Freiamt
Kritik am Freiamt: «Der provinzielle Smog hängt tief über der Region»

Peter Richner (63), pensionierter Kantonsschullehrer aus Brugg, ist in Waltenschwil und Wohlen aufgewachsen und hat ein Buch mit dem Titel «Versuch & Irrtum» über seine Jugendzeit im Freiamt geschrieben.

Samuel Schumacher
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Peter Richner vor seinem Heimatdorf: «In Waltenschwil wusste seinerzeit jeder genauestens Bescheid über sämtliche Dorfskandale.»

Peter Richner vor seinem Heimatdorf: «In Waltenschwil wusste seinerzeit jeder genauestens Bescheid über sämtliche Dorfskandale.»

AZ

Herr Richner, Ihr Buch «Versuch & Irrtum» beginnt mit einer szenischen Beschreibung des Angliker Autofriedhofs. Ein düsterer Einstieg ins Freiamt.

Peter Richner: Das stimmt. Das Freiamt verbinde ich mit gemischten Erinnerungen. In Wohlen ist mir deswegen oft etwas «unwohl» zumute. Und dann passiert es mir in Aarau, dass ich mich plötzlich das Freiamt verteidigen höre. Paradox, aber wahr.

Sie beschreiben das «amerikanisch anmutende Durcheinander» zwischen Anglikon und Wohlen und bezeichnen die reformierte Kirche in Wohlen als «das scheusslichste Gebäude ganz Europas». Steht es so schlimm um das Freiamt?

Erschreckend ist für mich vor allem die zunehmende Überbauung von freiem Land mit stilloser, hässlicher Bausubstanz.

Wohlen heisst in Ihrem Buch Neblikon. Woher der trübe Übernahme?

Der Nebel gehört für mich zum Freiamt, auch im übertragenen Sinne. Der provinzielle Smog hängt tief über der Region. Es herrschte, so meine damalige Erfahrung, Kurzsichtigkeit, es fehlte der Weitblick, es mangelte an Offenheit gegenüber dem, was ringsum passierte. Das hat mich in der Jugend sehr bedrückt. Vielleicht habe ich aber damals häufig auch meine eigenen Probleme auf die Freiämter Umgebung projiziert.

Wer hat denn diesen erdrückenden Nebel zu verantworten?

Zum einen der in meiner Jugendzeit omnipräsente Katholizismus. Dann aber die offenbar auch heute noch existierende politische Nein-Sager-Mentalität und die kulturell desinteressierte Mehrheit. Richtig ausgelassen ging es in der Region nur an der Fasnacht zu. Und ich kann mich gut erinnern, wie wir vor unserem Übertritt in die Kantonsschule von sittenstrengen Freiämtern vor dem wilden, zügellosen, freisinnigen Aarau gewarnt wurden.

Trotzdem trauern Sie dem Freiamt Ihrer Jugend nach. War denn früher alles besser?

Im Vergleich zu heute war das Freiamt in den 50er und 60er Jahren homogener. Es gab damals in Wohlen noch schöne Villenquartiere und viele Grünflächen, die heute mit Wohnblöcken verstellt sind. Hier in Wohlen gibt es besonders viele Beispiele dafür, was passieren kann, wenn man keinen Sinn für Ästhetik und keine richtige Zonenordnung hat.

Sehen Sie auch positive Entwicklungen?

In Waltenschwil wusste seinerzeit jeder genauestens Bescheid über sämtliche Dorfskandale, wer mit wem Ehebruch beging. Die Gerüchteküche brodelte damals stärker als heute, wo Waltenschwil zu einer Art ruhigem Vorort von Zürich geworden ist.

In «Versuch & Irrtum» bedauern Sie das Verschwinden der alten Freiämter Ausdrücke. Wie steht es denn um unseren Dialekt?

Ausdrücke wie beispielsweise «Imbi», «es Leilach» oder «Ohmbeissgi» sind von der Bildfläche verschwunden. Der Freiämter Dialekt geht - wie die Schweizer Mundarten überhaupt - langsam unter. Diese Entwicklung ist zu bedauern, wird sich aber kaum aufhalten lassen.

«Versuch & Irrtum» hat stark autobiographische Züge. Schildern Sie in Ihrem Buch die Geschichte eines typischen Freiämters, oder sind Sie ein Spezialfall?

Viele der Schwierigkeiten meiner Jugend waren wohl kaum spezifisch freiämterisch, sondern hatten eher mit meinen eigenen Entwicklungsproblemen und dem als einengend empfundenen Elternhaus zu tun. Ich kann mir trotzdem gut vorstellen, dass der eine oder andere Leser in seiner Freiämter Jugend Ähnliches erlebt hat.

Wie fallen denn die Rückmeldungen der bisherigen Leser aus?

Eine Jahrgängerin fand, die Lektüre des Buches sei ihr wie ein Gespräch mit einem alten Freund vorgekommen. Das hat mich sehr gefreut. Und eine andere bemerkte zum Kapitel «De Höchscht im Dorf»: «Ja, genau so war es!» Ich selbst würde diese Sicherheit wohl nicht teilen, sondern eher sagen: Es hätte so sein können.

Weshalb soll man denn Ihr Buch lesen?

Wir haben bisher vorwiegend vom Freiamt und von Wohlen gesprochen. Es gibt aber viele andere Themen im Buch: die Beziehung zum Grossvater, zwei sehr komische RS-Episoden, Landdienst-Erfahrungen, eine unglückliche Liebesgeschichte, einen Flug in die Zukunft usw.

Sie haben Ihre Geschichte mit «Versuch & Irrtum» betitelt. Was ist der Versuch? Wo liegt der Irrtum?

Der englische Begriff «trial and error» hat mir dabei vorgeschwebt. Die Figur in meinem Buch sucht Halt in dieser Welt, um zu sich selbst zu finden. Die Angst vor dem Irrtum ist dabei ein zentrales Thema. Und doch steht schon bei Hegel geschrieben: «...dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.» Unterdessen bin ich kühner geworden. Und deshalb habe ich es wohl auch gewagt, dieses Buch zu veröffentlichen.

Buch: «Versuch & Irrtum», Zumsteg Druck AG, 2012. Erhältlich für 20 Franken (plus Porto) über p.richner@gmail.ch