Boswil
Kirche wäre beinahe ein Lagerhaus geworden

Die Geburtsstunde für das Künstlerhaus Boswil schlug genau heute vor 60 Jahren: Der Lichtgestalter Willy Hans Rösch (1924–2000) aus Ennetbaden gründete 1953 in Zürich mit ein paar mutigen Mitstreitern die Stiftung Alte Kirche Boswil – mit einem Startkapital von lediglich 700 Franken.

Jörg Baumann
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Heute stellt die Alte Kirche Boswil zusammen mit dem Künstlerhaus ein wertvolles Ensemble der Kultur dar – dafür war aber viel private Initiative notwendig. ZVG

Heute stellt die Alte Kirche Boswil zusammen mit dem Künstlerhaus ein wertvolles Ensemble der Kultur dar – dafür war aber viel private Initiative notwendig. ZVG

Es ist kaum auszudenken, was mit dem verlassenen und heruntergekommenen alten Pfarrhof in Boswil geschehen wäre, wenn 1953 Willy Hans Rösch nicht auf den Plan getreten wäre. Man wollte aus der Alten Kirche, so absurd es tönt, eine Lagerhalle für eine Fabrik machen – ob dauernd oder nur befristet, ist nicht bekannt. Das musste verhindert werden.

Rösch schwebte vor, im ehemaligen Pfarrhaus ein Altersheim für unbemittelte Künstlerinnen und Künstler einzurichten. Die Idee dazu hatte der Glasmaler und Sänger Albert Rajsek (1921–2011).

Dieser betrieb in den Vierzigerjahren in Appenzell in Haus für Künstler des Stadttheaters St. Gallen, die mit sich mit den bescheidenen Gagen keine eigene Wohnung leisten konnten.

Rajsek liess sich später im Sigristenhaus neben der Alten Kirche Boswil nieder und verkaufte das Haus 2008 mit Unterstützung des Kantons Aargau an das Künstlerhaus.

Rösch handelte entschlossen

1953 musste alles schnell gehen: Die Liegenschaften im Pfarrhof, wo der Künstler Richard A. Nüscheler (1877–1950) bis kurz vor dem Tod wohnte und arbeitete, standen leer und waren zu verkaufen.

Rösch wollte anderen zuvorkommen, die ebenfalls ein Auge auf die historisch bedeutende Häusergruppe geworfen haben. Aber er musste eine Anzahlung auf die damals mit 64 000 Franken belastete Liegenschaft leisten.

Rösch: «Ich sprach mit einigen Bekannten in Zürich, die aber nicht die Risikobereitschaft von uns jungen Idealisten besassen. Also musste ich selbst mit der Hilfe meiner Eltern das Geld aufbringen. Damit war die Kirche gerettet, die Idee geboren, und es hiess, alte Künstlerinnen und Künstler, Behörden und Öffentlichkeit zu informieren.»

Mit dem Kauf der Liegenschaft war die Arbeit freilich nicht getan. «Enorme Mittel» (Rösch) mussten beschafft werden, wenn die Idee des Künstlerheimes aus dem Projektstadium herauswachsen und Tatsache werden sollte.

Die Gründer der Stiftung klopften bei Privaten, Unternehmen und der öffentlichen Hand an. Rösch hatte die zündende Idee, wie man das Vorhaben vorantreiben könnte: Musiker aus der ganzen Welt sollten an Benefizkonzerten auftreten und zugunsten der Stiftung auf die Gage verzichten.

Und sie kamen alle: noch 1953 das Tonhalle-Orchester Zürich und das Zürcher Kammerorchester, dann aber auch die Pianisten Clara Haskil, Wilhelm Backhaus und Geza Anda, der Cellist Pablo Casals, der Geiger Yehudi Menuhin, der Flötist Marcel Moyse, der später in Boswil die berühmten Meisterkurse begründete, der Schriftsteller Edzard Schaper, der Flötist Aurèle Nicolet, der Oboist Heinz Holliger, das Gewandhausorchester Leipzig, dann auch das zum Orchester gehörende Kammermusikquartett und viele andere.

Zuerst fanden die Benefizkonzerte für Boswil in Zürich und in Bern statt, später dann in der noch nicht renovierten Alten Kirche in Boswil.

