopestyle. Lia-Mara Bösch hat sich auf die beiden Letzteren spezialisiert.

Beim Big-Air fahren die Sportler über eine grosse Schanze und versuchen, in der Luft möglichst schwierige Tricks zu zeigen. An Wettkämpfen werden dabei Style, Schwierigkeit, Höhe und Landung bewertet.

Bei der Disziplin Slopestyle werden Schanzen und Geländer in verschiedensten Variationen aufgestellt. An Wettkämpfen wird bewertet, wie kreativ der Snowboarder die einzelnen Elemente nutzt und welche Tricks dazu ausgeführt werden. Die Teilnehmer dürfen dabei selber entscheiden, welche Tricks sie zeigen. «Bei uns ist vieles Handgelenk mal Pi», sagt die 24-jährige Alikerin. (Jol)

Noch lange kein Ende in Sicht

Auch wenn Bösch sehr viel trainiert und oft ausserhalb der Schweiz an Wettkämpfen teilnimmt, sei sie durchaus fähig ein, soziales Leben zu führen. «Ich habe eine riesige Familie und einen Freund, den ich über alles liebe», erzählt sie, «und ich versuche, zwei Stunden in der Woche unbezahlte öffentliche Arbeit zu machen.» Bösch ist seit vier Jahren Präsidentin des Skate-Vereins Sins und fährt auch in ihrer Freizeit selber viel mit dem Skateboard. Ausser es ist auf den Strassen so nass wie jetzt. «Es wäre blöd, wenn ich mich bei meinem Hobby verletzen würde», erklärt sie.

Hätte Bösch das Freestyle-Snowboarding nicht entdeckt, wäre sie Sportlehrerin geworden. «Meine Eltern finden schon, ich sollte irgendwann mal etwas Normales machen», antwortet sie auf die Frage, was ihr Umfeld zu ihrer Tätigkeit als Profi-Sportlerin meint. «Aber ich bin noch lange nicht soweit», lacht Lia-Mara Bösch. Für die Zukunft hat sie nämlich schon grosse Ziele: «Ich will so gut werden, wie ich nur kann, und herausfinden wie viel in mir drin steckt.»