Es ist kalt, es schneit und das Berikerhus wirkt verlassen in der weissen Nacht. Ich frage mich, ob ich mich im Datum oder im Ort geirrt habe: Wo ist der Lärm, wo ist das Volk? Das Konzert einer Rock’n’Roll-Band müsste man nicht nur hören, so denken ich, sondern auch spüren und riechen. Als ich eintrete, merke ich, dass das Konzert schon begonnen hat. Es ist 20.32, ich sind zwei Minuten zu spät. Les Sauterelles scheinen nichts von divenhafter Verspätung zu halten. Ein Herr drückt mir einen Stempel aufs Handgelenk, «bezahlt» steht da nun in roter Tinte.

Ich schiebe den schwarzen Vorhang zur Seite: Der Saal ist voll – das Publikum sitzt. Doch auf der Bühne stehen vier Männer im Regenbogenlicht und machen ihre Musik mit Eifer und Dynamik, die anstecken: Toni Vescoli, Düde Dürst, Freddy Mangili und Peter Glanzmann klingen frisch und lebendig. Wir schleichen uns durch die Stuhlreihen, zwei Mädchen um die 20 flüstern: «Setzt euch zu uns, wir sind auch jung.»

Mir wird schnell klar, weshalb Les Sauterelles auch die «Swiss Beatles» genannt wurden: Toni Vescolis Stimme ähnelt durchaus der Paul McCartneys, und auch der mehrstimmige Gesang erinnert an die vier Liverpooler. «Wir waren aber nicht nur Beatles-, sondern auch Rolling Stones-Fans», stellt Toni Vescoli klar. Immer wieder wendet sich der Bandleader ans Publikum und erheitert die Zuhörer mit Anekdoten oder Sprüchen.

So hatten Les Sauterelles zuerst vor allem in Italien mit italienischen Cover-Versionen Erfolg. Ves-coli gesteht: «Ich verstehe zwar jedes Wort, das ich singe, leider weiss ich aber nicht, was sie bedeuten.» Oberhalb der Bühne hängt eine Leinwand, Bilder aus alten Zeiten werden gezeigt: Das Plattencover der Single «I love how you love me», Les Sauterelles in einem Automobil, die vier Jungs mit Pilzfrisuren. Das Foto von Toni Vescoli in Rekrutenuniform wird mit Lachen quittiert.

Mit der Musik scheinen die 60er- Jahre wieder lebendig zu werden.
Peter Glanzmanns virtuoses Gitarrenspiel und Vescolis charakteristische Stimme reissen mit, das Publikum wird unruhig. Vereinzelt stehen Leute auf und gehen leise in den hinteren Teil des Saales, wo sie zu tanzen beginnen. Ein Mann spielt Luftgitarre, ein Paar tanzt selbstvergessen zu zweit. Les Sauterelles spielen Bob Dylans «Mr. Tambourine Man» und ich erhebe mich, um mich den Tanzenden anzuschliessen. Während ich durch die Reihen gehe, denke ich wehmütig, dass ich wohl einfach in der falschen Zeit geboren bin.