Bald kriechen sie wieder aus Ritzen und Löchern und transportieren in langen Strassen Nestmaterial und Nahrung in ihren Bau. Die Ameisen sind eine der erstaunlichsten Insektenarten der Welt. Einer ihrer Bewunderer ist Künstler Jörg Rohner aus Sins. Gemeinsam mit Lehrer Stefan Diethelm und dessen Sekundarschulklasse 2Sb will er zu ihren Ehren ein gewaltiges Kunstprojekt realisieren: eine über 1200 Kilometer lange Ameisenstrasse von Sins bis nach Augustenborg in Dänemark.

Faszination Insekten

Seit 1979 arbeitet Jörg Rohner als selbstständiger Goldschmied im eigenen Atelier, erst in Knonau und später in Sins. Neben Schmuck entstanden mit der Zeit auch Skulpturen. «Ich lasse mich dabei von der Natur inspirieren, insbesondere von der Insektenwelt», erklärt er. «Insekten weisen eine unendliche Formenvielfalt, Schönheit, Filigranität und Kraft auf und haben unbegreifliche Fähigkeiten.» Durch das Vergrössern und die künstlerische Umsetzung könne er auf diese Welt aufmerksam machen. Bei solchen Grossprojekten wird er von Künstlerkollegen unterstützt. Das Team arbeitet unter dem Namen «Papillon d’or». Anfang letzten Jahres entstand eine fünf Meter grosse Ameise aus Polyester und damit verbunden die Idee der transeuropäischen Ameisenstrasse.

Kunst für alle

«Diese Installation wollen wir mit Schülern bauen, damit sie an einem Gemeinschaftsprojekt teilnehmen können, das über die Grenzen hinaus reicht», betont Rohner. «Die Idee dahinter ist, der Kunst ihren elitären Charakter zu nehmen und sie für junge Menschen erlebbar zu machen.» Sein Plan: Alle zehn Kilometer sollen Schüler der an der definierten Strecke liegenden Schulen eine drei bis fünf Meter grosse Ameise aus Holz bauen – nach eigenen Ideen oder nach einer Anleitung des Künstlers. Alternativ dazu kann eine Ameise gleichen Ausmasses an eine Schulhauswand gemalt werden.

Zusätzlich schreiben die Schüler Wünsche oder Botschaften auf etwa 40 Zentimeter grosse Ameiseneier, die sie ebenfalls selbst herstellen. Die Eier werden eingesammelt und sind Bestandteil der Skulptur am Ende der Strasse im Skulpturenpark Augustenborg. Diese – drei Ameisen aus Polyester, die sich um die Eier scharen – baut das Künstlerteam. Die Eier können vom Betrachter aufgehoben und die Botschaften darauf gelesen werden. «Wir rechnen damit, dass über 100 Schulen und etwa 1500 Schüler am Projekt mitwirken.» Die Strecke führt von Sins über Zürich, Freiburg, Heidelberg, Frankfurt, Kassel, Hannover, Hamburg und Flensburg bis nach Augustenborg. Unterstützt wird das Projekt vom Künstler Franz Hohler, von der Gnädinger Marketingwerkstatt in Sins sowie von der Schulleitung und der Gemeindebehörde Sins.

Harziger Start

Die Sekundarschüler von Stefan Diethelm haben bereits vor den Sportferien sämtliche auf der Strecke liegenden Schulen angeschrieben. «Fast 100 E-Mails und Briefe haben wir verschickt», berichtet Diethelm. Leider sei der Erfolg in der Schweiz und Deutschland bisher ziemlich enttäuschend. Anders in Dänemark, wo das Projekt auf viel Begeisterung stösst. «Das Schulsystem in Dänemark ist offener und flexibler als unseres. Es lässt mehr Raum für solche Experimente», glaubt Jörg Rohner. Stefan Diethelm hingegen meint, es liege vielleicht daran, dass man nicht auf Anhieb an die richtigen Leute gelange. «Wir hatten bereits Erfolge mit Schulen, zu deren Lehrpersonen wir persönliche Kontakte pflegen.» Schliesslich biete das Projekt viele interessante fächerübergreifende Themen, mit denen sich die Schüler und Lehrpersonen auseinandersetzen könnten. Man will nun die Anfragen wiederholen und zusätzlich weitere Institutionen wie Kunstakademien, Sonderschulen, Jugendvereine, aber auch Tourismusorganisationen und Gemeinden anschreiben. «Ich bin überzeugt, dass unser Projekt gelingen wird», sagt Rohner, «wenn es auch etwas länger dauert, als vorgesehen.»

Weitere Infos gibt es unter www.ameisenstrasse.ch