Boswil
Künstlerhaus wagt neues Experiment: «Den Teilnehmern wird ein neuer Zugang zur Musik eröffnet»

Das Künstlerhaus in Boswil lädt erstmals in seiner Geschichte Amateurmusiker zu einer Orchesterakademie ein. Die junge Dirigentin Anne-Cécile Gross wird dabei von zwei Musikphysiologinnen untersützt.

Christian Breitschmid
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Anne-Cécile Gross will Türen öffnen. Das gilt vor allem für einen neuen, körperbewussten Zugang zur Musik und zum eigenen Instrument.

Anne-Cécile Gross will Türen öffnen. Das gilt vor allem für einen neuen, körperbewussten Zugang zur Musik und zum eigenen Instrument.

Christian Breitschmid

«Meine Blockflötenlehrerin hatte keine Freude an mir, und ich hatte keine Freude an der Blockflöte», schreibt Patrick Schellenberg, der neue PR-Verantwortliche des Künstlerhauses Boswil, in seiner Einladung zur Orchesterakademie für Amateurmusiker.

Und weiter: «Vielleicht scheiterte meine musikalische Laufbahn schlicht und einfach, weil attraktive Angebote fehlten. Hätte es die Akademie des Künstlerhauses Boswil damals schon gegeben, wer weiss, vielleicht wäre musikalisch etwas aus mir geworden. Ihnen soll es besser ergehen ...»

Es bedarf keiner seherischen Fähigkeiten, um zu wissen, dass es den Teilnehmern dieses musikalischen Experiments ganz sicher gut ergehen wird, denn die Orchesterakademie, die vom 1. bis 7. Oktober im Künstlerhaus Boswil stattfindet, steht unter der Leitung von Anne-Cécile Gross.

Die junge Dirigentin, die unter anderen das Jugendorchester Freiamt und das Kammerorchester Bülach leitet, freut sich enorm auf dieses neue Projekt: «Wir haben viel vor. Einerseits sollen hier erwachsene Laienmusiker über die Generationen hinweg zusammenkommen, um gemeinsam ein Programm zu erarbeiten. Andererseits helfen mir Johanna Gutzwiller und Irene Spirgi-Gantert, zwei grossartige Musikphysiologinnen, dabei, unseren Teilnehmern einen völlig neuen Zugang zur Musik zu eröffnen.» Dabei geht es um den Einsatz des eigenen Körpers beim Musikmachen.

«Musiker sind Spitzensportler», sagt die Proficellistin, die 2013 eine aussichtsreiche Stelle als Assistentin des Dirigenten beim Pittsburgh Symphony Orchestra aufgegeben hat, um in Boswils «Ort der Musik» ihr Ideal zu leben. «Den Kopf und das Herz haben alle, die Musik lieben und Musik machen. Aber dazu kommt der Körper, den man kennen und pflegen muss, um wirklich Musik leben zu können.»

Schweizer Erstaufführung

Dafür sind in der Orchesterakademie die Musikphysiologinnen zuständig. Beide sind diplomierte Physiotherapeutinnen, die sich auf die Behandlung und Betreuung von Musikern spezialisiert haben. Sie werden die Teilnehmer der Akademie von der ersten Probe an beobachten und beraten, in Gruppen- und Einzelsitzungen, und werden so dazu beitragen, dass die Musiker ihr volles Potenzial auf dem jeweiligen Instrument entwickeln können. «Es geht darum», erklärt Gross, «in der Entspannung die Musik zu finden. Ich sage in den Proben des Jugendorchesters oft ‹Hört auf zu bügeln!› und meine damit, sie sollen nicht verkrampft und mit der Angst vor falschen Noten an der Technik feilen.»

Nebst einem völlig neuen Zugang zum eigenen Instrument und zu dem Körper, der Teil dieses Instrumentes werden soll, bekommen die Amateurmusiker in der Akademie die Gelegenheit, musikalische Neuentdeckungen zu machen, die im Rahmen des hinreichend bekannten Orchesterrepertoires nicht möglich wären.

Als Gross mit der Idee einer Orchesterakademie für Laien beim Leiter des Künstlerhauses, Michael Schneider, ankam, war dieser sofort begeistert. «Ich habe dann mehrere mögliche Programme zusammengestellt und dem Team präsentiert. Da war sofort klar, dass wir das russische Programm machen würden.» So sind es nun also selten gespielte Werke von Paul Juon (1872–1940), Reinhold Glière (1875–1956) und Anton Arensky (1861–1906), die in der Akademie erarbeitet werden.

«Das ist Musik», schwärmt Gross, «die so wunderschön ist, dass man weinen könnte.» Besonders stolz ist die Dirigentin auf die Schweizer Erstaufführung von Paul Juons «Jngeborgs Klage». Die Komposition des Russland-Schweizers dürfte auch für die Zuhörer zu einer Entdeckung werden. Von Glière erklingt das Konzert für Koloratursopran und Orchester in f-Moll, op. 82, und von Arensky, der Glière und Juon unterrichtet hat, die Sinfonie Nr. 1 in h-Moll, op. 4.

Das Soziale macht den Klang

Die Noten zu den Stücken kann man unter www.imslp.com anschauen oder sich die Stücke auch auf Youtube anhören. Wer dann versuchen möchte, mit seinem Blas-, Streich- oder Schlaginstrument, vielleicht auch mit seiner Harfe, Teil des Orchesters zu sein, das diese Musik zum Leben erweckt, kann sich unter den unten angefügten Koordinaten anmelden. Die Teilnahme kostet, mit Vollpension und Übernachtung im Doppelzimmer, 750 Franken.

Wer nur die Mahlzeiten im Künstlerhaus einnimmt und ansonsten ausserhalb nächtigt, bezahlt 570 Franken. Anreise ist am 30. September. Die Proben, inklusive Musikphysiologie, beginnen jeden Morgen um 9 Uhr und dauern bis zirka 19.30 Uhr abends. «Es wäre schön, wenn möglichst viele auch im Künstlerhaus übernachten würden», meint Gross, «denn das Zusammensein, das Soziale, ist ein Teil des Klangs eines Orchesters.»

Die Stimmführer der einzelnen Register sind allesamt Profis und ausgewiesene Musikpädagogen. «Mit ihnen werden wir jede Menge Spass haben», betont Gross. Sie selber lacht fürs Leben gern und stellt die Freude über alles andere: «Wir erbringen hier nicht einfach eine Leistung – wir machen Musik!» Und das geschieht nicht durch stieren Ernst, sondern durch den Spass an der Freud.

Darum sagt das dirigierende Energiebündel mit sehr viel Lust auf das gemeinsame Erarbeiten eines grossartigen Werkes: «Ich suche für dieses Projekt noch dringend nach Spielkameraden.» Informieren können sich Kameraden, die gerne mit Anne-Cécile Gross und einem grossen Orchester musizieren würden, auf der Website www.kuenstlerhausboswil.ch.

Anmeldung bis 18. Juni auf der Website office@kuenstlerhausboswil.ch oder über Telefon 056 666 12 85

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