Das Ärztehaus in Bremgarten gibt es nur noch bis Ende Monat. Man habe «keine Nachfolgelösung für den langjährigen Leiter und Gründer des Ärztehauses, Dr. med. Ronnie Bachofner, gefunden», heisst es auf der Internetseite. Er habe sich entschlossen, sich beruflich neu zu orientieren. Wie Stephan Oehen, Sprecher des Ärztehauses Bremgarten, bestätigt, sind von der Schliessung «mehrere tausend» Patientinnen und Patienten betroffen. Wie viele genau, kann er nicht sagen: «Patientendossiers sind es gegen 10 000, wobei eine 10-jährige Aufbewahrungspflicht gilt.»

Da viele Hausärzte in der Region bereits heute einen grossen Kundenstamm haben, dürfte es für manche Betroffene schwierig werden, einen neuen Hausarzt zu finden. Oehen beschwichtigt jedoch: «Es gibt keinen Versorgungsnotstand. Die Stadt Brem- garten und die Region verfügen über ein sehr gut funktionierendes und ausgebautes Gesundheitssystem.» Bachofner und sein Team würden im Moment intensiv daran arbeiten, für jeden Patienten eine optimale Überweisung sicherzustellen.

Gerne hätte die az auch mit einem der betroffenen Ärzte oder Bachofner selbst gesprochen. Diese dürfen den Medien aber keine Auskunft erteilten, sämtliche Kommunikation läuft über das Unternehmen Oehen PR. Dieses schreibt dazu: «Die Kommunikation in einem Unternehmen zu bündeln und Verantwortlichkeiten zuzuweisen, ist eine bewährte Praxis.»

Beschämende Situation

Stattdessen hat sich die Aargauer Zeitung bei anderen Hausärzten in der Region umgehört. Denn an ihnen wird es liegen, die Patienten des Ärztehauses zu übernehmen und künftig zu behandeln. Bei ihnen klingt es oft nicht ganz so optimistisch wie bei Stephan Oehen, dem Mediensprecher des Ärztehauses. Der plötzliche Zuwachs an Patienten ist für sie keineswegs problemlos.

So wird beispielsweise das Doktorzentrum Mutschellen in Berikon vor personelle und finanzielle Herausforderungen gestellt. «Das Ärztehaus in Bremgarten schliesst, und es wird erwartet, dass das Doktorzentrum dafür in die Bresche springt», sagt Christian Schafroth, Facharzt für Allgemeinmedizin und Mitglied der Praxisleitung des Doktorzentrums, auf Anfrage. «Wir sind jetzt aber schon übervoll.»

Die Patienten abzuweisen, komme trotzdem nicht infrage. «Wir werden unser Bestes tun, auch alle neuen Patienten aufzunehmen und zu behandeln. Ein Patientenstopp, das können wir nicht machen.» Schafroth ist vor allem enttäuscht von der Politik und findet die momentane Situation beschämend. «Die Stadt hätte vorausdenken sollen und sich darum kümmern müssen, neue Gesundheitszentren zu planen oder junge Ärzte anzulocken.»

Die Hürden der Überbelastung will das Doktorzentrum mit der Einstellung von mehr Personal meistern und hat bereits annähernd eine Lösung gefunden: «Wir übernehmen einen Teil des medizinischen Personals des ehemaligen Ärztehauses.» Dazu gehören zwei Ärzte und eine medizinische Praxisassistentin in Ausbildung, für die im Grunde aber gar kein Bedarf bestehe, was das Doktorzentrum wiederum vor ein Budgetproblem stelle. «Man wird als soziales Wesen ausgenutzt. Es ist an der Zeit, dass sich die Politiker Gedanken machen», sagt Schafroth.

Belastungsgrenze für die Ärzte

Auch das Ärztezentrum Mutschellen teilt mit, sich auf einen Patientenansturm vorbereitet zu haben. Ebenso Hausärztin Dagmar Koppe: Sie sieht sich und ihre Arztpraxis in Zufikon vor vollendete Tatsachen gestellt. Aber die Patienten abweisen, will sie nicht: «In Deutschland gibt es die Möglichkeit eines Patientenstopps überhaupt nicht. So viel, was ich schaffen kann, werde ich leisten.» Wie viel sie und andere Ärzte in der Region tatsächlich schaffen werden, wird sich zeigen. Für Schafroth ist jedoch klar: «Ich will nicht selbst in den nächsten fünf Jahren an einem Herzinfarkt sterben.»