Lenzburg/Wohlen

«Leider hilft Alkohol, Stress abzubauen» – Suchtberaterin warnt vor stärkerem Konsum in der Isolation

In emotional stressigen Zeiten wie jetzt suchen viele Suchtgefährdete Trost im Alkohol.

In emotional stressigen Zeiten wie jetzt suchen viele Suchtgefährdete Trost im Alkohol.

Die aktuelle Pandemie kann bei vielen Menschen Stress auslösen. Eine Suchtberaterin erklärt, warum die Coronazeit für Suchtgefährdete oder Süchtige sehr schlimm – oder aber auch gut sein kann.

Die Kinder sind den ganzen Tag daheim, die Eltern wissen kaum mehr, wie sie sie unterhalten sollen. Der eigene Laden musste wegen Corona schliessen und die Existenz ist gefährdet. Oder man muss isoliert und einsam daheim sitzen. Drei Beispiele, die in Coronazeiten Stress auslösen. «Generell kann man sagen, dass es immer eine Form von Stress ist, die übermässigen Konsum zur Folge hat. Dieser kann zur Gewohnheit und zur Sucht führen, egal ob Kauf-, Videospiel-, Alkohol- oder Drogensucht», fasst Tanya Mezzera zusammen. Die Bereichsleiterin der Suchtberatung ags in Lenzburg und Wohlen wird im Beratungsalltag die Auswirkungen solcher Stressfaktoren spüren.

Leider hilft Alkohol, Stress kostengünstig abzubauen

«Die Neuanmeldungen sind aktuell zurückgegangen. Es sind nur Vermutungen, aber ich gehe trotz der Zahlen davon aus, dass gerade jetzt viele Leute vermehrt Alkohol trinken.» Alkohol ist die Droge Nummer eins in der Schweiz. «Das Paradoxe ist, dass es tatsächlich ein valides, kostengünstiges Mittel ist, das kurzfristig beruhigt, Depressionszustände mildert und einen besser einschlafen lässt.» Hier sieht sie einen Hauptgrund, warum es gerade jetzt, in einer emotional stressigen Zeit, in der Stressbewältigungsstrategien wie Sport beschränkt sind, weniger Neuanmeldungen gibt: «So lange die Situation so bleibt, wollen sich die Klienten nicht vom einzigen trennen, das sie durchhalten lässt.» Umso wichtiger sei es, dass auch Angehörige sich getrauen, sich zu informieren. «Wir beraten aktuell per Telefon, unsere Beratungen sind kostenlos und wir sind an die Schweigepflicht gebunden», betont Mezzera.

Generelle Angst kann zu Rückfällen führen

Bei den Klienten, die schon länger in Suchtbehandlung sind, «kann die momentane Isolation auf beide Seiten ausschwenken», so die Bereichsleiterin. «Eine meiner Klientinnen hat beispielsweise enorme Schritte in Richtung Selbstständigkeit gemacht. Sie hat eine Angststörung, konnte aber mittlerweile alleine einkaufen und den Haushalt führen. Doch durch die Angst, die das Coronavirus in der Gesellschaft ausgelöst hat, ist ihre Angststörung zurückgekehrt. Sie getraut sich nicht mehr aus dem Haus und hat wieder begonnen zu trinken.» Hier werde versucht, mit Hilfe der Psychiatriespitex eine Lösung zu finden. «Die Spitex geht mit ihr einkaufen oder spazieren.» Oder es gibt die Lösung einer Klinikauszeit. «Ein geschützter Rahmen während dieser unsicheren Zeit hilft teilweise sehr.»

Ein anderer Klient habe seine bipolare Störung so gut in den Griff bekommen, dass er bereits für Eingliederungsmassnahmen vorgesehen gewesen sei. «Die musste nun wegen Corona ausgesetzt werden. Das ist für ihn sehr schwierig. Er ist wieder in eine depressive Phase gerutscht.»

Wenn der Papa endlich nicht mehr trinkt

Doch es gebe auch Positives zu berichten. Bei einem Familienvater kam es unter Alkoholeinfluss zu häuslicher Gewalt. Das Familiengericht habe ihm einen Entzug auferlegt. Er trinke seit Monaten nicht mehr. «Weil er schon länger abstinent und das System stabil ist, entlastet das sein Familienleben in der momentanen Isolation enorm. Das bestärkt ihn, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben», freut sich Tanya Mezzera.

Mehr Infos und Kontakte gibt’s unter www.suchtberatung-ags.ch

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