Muri
Kloster abgebrannt: Vor 125 Jahren war Muri im Schockzustand

Heute Donnerstag, vor 125 Jahren, am 21. August 1889, brach im Kloster Muri ein Grossbrand aus. 43 Feuerwehren waren auf dem Platz. Sie konnten die Abtskapelle und die Sakristei nicht mehr retten.

Jörg Baumann
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Historisches Dokument: Feuerwehrleute auf der Ruine nach der verheerenden Feuersbrunst 1889 in Muri.

Historisches Dokument: Feuerwehrleute auf der Ruine nach der verheerenden Feuersbrunst 1889 in Muri.

Zur Verfügung gestellt

Heute um 15.30 Uhr sollten in Muri eigentlich die Kirchenglocken läuten: Denn vor 125 Jahren, am 21. August 1889, brach im ehemaligen Benediktinerkloster um 15.30 Uhr ein Grossbrand aus. 43 Feuerwehren waren auf dem Platz. Sie konnten die Abtskapelle und die Sakristei nicht mehr retten. Beide mussten abgebrochen werden, obwohl es Möglichkeiten zur Restaurierung gegeben hätte. Der schwer beschädigte Ostflügel, in dem sich die Bezirksschule befand, erhielt ein Notdach, das erst fast hundert Jahren später wieder im Originalzustand aufgebaut werden konnte.

Schwierige Brandermittlungen

1989 gedachte Muri der Brandkatastrophe mit einer Ausstellung. Dazu erschien eine Broschüre. Darin erklärte der Murianer Historiker Hugo Müller haargenau, wie die Flammen in Muri wüteten. Nur die brennendste Frage, wer im Kloster allenfalls absichtlich oder unabsichtlich Feuer gelegt haben könnte, wusste Müller nicht zu beantworten.

Ein Pensionär in Untersuchungshaft

Bei den Brandermittlungen suchten die Untersuchungsbehörden nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Denn einige hatten etwas beobachtet, keiner aber etwas, was konkrete Hinweise auf die Brandursache hätte liefern können. Nach dem Bericht eines Schlossers, den man nach dem Brand befragte, hätte man das Schloss zum Estrich der Pflegeanstalt, wo man den Brandherd vermutete, «sehr leicht mit jedem gekrümmten Draht oder Nagel» öffnen können. Nicht ausgeschlossen werden konnte Fahrlässigkeit. Im Untersuchungsbericht heisst es, dass «beim Holzholen auf dem Estrich unvorsichtiges Umgehen mit Feuer und Licht vorgekommen sein mag». In Verdacht geriet der Pensionär Friedrich Gloor. Dieser war enttäuscht, dass nach ihm andere Leute günstiger als er in die Pflegeanstalt einziehen konnten. Gegenüber dem Direktor und dem Personal soll er sich mürrisch und grob benommen haben. Am Tag, als der Brand ausbrach, weilte Gloor am Kadettenfest in Aarau. Er kam erst am späten Abend mit dem Extrazug zurück nach Muri, hatte also zur möglichen Tatzeit ein Alibi. Doch die Justiz liess nicht von Gloor ab und nahm ihn in Untersuchungshaft. Gloor galt als vermögender, kauziger Mensch, nur darauf bedacht, sein zusammengespartes Vermögen ängstlich zu bewachen. Sein Vorleben war makellos. Gloor habe immer treu und fleissig gedient, schreibt der Historiker Hugo Müller. Weil die Justiz keine weiteren Verdachtsgründe ausmachen konnte, entliess man Gloor schliesslich aus der Untersuchungshaft. Ob Gloor für die ausgestandene Haft und Schmach entschädigt wurde, hält Hugo Müller nicht fest. (BA)

Die Staatsanwaltschaft ermittelte 1889. Doch weder ein Konstruktionsfehler des Kamins noch ein Funkenwurf daraus oder der starke Westwind, der diese Funken unter die Dachziegel wehte, kamen als Brandursache infrage. Es blieben also noch Fahrlässigkeit oder Brandstiftung. Die Angestellten im Pflegeheim beteuerten ihre Unschuld. Die Estrichtüre sei immer geschlossen gewesen. Die Untersuchungen gegen einen verdächtigten Pensionär mussten mangels Beweisen wieder eingestellt werden. So entstanden Spekulationen, die zur Legende führten, die strafende Hand Gottes habe das Kloster in Brand gesteckt und damit die Mönche gerächt, die im Winter 1841 nach der Aufhebung des Klosters Muri aus dem Dorf vertrieben worden waren.

Immenser Sachschaden

Am 21. August 1889 telegrafierte das Bezirksamt Muri um 18 Uhr nach Aarau: «Ganze Anstalt verloren – Bezirksschule teilweise in höchster Gefahr, Chor angegriffen.» Die Feuerwehren mussten drei Tage lang gegen die Flammen ankämpfen. Sie konnten zwar den immensen Sachschaden, den man auf 670 200 Franken schätzte, nicht verhindern. Aber dafür retteten sie sämtliche Pflegeheimbewohner, sodass wenigstens kein Menschenleben beklagt werden musste. In der Klosterkirche verbrannten lediglich sechs auswechselbare Altarbilder des bekannten Tessiner Malers Torriani.

Auf der Seite des Staates richtete die Brandkatastrophe in Muri indessen fast ein Desaster an. Die gewaltige Schadensumme brachte die Aargauische Gebäudeversicherungsanstalt an den Rand des Ruins. Nur durch die Erhöhung der Brandversicherungssteuer um rund 25 Prozent und die Verteilung der Auszahlung des Gebäudeschadens in Muri auf sechs Jahre konnte der Konkurs verhindert werden. Von einer Pflegeanstalt wollte der Kanton nach dem Grossbrand nichts mehr wissen.

Doch wieder ein Pflegeheim

Am 28. März 1899 ersteigerten die Gebrüder Andreas Keusch-Abbt und Josef Alois Keusch aus Hermetschwil, die schon das Kinderheim Hermetschwil ermöglicht hatten, die Klostergebäude, eine «Ruine mit Dach», brandversichert für 150 000 Franken, das Ökonomiegebäude, etliche Aren Land, die beiden Mühleweiher, die Ruine der Klostermühle und die Klostermühlescheune mit dem «Hinteren Föhn» (1949 abgebrochen) für 72 500 Franken.

Im Kloster richteten die Gebrüder Keusch zuerst Werkstätten und eine kleine Landwirtschaft mit Stallungen, dann ein Sprachinstitut und ein Altersasyl für zehn gebrechliche Menschen ein, die von Menzinger Schwestern betreut wurden. 1909 konnte mit Unterstützung protestantischer Kreise in den Klosterräumen das aargauische Kranken- und Pflegeheim eröffnet werden. Heute ist das frühere Kloster nicht nur Standort der «Pflegi», sondern auch ein über den Kanton hinausstrahlendes Kulturzentrum. Die schrecklichen Brandspuren sind verwischt. Man blickt vorwärts: Am 11. Oktober begeht Muri ein wichtiges Jubiläum. Vor 950 Jahren wurden die Krypta und die romanische Klosterkirche geweiht.