Mit 14 Jahren besucht man die zweite Oberstufe der Real-, Sek- oder Bezirksschule, baut sich den ersten festen Freundeskreis auf und befindet sich, ganz nebenbei, in der grössten Identitätskrise seines Lebens. Und plötzlich fangen die Lehrer auch noch an, auf Lehrstellensuche und Berufswahl zu verweisen. Sie sagen mahnend: «Bald müsst ihr euch entscheiden, sonst gibts keine Lehrstellen mehr!» Doch wie soll man sich für einen Beruf entscheiden, wenn man sich noch nicht mal selbst kennt? Hier hilft das Angebot Berufe Wohlen Plus: Einmal im Jahr können Schülerinnen und Schüler in lokale Betriebe hineinschnuppern und so erste Berufserfahrungen sammeln.

Schlagschrauber und weiteres

Kurz nach 8 Uhr morgens begrüsst Helen Stierli, Leiterin Personalabteilung, die Schüler vor der IBW an der Steingasse. «Wir zeigen gerne unsere Lehrstellen und übernehmen gegebenenfalls auch Lernende», sagt Stierli. Denis Suljemanpasic ist 13 Jahre alt und besucht die zweite Klasse der Sekundarschule. Eigentlich würde er gerne eine KV-Lehre machen, aber er ist auch offen für den Beruf des Elektroinstallateurs: «Ich lasse mich überraschen. Wenn man schon mal die Möglichkeit hat zu schnuppern, muss man diese auch nutzen.» Auf dem Programm steht als erstes eine kurze Präsentation über den Betrieb, danach wird mit angepackt. Joel Reinert, ein Lernender im zweiten Jahr, instruiert die Schüler und zeigt ihnen, wie man ein Verlängerungskabel herstellt. Denis ist konzentriert bei der Sache. Mit dem Kabel weiss er viel anzufangen: «Endlich kann ich mein Handy aufladen und gleichzeitig benutzen, während ich im Bett liege.» Die Arbeit am Verlängerungskabel ist kniffliger als gedacht, und bald wird Denis ungeduldig: «Ich glaube, im Büro würde es mir doch mehr Spass machen.»

Der Beruf des Automobilmechatronikers ist ebenfalls kein ruhiger Bürojob. Ralph Jung, Kursinstruktor an der Berufsschule Lenzburg, macht die Jugendlichen in der Rigacker-Garage auf die positiven und negativen Seiten des Berufes aufmerksam: «Ihr werdet mit allerlei elektronischen Diagnosegeräten umgehen, doch schwarze, schmutzige Hände bekommt ihr trotzdem. Aber keine Angst, wir haben ja Seife.» Andreas Künzle besucht die zweite Klasse der Bez. Er hat sich angemeldet, weil er Autos mag. Als Jung den Buben zeigt, wie man Reifen wechselt, überlässt Andreas jedoch anderen den Vortritt am Schlagschrauber: «Ich glaube, Florist oder Gärtner gefällt mir besser.»

Detailgetreue Präsentation

Inzwischen verwandelt sich ein Klassenzimmer im Bezschulhaus Halde in einen Operationssaal. Caroline Rauer-Käser ist Fachfrau für Operationstechnik und versucht, den Schülern einen authentischen Einblick zu vermitteln. Sie zeigt, wie man OP-Kleidung steril anzieht, und stellt Operationstechniken vor. Cora Mauley, eine 14-jährige Bezirksschülerin, verzieht das Gesicht, als Rauer-Käser über Knochenzement spricht und Knieprothesen zeigt: «Es ist gut, dass sie keine Details auslässt. Jetzt weiss ich genau, was auf mich zukommt.» Der Operationsfachfrau ist wichtig, die Schüler genau zu informieren: «Früher mussten Interessenten für diesen Beruf drei Monate schnuppern, heute zwei Tage. Das ist zu wenig, um festzustellen, ob man eine Lehre absolvieren möchte.» Noch haben die Schüler etwas Zeit, um zu entscheiden, ob sie in Zukunft Voltmeter, Schraubenzieher oder Skalpell in der Hand halten wollen. Doch wertvolle Erfahrungen konnten sie alle sammeln.

Unterstützung bei der Berufswahl

Jugendliche müssen früh entscheiden, in welche berufliche Richtung es gehen soll. Fehlende Informationen und Erfahrungen führen schnell zur Überforderung. Ruth Salzmann, Vorsitzende des OK-Teams für Berufe Wohlen Plus, hat sich diesem Problem angenommen: «Egal, welche Schulstufe man abschliesst, ich möchte den Schülern zeigen, wie viele Möglichkeiten sie in der Berufswahl haben.» Salzmann organisiert Berufe Wohlen Plus jetzt das dritte Jahr. Ihr Ziel ist es, den Horizont der Kinder zu erweitern und ihnen möglichst viele Eindrücke zu vermitteln. «Auch die Betriebe schätzen unser Angebot», sagt Salzmann. 60 Geschäfte öffneten die Türen am Dienstag und Mittwoch für 340 Schüler. Salzmann hofft, das sich nächstes Jahr noch mehr Jugendliche und Firmen anmelden. (ngü)