Vorübergehend ein Altersheim

Im Jahr 1956, nach dem Aufstand in Ungarn, bot das Pfarrhaus neben der Alten Kirche vorübergehend ein Heim für vier Familien mit sechs kleinen Kindern, die aus Ungarn geflohen waren.

1959 übernahm der in Zürich gegründete Verein Künstlerhaus Boswil die Organisation der künftigen Veranstaltungen. Die Stiftung war weiterhin für die Mittelbeschaffung, die Instandstellung und den Unterhalt der Gebäudegruppe zuständig.

1960 zogen die ersten beiden Maler Carl Zürcher und Alfred Bernegger ins Pfarrhaus ein, wo sie ihren Ruhestand verbringen konnten. Weitere Gäste stiessen später dazu, unter ihnen auch Kurt Früh, einer der damals bekanntesten Schweizer Filmregisseure.

Seine Filme «Oberstadtgass», «Bäckerei Zürrer» oder «Dällebach Kari» gehören noch heute zum unverwüstlichen Schatz der Schweizer Filmkunst.

Helen Rösch, die Frau des Gründers Willy Hans Rösch, äusserte sich so über die Gäste im Künstlerhaus: «Wir haben viele Künstlerinnen und Künstler, darunter weltbekannte, bewirtet und betreut. Ich durfte die schöne Erfahrung machen, dass die 5-Sterne-gewohnten Menschen dankbar, glücklich und zufrieden waren, im Künstlerhaus ein einfaches und mit Liebe zubereitetes Mahl zu essen. Ein einziges Mal haben wir einen Star-Allüriker, wie wir ihn nannten, im Haus gehabt. Aber auch das war ein interessantes Erlebnis.»

Mit der Zeit überlebte sich das Künstleraltersheim von selbst. Immer weniger Hausgäste meldeten sich in Boswil, denn ihnen ging es mittlerweile durch die Ausweitung der Sozialwerke besser als früher. Junge Künstlerinnen und Künstler, die eine Zeit lang in Boswil arbeiten und leben konnten, lösten die alten ab.

Frühe Kontakte zu Osteuropa

1966 konnte die Alte Kirche wieder eröffnet werden – erstmals mit einer, wenn auch kleinen, Veranstaltungsbühne. Im Keller des Pfarrhauses entstand ein Kleintheater, im Bauernhaus neben der Kirche ein Atelierhaus für Nachwuchskünstler.

Noch bevor der Eiserne Vorhang fiel, knüpfte man von Boswil fruchtbare Kontakte zu den Künstlern in Ostblockländern. Rösch kämpfte darum wie ein Löwe und bekam die staatliche Beamtenkultur, die solchen Ausflügen in den damals noch gefürchteten Osten misstraute, arg zu spüren.

Grosse Leistungen vollbrachte die Gründergeneration auch, als es Boswil neben der klassischen zu einem Zentrum für zeitgenössische Musik machte, Musik- und Literaturkritiker sowie Komponisten aus der halben Welt zu Seminaren einlud und der bildenden Kunst und dem Theater eine Plattform bot.

Erika Burkart (1922–2010), die Lyrikerin vom Haus Chapf in Althäusern, bekannte, dass sie in Boswil einige der schönsten Abende ihres Lebens verbracht habe.

Festakt mit Doris Leuthard

Mit der Zeit flossen auch Fördermittel von Bund und Kanton nach Boswil. Damit wurde es möglich, das Kulturzentrum zu dem auszubauen, was es heute darstellt. Dies wird im kommenden Monat gefeiert.

60 Jahre nach der Unterzeichnung der Stiftungsurkunde für die Stiftung Künstlerhaus Boswil findet am Freitag, 14. Juni, um 17 Uhr, in der Alten Kirche Boswil ein Festakt statt. Ehrengast ist die Freiämter Bundesrätin Doris Leuthard, nebst Vertretern aus Kultur, Wirtschaft und Politik.

Quelle: «Weltkunst auf dem Land – Geschichte und Gegenwart des Künstlerhauses Boswil. Herausgeber: Willy Hans Rösch in Zusammenarbeit mit der Stiftung Künstlerhaus Boswil.