Wohlen
«Lernen im Quartier» ist nach 20 Jahren eine Erfolgsgeschichte

Seit 20 Jahren können Migrantinnen und Migranten dank des Sozialprojektes Deutsch lernen.

Verena Schmidtke
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Erna Aerne leitet den Nachmittagskurs mit elf Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die Deutsch lernen wollen.

Erna Aerne leitet den Nachmittagskurs mit elf Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die Deutsch lernen wollen.

Verena Schmidtke

Elf Erwachsene aus neun Nationen sitzen am grossen Tisch, vor sich hat jeder ein Blatt mit einem Dialog. Der soll ohne abzulesen frei wiederholt werden. «Ich komme aus Italien», sagt eine Teilnehmerin.

«Nein, du kommst aus Griechenland», wirft ihr Gegenüber lachend ein. Die anderen lachen fröhlich mit. Die Atmosphäre ist entspannt und freundlich. Lernen und daran Freude haben, das funktioniert.

Vor wenigen Wochen beging das Projekt «Lernen im Quartier» sein 20-Jahr-Jubiläum. Dabei betonten Präsident Konrad Gfeller und Grossrat Thomas Leitch in ihren Reden, wie wichtig Sprache als Schlüssel zur Integration sei.

Begonnen hatte alles 1999 mit dem Pilotprojekt «Lernen im Park». Dabei konnten Migranten unentgeltlich zwei Wochen Deutsch lernen. Im Rahmen dieses Vorhabens wurde deutlich, dass ein Bedarf nach solchen Kursen bestand.

Spezielle Kurse für Frauen mit Kindern

Von Anfang an dabei ist Kursleiterin Claude Keller: «Wir wollten ein niederschwelliges Angebot schaffen, speziell für Frauen. Gerade sie haben wegen der Kinder und der geringen finanziellen Mittel selten die Möglichkeit, Sprachkurse zu besuchen.»

Seit November 1999 bietet «Lernen im Quartier» in Wohlen Deutschkurse mit Kinderbetreuung an. «Das war damals ein Sprung ins kalte Wasser», so Keller. Aber der hat sich gelohnt, das Konzept kam an. Schnell sei die Nachfrage nach Abendkursen aufgekommen für jene, die tagsüber arbeiten.

Kursleiterin Erna Aerne führt aus: «Inzwischen haben wir 19 Gruppen pro Woche in Wohlen, Bremgarten und Villmergen zu unterschiedlichen Zeiten. Die Gemeinden sowie Niederwil unterstützen uns dabei.» Dem Kanton seien die Deutschkurse auch ein Anliegen, bestimmte Vorgaben garantieren allgemeine Qualitätsstandards.

Mittlerweile haben die modernen Medien ihren Einzug in die Kurse gehalten. Claude Keller fasst zusammen: «Statt Dictionnaire helfen heute Smartphones bei den Übersetzungen. Die Lehrbücher stellen zudem Apps zur Verfügung, das ist hilfreich.

Und einige Kursbesucher lernen mit Youtube Deutsch.» Einige seien dabei so erfolgreich, dass sie den Anfängerkurs A1 sogar überspringen können.

Die Kurse passen sich Situationen des Alltags an

«Parallel zu den beiden Kursen, die jetzt stattfinden, werden um die 15 Kinder von Erzieherinnen betreut», informiert Aerne. Im Unterricht werden verschiedene Themen behandelt.

Heute stehen neben dem Begrüssungs-Dialog das Haus sowie die Zahlen bis 100 auf dem Plan. «Wir arbeiten szenariobasiert», berichtet die Kursleiterin, «passen uns also an Situationen des Alltags an.»

Beim Thema Haus geht es in die unterschiedlichen Räume. Hier lernen die Teilnehmer ebenfalls mit Dialogen: «Was ist das?» Die richtige Antwort zum gezeigten Bild: «Das ist ein Kühlschrank.» Konzentriert arbeiten die erwachsenen Schüler in Zweiergruppen an der Übung. Für einen Muttersprachler wird dabei deutlich, wie schwierig Deutsch ist.

Erna Aerne hält fest: «Strukturen sind beim Lernen wichtig, ein Beispiel sind die Artikel. Da hilft nur fleissiges Üben.» Hilfreich sei es, wenn Migranten bereits früh nach ihrer Ankunft in der Schweiz einen Deutschkurs besuchen.

«Wenn sie schon länger hier sind, passiert es leider oft, dass sich Strukturen einprägen, die mitunter falsch sind», erläutern die beiden Kursleiterinnen.

Diese Fehler wieder zu beheben, sei oft schwierig. Sie versuchen zu vermitteln, wie wichtig Fleiss und Motivation seien, um die Sprache zu erlernen. «Es braucht schon Power und Durchhaltewillen», befinden die beiden.

Weiter geht es mit den Zahlen. Dafür stellen sich alle in einem Kreis auf, bis 100 wird nun reihum gezählt. Wenn einmal jemand steckenbleibt, hilft ein anderer Kursteilnehmer freundlich weiter.

«Der Umgang miteinander ist respektvoll», sind sich Claude Keller und Erna Aerne einig, «die Leute sind untereinander sehr hilfsbereit.» Für sie selbst sei es an ihrer Arbeit besonders interessant, viele unterschiedliche Menschen kennen zu lernen und dabei Einblick in andere Kulturen zu bekommen.

«Es ist auch spannend, die Fortschritte verfolgen zu können und die Menschen auf ihrem Weg zu begleiten.»

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