Pirmin Breu ist, das merkt schnell, wer mit ihm spricht, keiner, der lange überlegen muss. Wenn er begeistert ist, hirnt er sofort an der besten Umsetzung. Wenn er sich für etwas entscheidet, zieht er es durch. Wenn er weiss, dass es noch aussergewöhnlicher ginge, überzeugt er alle davon. So musste der 46-jährige Street-Art-Künstler aus Wohlen nicht lange überlegen, als die Anfrage der Appenzeller Bahnen kam. An der Eröffnungsfeier des Ruckhaldetunnels, der St. Gallen ab Herbst mit dem Appenzellerland verbinden wird, sollte Breu live ein Kunstwerk sprayen. Er sagte zu – und machte «im gleichen Atemzug einen Vorschlag, was man sonst noch so Schönes anstellen könnte in einem neuen Tunnel». Seine Idee: der längste Alpaufzug der Welt, 700 Meter Kunst am Beton.

Alp auf Zug

Seit 15 Jahren befasst sich Breu mit dem Thema Alpaufzug. Obschon in Baden geboren, in Muri aufgewachsen und in Wohlen zu Hause, hat er auch Wurzeln im Appenzellerland: Seine Familie kam aus Oberegg AI. Ende der 80er-Jahre entdeckt er als Teenager die Spraydose, wird Teil der Graffitiszene, sprayt im In- und Ausland, manchmal bis zur Verhaftung. Er schafft den Schritt in die «legale» Lehre als Schriften- und Reklamemaler. Doch just als er abschliesst, erobert der Computer die Welt und stürzt handwerkliche Spezialisten wie Breu in die Krise. Er geht in die USA und schafft sich einen Namen als Street-Art-Künstler. Stellt aus in Los Angeles, Buenos Aires, Tijuana. Schafft viel beachtete Kunstwerke an der Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko oder für «The Wall», die legendäre Rock-Oper von Pink Floyd.

Vor 15 Jahren kehrt er heim. «Ich hatte das Gefühl, dass ich die Welt vorerst gesehen hatte. Ich wollte zu meinen Wurzeln, meinen Ursprung erforschen.» Auf den 30. Geburtstag lässt er sich in Appenzell einen Appenzellergurt handfertigen. Und probiert erstmals, einen Alpaufzug zu sprayen. So, wie er Appenzell mit weit gereisten Augen sieht. Den Appenzeller Bahnen gefällt die Melange, und Breu darf eine Komposition besprayen: «Alp auf Zug». Vor ein paar Monaten, als es um den Bau des Ruckhaldetunnels geht, erinnert man sich an den Mann aus dem Aargau mit den verrückten Ideen. Und Breu, der heute mit Verkäufen, Auftragsarbeiten und Schulworkshops von der Kunst leben kann, ist klar: Hier bietet sich die Chance auf etwas Grosses.

Je simpler, desto nachhaltiger

Letzten Winter darf er in einen anderen Tunnel, um zu üben. «So etwas hatte noch niemand gemacht. Ich musste zuerst herausfinden, was farblich funktioniert und wie viel Abstand die Figuren brauchen, damit sie aus einem fahrenden Zug erkannt werden.» Die Kunst wird nur durch das Licht aus den Wagen erhellt. Er wolle den Alpaufzug nicht wie eine Leuchtreklame aufdrängen. «Wer ihn nicht sehen will, sieht ihn nicht. Alle anderen können über Jahre Neues entdecken.» Wir alle, mahnt Breu, sollten lernen, Kunst nicht bloss zu konsumieren, sondern auf die Suche zu gehen nach ihr.

«Ich musste, um die gleichen Emotionen zu wecken beim Betrachter wie die wunderschöne alte Appenzeller Kunst, alles vereinfachen.» So sind die Sennen, Hunde und Geissen nur schwarz-weiss. «Je simpler etwas ist, desto nachhaltiger kann es wirken», ist sich Breu sicher. Vergangene Woche sprayte er die letzten Figuren. Jetzt heisst es warten, bis im September die ersten Testzüge fahren. Erst dann kann Breu erfahren, wie seine Kunst wirkt. Er weiss jetzt schon: «Ich werde kaum ganz zufrieden sein. Aber das wäre auch schade, dann müsste ich ja als Künstler aufhören.»