Wohlen
Letzter Dorfbrand: 170 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf

Der letzte grosse Dorfbrand in Wohlen ereignete sich vor 200 Jahren, am 5. Dezember 1814. Die damalige Feuerwehr war solch einer Katastrophe nicht gewachsen.

Jörg Baumann
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Die heutige Kapellstrasse: Vor genau 200 Jahren ereignete sich hier ein furchtbarer Brand.

Die heutige Kapellstrasse: Vor genau 200 Jahren ereignete sich hier ein furchtbarer Brand.

Tommy Richner

Beim grossen Dorfbrand vor 200 Jahren an der Kapellgasse (heute: Kapellstrasse) in Wohlen kamen ein Mensch, fünf Stück Rindvieh und zwei Schweine ums Leben. Nach der Katastrophe am 5. Dezember 1814 reagierte die Gemeinde sofort: Auf Druck der Kantonsregierung reformierte und verstärkte sie die Feuerwehr, die bisher solchen Vorfällen nicht gewachsen gewesen war.

Das Feuer brach um halb fünf Uhr am Morgen im Haus von Bernhard Dubler aus. Es setzte in wenigen Minuten neun mit Stroh gedeckte Häuser in Brand. Die Feuersbrunst erfasste die Häuser links in der Gasse von Bernhard Dubler und Josef Wohler (Hegels), der Familie Wildi (Schnider-Hannissen), des Strohgeflechthändlers Andreas Dubler (Jochemen), von Peter, Heinrich und Ulrich Muntwiler, die früher auf dem Restaurant Krebs wirteten, das Uli Michelhaus von Hans und Hans Jakob Meyer (Uli Michels), von Josef und Anton Koch (Küfers) und von Josef Notter.

Dann rechts in der Gasse die Häuser von Kaspar und Leonhard Wohler, das schon 1798 abbrannte, das Süppelijocheli-Haus hinter der Kirche und das Wohnhaus der Familie Isler (Kleinpeters). Alles waren, so schrieb der Chronist Johann Jakob Donat-Meyer, grosse Gebäude mit Scheunen, Schweineställen und anderen Nebenbauten. Aus dem Haus der Familie Muntwiler wollte der Sohn von Jakob Muntwiler noch seine Hochzeitskleidung retten. Da hatte er auch seine Militäruniform.

Ein Toter, mehrere Verwundete

22 Feuerspritzen traten nach dem Ausbruch des Dorfbrandes auf den Plan, als erste die aus Villmergen. Andere kamen Stunden später aus Aarau, Zürich, Zug, Luzern, Baden und Brugg. Die Verwirrung war so gross, dass man kein genaues Verzeichnis über die anwesenden Feuerwehren erstellen konnte. Beim Löschen des Hauses von Josef Wohler (Paulis) wurden einige Feuerwehrleute verwundet. Josef Wohler, von Beruf Schneider, wagte sich zum zweiten Mal in seine brennende Wohnung, um zugeschnittenen Kleiderstoff zu retten.

Er wurde versengt und starb nach wenigen Tagen. Bei der Feuersbrunst wurden 170 Personen obdachlos und verloren ihr Hab und Gut. Auch die Pfarrkirche wurde beschädigt. Hilfe erhielten die notleidenden Menschen aus dem ganzen Freiamt, auch von den Klöstern Muri und Hermetschwil. Sie schickten Kartoffeln, gedörrtes Obst, Brot und Mehl, Getreide, Heu und Stroh, dann aber auch Bauholz, Garn, Hosen, Hemden und ein Leintuch nach Wohlen. Etliche Gemeinden erbrachten für die Wohler Fuhrleistungen, viele halfen mit Geld.

Wer war schuld am Dorfbrand? Bezirksamtmann Konrad stellte eine Untersuchung an. Die Dienstmagd von Bernhard Dubler geriet in Verdacht. Sie gestand, schon vor dem Ausbruch des Brandes mit einem Licht in der Laterne in der Scheune gewesen zu sein, stritt aber jegliche Schuld ab. Verdächtig war auch, dass sie, während die Flammen sich durch die Gasse frassen, verschiedene Kleidungsstücke entwendet hatte. Die Magd sass längere Zeit in Haft und wurde mit Verdacht daraus entlassen und des Kantons verwiesen. In der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember hatte im Stall von Bernhard Dubler eine Bettlerfamilie übernachtet. Diese konnte sich nur mit Not retten. Denn die Stalltüre war von aussen verschlossen.

Der Aufbau erfolgte zügig

«Mit rascher Hand», so der Chronist Donat-Meyer, wurden der herumliegende Schutt und die Ruinen entfernt. Verständlich war, dass jeder der Brandgeschädigten wieder auf seinem alten Platz bauen wollte, obschon oft nicht genug Raum da war. Der reiche Strohgeflechthändler Jacob Isler konnte sich an der Ecke am Kirchenplatz zur Kapellgasse das weitaus schönste Haus mit einem noblen französischen Walmdach leisten, damals das teuerste Wohnhaus von Wohlen.

Es handelt sich um das Emanuel-Isler-Haus, das nach dem Enkel von Jacob Isler genannt wird und der katholischen Kirchgemeinde gehört. Nach dem verheerenden Dorfbrand zeigte sich endgültig, dass die Dorffeuerwehr nicht geeignet ausgerüstet gewesen war. Diese bestand nur aus Feuerläufern, einer Anzahl von jungen Burschen, die bei Brandfällen in die Nachbardörfer eilen und Unterstützung holen mussten. Das nützte in aller Regel gar nichts. Die Häuser brannten ungehindert ab. Das Feuer hörte erst auf, wenn es keine Nahrung mehr fand.

Nach dem Dorfbrand vom 5. Dezember 1814 intervenierte die Kantonsregierung und befahl der Gemeinde, unverzüglich eine zweite Feuerspritze anzuschaffen.

Modernste Feuerspritze

Die Angst vor weiteren Bränden bewegte die Gemeindeversammlung, die grosse Ausgabe widerspruchslos zu beschliessen. Wohlen erhielt die weitherum modernste Feuerspritze und legte fest, dass der Abstand zwischen Neubauten in Zukunft wenigstens 30 Meter betragen musste, um der Gefahr zu begegnen, dass das Feuer schnell von einem Haus auf das andere überspringen konnte. Langsam verdrängten nun Steinhäuser mit Ziegeldächern die Holzhäuser und Strohdachhäuser. Die neue Feuerordnung von 1830 schuf eine einsatzbereite Feuerwehr mit zwei Aufsehern, 21 Mann Löschpersonal und 16 Feuerläufern. In dieser verbesserten Form konnte die Feuerwehr nun auch auswärts in abgelegenen Dörfern ihren Einsatz leisten.