Es gibt sehr viele negative Beispiele, in denen sich die Integrative Schule als enorme Mehrbelastung für die Lehrpersonen herausstellt. Doch daneben gibt es auch Fälle, in denen eine solche Integration sehr gut funktioniert und für alle Beteiligten positiv ausfällt – wie im Fall von Lars Antonsen (9) aus Mühlau.

Spinale Muskelatrophie

Lars leidet an Spinaler Muskelatrophie (SMA), einer Nervenerkrankung, bei der gewisse Nervenzellen, die für die Bewegung der einzelnen Muskeln zuständig sind, wegen eines vererbten Gendefekts unkontrolliert absterben.

Sie können nicht wieder aufgebaut werden und der Zellprozess kann auch nicht medizinisch beeinflusst werden. Lars kann einzig seine Unterarme ein wenig bewegen und mit etwas Druck des Fingers auf einen speziellen Joystick seinen Elektro-Rollstuhl steuern. Sonst kann er seinen Körper nicht bewegen.

Doch im Kopf ist der Junge absolut fit. «Es ist, als wäre er in seinem Körper gefangen», sagt Pflegefachfrau Rita Dahinden. Sie ist Lars’ Klassenassistentin, holt ihn morgens zu Hause ab, geht mit ihm zur Schule und bringt ihn wieder heim. Daneben hilft sie aber auch Klassenlehrerin Karin Etter bei der Betreuung der anderen Schüler.

Lars bewältigt sämtlichen Schulstoff, den seine Klassenkameraden durchnehmen. In den Fragerunden ist er aktiv beteiligt – zum Aufstrecken hat er einen Stock mit einer Hand, die er hochhalten kann. «Lars kann auch von Hand schreiben, darauf haben die Schule und wir Eltern Wert gelegt», erklärt Barbara Antonsen, Lars’ Mutter. «Er ermüdet allerdings sehr schnell, darum arbeitet er hauptsächlich am Computer.»

Mit Freunden abmachen

Um am Computer arbeiten zu können, benötigt Lars eine spezielle Software. Die schulische Heilpädagogin, Daniela Grossen, scannt die Arbeitsblätter ein, welche die Klasse lösen soll. Rita Dahinden bearbeitet sie anschliessend mit dem Programm, damit Lars hineinschreiben kann.

Er selbst schreibt dann mithilfe eines winzigen Fingerhuts, mit dem er via entsprechende Kamera eine virtuelle Tastatur bedienen kann. So gelingt es Lars, mit viel Hilfe von Fachpersonal, den Schulstoff ebenso zu meistern wie seine Freunde.

Dies wäre jedoch auch an einer Sonderschule möglich. «Das Allerschönste daran, dass er in die Regelklasse integriert wird, ist, dass er im Dorf mit seinen Freunden zur Schule gehen kann», beschreibt Barbara Antonsen. «Das Abmachen ist ihm sehr wichtig, und das wäre in der Sonderschule nicht möglich», bestätigt Rita Dahinden. Für sie ist es daher auch klar, dass sie, wann immer es möglich ist, zu Fuss mit ihm zur Schule geht. «So können die Kinder schon während des Schulwegs miteinander sprechen und auf dem Heimweg abmachen. Das geniesst Lars sehr.»

Beim Fangis-Spiel in der Pause zeigt er gleich selbst, dass er sich von seiner Krankheit nicht behindern lässt. «Für die Kinder ist er ganz normal. Sie haben überhaupt keine Berührungsängste, sondern helfen ihm sofort, wenn beispielsweise sein Kopf zur Seite rutscht», freut sich Barbara Antonsen. In der Schulevaluation ist die Integration positiv von verschiedenen Eltern gelobt worden. «Ich habe von einigen gehört, dass es sie freut, dass ihre Kinder schon von klein auf an den Umgang mit behinderten Menschen gewöhnt werden», so die Mutter.

Viel Unterstützung

«Wir hatten bisher einfach immer enormes Glück. Überall wurden wir unterstützt. Die Schulleitung, die Lehrpersonen, die Schulische Heilpädagogin, die Schulpflege, das zeka (Zentren Körperbehinderte Aargau), der Kanton Aargau und die IV – sie alle engagieren sich enorm für Lars’ Integration», ist Barbara Antonsen glücklich.

Für Klassenlehrerin Karin Etter ist das vollkommen selbstverständlich. Sie behandelt Lars grösstenteils wie alle anderen Schüler. «Wir versuchen auch, in jedem Quartal eine Turnstunde zu gestalten, in der Lars mitmachen kann. Darauf freuen sich die Schüler immer sehr», sagt sie.

Bei den Schulreisen klären sie und Rita Dahinden jeweils gemeinsam ab, welche Strecken oder Orte rollstuhlgängig sind. «Denn man kann den Elektrorollstuhl auch nicht einfach hochheben, der wiegt 150 Kilo», erklärt Rita Dahinden. Doch dass sich der Aufwand lohnt, zeigen ihnen die Kinder, insbesondere Lars: «Mir gefällt es sehr gut in der Schule», lacht er. «Für uns Eltern ist es wundervoll zu sehen, dass das Kind glücklich ist», hält Barbara Antonsen fest.

Mehr Informationen über Lars und die Spinale Muskelatrophie gibt die Website www.antonsen.ch