Wohlen
Kulturabend in der Pfarrkirche: Wo die Muttergottes drei Hände hat

Über 60 Personen besichtigten an einem Volkshochschulkurs die katholische Pfarrkirche.

JÖRG BAUMANN
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Der Bezirkslehrer und Stadtführer Daniel Güntert (links) und der Organist Alois Bürger gewährten Einblick in die Geschichte der katholischen Kirche St. Leonhard in Wohlen. Walter Christen

Der Bezirkslehrer und Stadtführer Daniel Güntert (links) und der Organist Alois Bürger gewährten Einblick in die Geschichte der katholischen Kirche St. Leonhard in Wohlen. Walter Christen

Walter Christen

Die heilige Maria mit drei Händen: Das sieht man nur im Deckengewölbe der Wohler Pfarrkirche. Genüsslich wies der Bezirkslehrer und Stadtführer Daniel Güntert die vielen Besucher, die der Einladung der Volkshochschule Wohlen zu einem besonderen Kulturabend gefolgt waren, auf dieses Unikum hin. «Was will uns der Maler Leonhard Isler damit sagen? Meint er mit der dreihändigen Maria die Dreifaltigkeit? Ich weiss es nicht», meinte Güntert. «In der Kirche hat es noch mehr solcher Rätsel.»

Alois Bürger im Element

Die Kirche habe eine sensationelle Akustik, betonte Güntert. Der Wohler Musiker Alois Bürger trat den Beweis an. Er holte alles aus der 1972 installierten Mathis-Orgel heraus, was diese zu bieten hat, und scheute sich nicht, auch moderne Ohrwürmer zu platzieren. Dem Publikum gefiel, was Bürger bot. Bei der Einweihung der neuen Orgel, die fast bis an die Decke reicht, luden die Wohler 1972 den französischen Meisterorganisten Gaston Litaize ein, das Instrument zum ersten Mal zum Klingen zu bringen. Auch damals war das Publikum hell begeistert.

Die Anschaffung der Orgel ging mit einer umfassenden Innenrestaurierung einher. Dabei drängte man die barocken Elemente zugunsten der klassizistischen zurück. Nicht mehr ändern konnte man, dass der von der alten Kirche von 1488 verwendete Kirchturm nicht ganz im rechten Winkel steht. Die Restaurierung sei indessen gelungen, auch dank der von Willy Hans Roesch aus Baden installierten stilechten Beleuchtung, die aber nicht leicht zu putzen sei, sagte Güntert.

Kirchenpflege im Schussfeld

Längst vergessen ist, dass es bei der Installation der Vorgängerorgel 1890, für die eine Wohler Delegation nach Paris reiste, beinahe zu einem Eklat kam. «Besorgte Bürger» verlangten auf einem Flugblatt die Absetzung der Kirchenpflege, weil diese bei den Kosten übertrieben habe. Denn die neue, viel grössere Orgel musste auf die untere Empore versetzt werden, erzählte Güntert. Die Kirchenpflege konnte indessen im Amt bleiben. Sie wurde im Wahlgang wieder gewählt. Die erste Orgel kam erst 1821 in die 1808 eingeweihte Kirche. Sie war ein Gelegenheitskauf vom aufgehobenen Kloster Petershausen bei Konstanz.

In «wilden Zeiten», kurz nach der Französischen Revolution und nach der Gründung des Kantons Aargau, hätten die Wohler den Mut gehabt, unter vielen Opfern und mit vielen Frondienststunden die neue Pfarrkirche zu bauen, berichtete Güntert. Wohlen zählte 1804 knapp 1400 Einwohner. Vor den Bauarbeiten wurden etliche Bürger gebüsst, weil sie für die Kirche bestimmtes Bauholz gestohlen hatten. Auch verschwanden die unter den Dachkenneln installierten Drachenköpfe auf ominöse Weise. Sie sollen ins Reusstal, «nahe bei Wohlen», abgewandert sein.

Bei der letzten Innen- und Aussenrenovation (1996/1997) wurden der Innenraum und die Fassaden der Kirche erneuert und technische Verbesserungen vorgenommen. Diese Renovation trug dazu bei, das ursprüngliche Aussehen des Gotteshauses zu bewahren.

Nächstes Jahr ein Jubiläum

Bis 1518 war die Pfarrei auf die drei Kirchen Wohlen, Niederwil und Göslikon aufgeteilt. Die Wohler Bürger Johann Nägeli und Johann Fluri, die nach Niederwil und Göslikon pfarrgenössig waren, erreichten in Verhandlungen, dass sie und ihre Mitstreiter künftig mit der Pfarrkirche von Wohlen verbunden wurden. «Also feiern wir nächstes Jahr ein Jubiläum: 500 Jahre Pfarrei Wohlen», freute sich Güntert.

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