Muri
Knochenbohrer, etwas Blut und ein Hexenschuss: Das erleben Rettungssanitäter an einem Tag

Zum 110. Geburtstag des Spitals Muri verbringt die AZ je einen Tag auf verschiedenen Stationen und berichtet in einer Serie darüber. Im zweiten Teil war unsere Redaktorin mit den Rettungssanitätern unterwegs.

Andrea Weibel
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Rettungssanitäterin Monika Wigger und Transportsanitäter Hansruedi Käslin haben die beiden Rettungswagen kontrolliert und sind nun bereit für ihren nächsten Einsatz.
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Nach jedem Einsatz gehört das Aufräumen, Nachfüllen, Putzen und Bettenmachen dazu, wie es hier Sybille Speiser und Hansruedi Käslin tun.
Einen Tag mit den Rettungssanitätern des Spitals Muri
In Gedanken sehen sie blutüberströmte Verletzte neben Autowracks liegen, während die Rettungsteams ums Überleben der Verletzten kämpfen.
Als unsere Redaktorin dabei war, sah es anders aus: Von fünf Einsätzen sind vier Krankentransporte von einem Spital zum anderen.

Rettungssanitäterin Monika Wigger und Transportsanitäter Hansruedi Käslin haben die beiden Rettungswagen kontrolliert und sind nun bereit für ihren nächsten Einsatz.

Andrea Weibel

Wenn sie an den Beruf eines Rettungssanitäters denken, stellen sich bei vielen Leuten die Nackenhaare auf. In Gedanken sehen sie blutüberströmte Verletzte neben Autowracks liegen, während die Rettungsteams ums Überleben der Verletzten kämpfen. «In Wahrheit ist unser Job viel weniger blutig, als viele meinen», sagt Rettungssanitäterin Sybille Speiser.

Stefan Haber, Leiter des Murianer Rettungsdienstes, ergänzt: «Unfälle machen nur 30 Prozent unseres Einsatzspektrums aus, die restlichen 70 Prozent sind Krankheitsbilder aus der internistischen, neurologischen und psychiatrischen Medizin.» Der Montag, an dem die AZ eines der beiden Rettungsteams begleiten darf, verdeutlicht das vorbildlich: Von fünf Einsätzen sind vier Krankentransporte von einem Spital zum anderen. Und auch der fünfte ist nicht blutig.

Spannend ist der Tag dennoch. Und das, obwohl Speiser morgens um 7 Uhr sagt: «Aus irgendeinem Grund passiert an Tagen, an denen wir Praktikanten dabei haben, meist überhaupt nichts.» Schon bald zeigt sich, dass ihre Voraussage für diesen Montag nicht zutrifft.

7.00 Uhr: Kontrolle der Martins

«Als Allererstes werden die Fahrzeuge kontrolliert. Das macht man zu Beginn jeder Schicht», erklärt Speiser. Sie hat zusammen mit Corinne Burch die Tagesschicht von 7 bis 19 Uhr. Ihre beiden Kollegen von der Zwischenschicht werden sie ab 8 Uhr unterstützen. Im Krankenwagen «Martin 72», einem von zwei, die neben einem Noteinsatzfahrzeug in der Rettungsdienstwache des Spitals Muri stehen, kontrolliert sie jedes einzelne Fach.

Im Patientenraum des Rettungswagens ist die Liege auf der elektrischen Trage immer einsatzbereit. Rundherum in Kästchen und Fächern befindet sich alles, was bei einem Notfall gebraucht wird: von Vakuummatratzen über Verbandsmaterial und Medikamente bis zum Knochenbohrer, der eingesetzt wird, «wenn man keine Vene für einen Zugang finden kann, es aber dringend notwendig ist, dass der Patient intravenös Medikamente erhält. Dann bohrt man bis ins Knochenmark und legt den Zugang dort.» Das kommt glücklicherweise nicht häufig vor, «ich musste den Bohrer im vergangenen Sommer zuletzt benutzen», so Speiser.

Die wichtigsten Geräte und Medikamente sind zusätzlich im grossen Einsatzrucksack immer mit dabei. «Aussen sind die kleineren Dinge wie Verband und Venenzugänge, während die Utensilien für schlimmere Verletzungen, wie beispielsweise die Intubationssets, weiter drinnen im Rucksack untergebracht sind. «Man kann also immer froh sein, wenn man den Rucksack nicht zu weit öffnen muss.»

Nach der Kontrolle des Rettungswagens gibts den Morgenkaffee in der Spital-Cafeteria. «Es kann sein, dass wir einen ganzen Tag keinen einzigen Einsatz haben», erklärt Speiser. «Dafür rennen wir an anderen Tagen vom einen zum nächsten. Das weiss man nie vorher.» Genau das mache es dem Rettungsdienstleiter schwer, Überstunden abzubauen. «Wenn beispielsweise in einem Büro wenig Arbeit anfällt, gehen die Mitarbeiter nach Hause. Das geht bei uns nicht», bestätigt Haber.

