Uezwil/Kallern

Klingt das da hinten nicht nach Musik?

Ist das Musik da hinten, die ich höre? Oder eine Kugel auf hölzerner Bahn? Vielleicht.

In Uezwil sollen die Trunkenbolde und Kegelspieler nachts zu hören und zu fühlen sein – die AZ-Redaktorin hat genau hingehört.

Im grossen Buchenwald zwischen Uezwil und Kallern, hier, auf der Berghöhe, wo sich die Fusswege nach wohl fünf Ortschaften kreuzen. Hier soll es sein, hier soll man des Nachts die Kugel auf der früheren Kegelbahn hören, die Trunkenbolde, aber auch die Musik aus dem Wirtshaus, das hier einst gestanden haben soll.

Der Wind rauscht um mich herum in den hohen Bäumen – nicht alle sind Buchen, aber viele. Es fühlt sich an, als wollte der Herbst bald über das Land hereinbrechen, die Luft ist in den letzten Tagen merklich kühler geworden. Mir gefällt das. Ich zünde ein Feuer an. Bald wird mir wohlig warm.

Um Wirtshausgeräusche zu hören, könnte Wein helfen

Als ich meine Sachen für die Nacht draussen im Wald gepackt habe, dachte ich, wer geisterhafte Wirtshausgäste hören will, sollte auch ein Schlückchen Wein bei sich haben. Ich öffne also den Roten und recke ihn in die Luft, um mit all jenen anzustossen, die ich hier zu hören hoffe in dieser Nacht.

Ob sie kommen werden? Ob ich an der richtigen Stelle bin? Immerhin heisst es, selbst von den Greberen, drüben, gegen Büttikon zu, hätten Schäfer die Musik schon gehört. Da sollte ich sie doch hier, genau zwischen Uezwil und Kallern, auch hören.

Ich nehme noch ein Schlückchen und schaue in die Flammen. Es dunkelt langsam. Ich spaziere herum, um genauer hinzuhören. Ab und zu durchbricht etwas weiter entfernt ein Auto die Stille.

Und manchmal, während ich so durch das leise Blätterrauschen streiche, könnte ich mir wirklich vorstellen, dass das leichte Grollen, das ich höre, eine Kugel sein könnte, die eine Bahn entlangrollt, um am Ende in voller Fahrt die hölzernen Kegel umzustossen.

Ja, das klingt wirklich danach! Aus welcher Richtung kommt das? Ich kann es nicht sagen.
Zurück beim Feuer, ist es beinahe ganz dunkel geworden. Ich erschrecke, als ich schemenhaft eine Figur hinter mir entdecke.

Ein Busch. Auf diesen Schrecken gönne ich mir einen weiteren Schluck Wein und stochere im Feuer, während meine Ohren den Geräuschen des nächtlichen Waldes lauschen. Was ist das? Klingt das nicht nach Musik?

Ich muss lächeln, denn ich kann nicht sagen, ob ich es mir einbilde oder nicht. Beides ist möglich. Höre ich die Kegelspieler und die tanzende Wirtshausschar? Vielleicht. Wieder hebe ich die Flasche in die Luft und proste ihnen zu.

Mir gefällt es hier im Wald. Schon auf meinen Fahrradreisen habe ich gelernt, dass man immer dort am sichersten campieren kann, wo weit und breit keine Menschen sind, denn dort erwartet einen ja auch niemand. Und doch fühle ich mich in dieser Nacht hier, mitten im Wald bei der Feuerstelle, wo ich seit Kindertagen so viel erlebt habe, nicht allein.

Man sollte die Geister vielleicht öfter besuchen

In der Sage heisst es, die Geister der Kegelbahn hätten schon wüste Spässe mit Leuten getrieben, die nachts ihren Weg kreuzten. Ich vertraue darauf, dass sie es mit mir gut meinen. Immerhin kommen sie in der Zeitung, und ich könnte mir vorstellen, wenn es sie denn gäbe, dass sie das wüssten.

Ja, es könnte tatsächlich das Rollen einer Kugel sein. Und das da hinten klingt doch wirklich nach Musik. Genau weiss ich es nicht. Aber noch in meinem Schlafsack höre ich den Geräuschen zu und lächle.

Ich glaube, wenn sie es denn wären, würden sie sich freuen, dass jemand sie besucht. Vielleicht sollte man das öfter machen. Ich glaube, ich lächle noch immer, als ich, in meinen warmen Schlafsack gekuschelt, gemütlich einschlummere.

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