Stromleitung

Konsternation und Wut im Reusstal: «Diese Variante ist die schlechteste überhaupt»

Die 220 kV-Hochspannungsleitung im Reusstal zwischen Niederwil und Obfelden soll auf 380 kV erweitert werden.

Die 220 kV-Hochspannungsleitung im Reusstal zwischen Niederwil und Obfelden soll auf 380 kV erweitert werden.

Das Bundesamt für Energie hat die geplante Führung der neuen Starkstromleitung präsentiert – starke Opposition zeichnet sich ab.

Im Februar 2016 hat das Bundesamt für Energie (BFE) an einer Veranstaltung in Bremgarten sieben mögliche Korridore für die geplante neue 380-kV-Hochspannungsleitung der Swissgrid zwischen Niederwil und Obfelden präsentiert. Im Rahmen der Vernehmlassung haben sich die Gemeinden im Bünz- und Reusstal klar für die Variante 5 ausgesprochen.

Dabei würde die neue Leitung praktisch auf der gesamten Länge von 17 Kilometern verkabelt. Mit dieser Variante hätte auch der Verein Verträgliche Starkstromleitung Reusstal (VSLR) leben können. Der VSLR hatte ein erstes, 2006 präsentiertes Projekt massiv bekämpft und erreicht, dass 2012 mit der Planung bei Null begonnen werden musste.

Knapp vier Jahre nach dem Silberstreifen am Horizont ist die Konsternation, um nicht zu sagen die Wut, im Reusstal wieder gross. Am Donnerstag hat das Bundesamt jene Variante präsentiert, die weiterverfolgt werden soll. Und da ist nichts mit Verkabelung. Zumindest fast nichts. Die aktuelle Variante entspricht weitgehend dem Korridor 2, der 2016 ebenfalls präsentiert worden ist, aber kaum auf Zustimmung stiess.

Klare Favoriten wurden nicht berücksichtigt

Entsprechend waren die Reaktionen: «Was hat das Bundesamt geritten? Diese Variante ist die schlechteste überhaupt. Unsere klaren Favoriten hingegen sind nicht berücksichtigt worden», sagte Hans Kneubühler, der Präsident des VSLR aus Fischbach-Göslikon.

Walter Koch, der Gemeindeammann von Niederwil, sagte es in noch deutlicheren Worten. «Dieser Entscheid ist absolut unverständlich. Das Ergebnis der Vernehmlassung ist nicht berücksichtigt worden. Dem sage ich Diktatur. So wird die Demokratie ausgehebelt und das gurkt mich an.»

Bei der jetzt präsentierten Variante ist eine Linienführung vorgesehen, die gänzlich von jener der bestehenden 220-kV-Leitung abweicht. Sie soll vom Unterwerk Niederwil bis östlich von Besenbüren durch ein Gebiet führen, das östlich von der bestehenden Leitung und westlich von einer Linie etwas unterhalb der Krete des Hügelzuges Wagenrain begrenzt ist. Südlich von Rottenschwil soll die neue Leitung im Bereich des Weilers Werd die Reuss queren.

Aus Rücksicht auf das dortige Naturschutzgebiet ist hier eine Verkabelung geplant, ungefähr vom Knoten Mohrentalstrasse/Abzweiger Besenbüren bis südlich von Jonen. Von dort aus ist wieder eine Freileitung via Ottenbach und Zwillikon bis Obfelden vorgesehen, weitgehend über unbewohntes Gebiet.

Auch wirtschaftliche Kriterien spielten eine Rolle

Auf die jetzt präsentierte Leitungsführung geeinigt und diese dem BFE zur Weiterbearbeitung vorgeschlagen hat die offizielle Begleitgruppe, die vom Bundesamt für das seit 2012 laufende Verfahren eingesetzt worden ist. In diesem Gremium sitzen Vertreter von Bund, Kantonen, Umweltverbänden und Bauherrin Swissgrid. Werner Gander, Leiter der Sektion Elektrizitäts- und Wasserrecht beim BFE erklärte in Bremgarten, man habe beim Variantenentscheid alle Vor- und Nachteile seriös gegeneinander abgewogen.

Dabei seien rund 40 Einzelkriterien zu berücksichtigen gewesen. Bei diesen Kriterien gehe es einerseits um die konsequente Einhaltung aller gesetzlichen Vorgaben, die den Schutz von Mensch und Umwelt betreffen würden. Es gehe aber letztlich auch um wirtschaftliche Kriterien.

Ihm sei klar, erklärte Gander, dass bei der präsentierten Variante kaum jemand in Begeisterungsstürme ausbrechen werde. «Doch wir können mit diesem Korridor unser Ziel erreichen, die Eingriffe in die Umwelt und die Nachteile für die Bevölkerung in der betroffenen Region so klein wie irgend möglich zu halten.»

Gestellt wurde an der Präsentation auch die Kostenfrage. Für die präsentierte Variante schätzt Swissgrid die Realisierungskosten auf rund 66 Mio. Franken. Eine Verkabelung über die gesamte Leitungslänge von 17 Kilometer würde hingegen gegen 150 Mio. Franken kosten. Der Planungskorridor für die neue Starkstromleitung liegt vom 2. Dezember 2019 bis 29. Februar 2020 in den vom Projekt tangierten Gemeinden sowie beim Kanton öffentlich auf. Im Rahmen dieses Mitwirkungsverfahrens können sich Gemeinden, Verbände und Private äussern.

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Autor

Toni Widmer

Toni Widmer

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