9.08 Uhr: erster Einsatz

Auch das wird gleich deutlich: Die beiden Mitarbeiter der Zwischenschicht haben kaum ihre Becher ausgetrunken, als um 9.08 Uhr der erste Einsatz ansteht. «Innert drei Minuten müssen wir den Einsatz quittieren und einsatzbereit sein», sagt Rettungssanitäterin Monika Wigger und geht mit raschen Schritten aus der Cafeteria zum Lift. Sie leitet den Einsatz, während Transportsanitäter Hansruedi Käslin sie unterstützt. «Rückenschmerzen ohne Trauma, also kein Unfall», erklärt sie, während Käslin den Rettungswagen «Martin 71» in Richtung Reusstal lenkt. «In einer Wäscherei hat eine Frau schlimme Rückenschmerzen.» Das Navi brauchen sie nicht, Hansruedi Käslin kennt den Ort.

Sie werden von Mitarbeitern der Wäscherei eingewiesen, parkieren am Strassenrand und bringen die elektrische Trage in die Wäscherei. Drinnen zeigt sich ein spannendes Bild: Die beiden müssen mit ihrer Trage an wohl Hunderten von Wäschewagen vorbeizirkeln, bis sie ganz hinten zur Patientin durchkommen. Wigger stellt Fragen und beruhigt die Frau und ihre umstehenden Kolleginnen mit ihrem freundlichen Lächeln. Es ist spürbar, wie sehr sie die Situation allein durch ihre Freundlichkeit und ihr professionelles Auftreten entschärfen kann.

Die Frau erhält Schmerzmittel und wird an den Tropf mit Kochsalzlösung gehängt. «Wir müssen warten, bis die Medikamente wirken, dann kann sie hoffentlich aufstehen», erklärt Wigger flüsternd. Die Patientin lenkt sie durch Fragen von ihren Schmerzen ab. Doch als sie auch Minuten später nicht aufstehen kann, heben mehrere Mitarbeiter der Wäscherei sie mittels eines starken Duvets auf die Trage. Sie kommt mit Hexenschuss in den Notfall des Spitals Muri, wo Wigger dem zuständigen Assistenzarzt mündlich und schriftlich alle wichtigen Infos gibt.

Um 10.31 Uhr ist das Team zurück auf der Wache. Hier überträgt Wigger alles ins Computersystem, während Käslin beginnt, Medikamente und anderen Dinge zu ersetzen, die sie beim Einsatz gebraucht haben. «Das Aufräumen nach einem Einsatz ist etwas Schönes», sagt er, «da kann man den Fall abschliessen, das tut manchmal gut.»

11.16 Uhr: zweiter Einsatz

Das zweite Team ist ebenfalls bereits unterwegs, sie bringen einen Patienten in eine andere Klinik. Dasselbe steht um 11.16 Uhr auch Wigger und Käslin bevor, sie müssen eine Patientin zur Spezialuntersuchung von Muri nach Aarau ins Kantonsspital fahren. Auf dem Rückweg winkt ihnen das andere Team zu, das denselben Weg vor sich hat. Auf dem Rückweg nehmen sie die erste Patientin gleich wieder nach Muri mit. «Das ist das Gute an unserer Leitzentrale, die sehen dort immer genau, wo wir sind und wie sie uns am besten einsetzen können», hält Wigger fest.

Um 13.15 Uhr gibts endlich Mittagessen für Wigger und Käslin. Das Menü, auf das sich Wigger den ganzen Morgen gefreut hat, gibt es dann allerdings bereits nicht mehr, sie hätte vorbestellen sollen. «Ja, so ist das halt manchmal, man weiss nie genau, wann man zum Essen kommt. Da ist es immer gut, wenn man schon etwas im Magen hat, wenn man anfängt», sagt sie.

Kontrolle, putzen, Papierkram

Nach den fünf Einsätzen haben die vier Sanitäter bis Schichtende keine weiteren Fahrten mehr. «Langweilig wirds uns aber trotzdem nicht.» Auf dem Plan stehen weitere Kontrollen und das Waschen der Fahrzeuge sowie viel Papierkram. Wigger fasst zusammen: «Ab und zu muss man eben warten, bis man wieder zum Einsatz gerufen wird. Dafür bekommt man an anderen Tagen kaum je eine Pause. Aber genau das ist es, was mir an diesem Beruf gefällt: Man weiss nie, was einen erwartet.» Mit ihrer positiven, professionellen Art ist sie – wie ihre Kolleginnen und Kollegen an diesem Tag – auch ganz sicher am richtigen Ort.

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