Urteil
Lenker war nicht schuld am Tod des 17-jährigen Vincent

Freispruch für den Mann, der 2010 bei einem Fussgängerstreifen in Dottikon einen Lehrling überfahren hat. Weil das Opfer überraschend schnell vor sein Auto geschleudert worden sei, habe der Lenker keine Chance gehabt, den Unfall zu vermeiden.

Jörg Baumann
Merken
Drucken
Teilen
Jugendliche trauern am Unfallort (Archiv)

Jugendliche trauern am Unfallort (Archiv)

Walter Schwager

Der tragische Verkehrsunfall, bei dem kurz vor Weihnachten 2010 in Dottikon der 17-jährige Vincent ums Leben kam, endete am Donnerstag in erster Instanz vor dem Bezirksgericht Bremgarten mit einem Freispruch.

Der Unfall verlief in zwei Phasen: Zuerst erfasste ein Auto den Lehrling, der den Fussgängerstreifen beim Gemeindehaus betreten hatte, auf der näher liegenden Strassenseite. Der junge Mann wurde durch den Aufprall verletzt und auf die andere Fahrbahn geschleudert. Dort geriet der Lehrling unter ein entgegenkommendes Auto, wurde schwer verletzt und starb noch auf der Unfallstelle.

Keine Chance für eine Reaktion

Angeklagt war der Lenker des zweiten Fahrzeugs - der andere Autofahrer wird in Deutschland vor Gericht gestellt. Dem Angeklagten könne kein strafbares Verhalten vorgeworfen werden, erklärte Gerichtspräsident Lukas Trost in der Urteilsbegründung. Das Gericht ging davon aus, dass das Unfallopfer durch den ersten Aufprall sehr schnell und überraschend auf die Gegenfahrbahn geschleudert wurde. Dies erkläre, weshalb der zweite Lenker auch bei einer Vollbremsung nicht rechtzeitig habe anhalten können.

Die Staatsanwaltschaft warf dem zweiten Autofahrer vor, er habe die an einem Fussgängerstreifen geltenden Vortrittsregeln sträflich verletzt. Die Unfallspuren wiesen laut dem Staatsanwalt eindeutig darauf hin, dass der junge Mann die Strasse korrekt auf dem Fussgängerstreifen überqueren wollte. Teile der beschädigten Autos wurden auf dem Streifen gefunden. Für den Staatsanwalt war klar: Wäre der Autolenker aufmerksam gewesen, hätte er den tödlichen Unfall vermeiden können.

«Es handelt sich nicht um einen Raserunfall», sagte der Staatsanwalt. «Der Lenker fuhr in einem angemessenen Tempo auf den Fussgängerstreifen zu.» Er beantragte für den Angeklagten deshalb eine bedingte Geldstrafe und eine Busse.

Für den Anwalt der Familie des Opfers war ebenfalls erwiesen, dass der Autolenker schuld am tödlichen Ausgang des Unfalls sei. Das Strassenverkehrsgesetz schreibe vor, dass jeder Autofahrer vor einem Fussgängerstreifen anhalten müsse, sofern ein Fussgänger Anstalten mache, die Strasse überqueren zu wollen.

Autolenker wurde geblendet

Aus der Sicht der Verteidigung könnte sich der tödliche Aufprall auch neben dem Fussgängerstreifen ereignet haben. Dafür sprächen jedenfalls «starke Anzeichen».

Der Angeklagte selber machte geltend, am Unfallmorgen, kurz nach sieben Uhr, habe es geregnet. Er habe den Lehrling in der Dunkelheit nicht gesehen. Der Fussgängerstreifen sei zwar beleuchtet gewesen. Aber entgegenkommenden Autos und die in der Nähe des Unfallortes eingeschaltete Weihnachtsbeleuchtung hätten ihn geblendet.

Der Verkehr sei stark gewesen. Zudem habe sich er sich auf die Schulkinder konzentriert, die sich bei der Bushaltestelle an der Bahnhofstrasse aufgehalten hätten. «Ich fuhr durch das Blendlicht wie durch einen gelben Vorhang», sagte er. Was passiert sei, tue ihm aufrichtig leid. Er leide unter Depressionen und habe deshalb noch nicht die Kraft aufgebracht, sich bei der Familie des Opfers zu entschuldigen.