Suchtberatung

Kinder leiden unter der Sucht ihrer Eltern – Experten zeigen, was sie brauchen

Für Kinder mit suchtkranken Eltern wäre es wichtig, dass sie einen Ort haben, wo sie hinkönnen, um einfach Kind sein zu können.

Für Kinder mit suchtkranken Eltern wäre es wichtig, dass sie einen Ort haben, wo sie hinkönnen, um einfach Kind sein zu können.

Nicht alle Süchtigen sind schlechte Eltern. Nun zeigt die Suchtberatung zur Aktionswoche «Kindern mit suchtkranken Eltern eine Stimme geben», was Kinder solcher Eltern brauchen.

In der Schweiz wachsen schätzungsweise 100'000 Kinder mit einem alkoholkranken oder anders süchtigen Elternteil auf. «Diese Kinder verschweigen ihre Not aus Loyalität zu den Eltern, sie sind aber oft einsam und leiden massiv unter der Situation», schreibt die Suchtberatung ags in einer Mitteilung.

it der 2019 erstmals in der Schweiz durchgeführten Aktionswoche soll dieses Tabu gebrochen werden, damit den Kindern geholfen werden kann. Denn Kinder von alkoholabhängigen Eltern haben ein sechsmal höheres Risiko, eine Sucht oder eine psychische Erkrankung zu entwickeln.

Was kann man tun, um diesen Kindern zu helfen? Die AZ hat bei Tanya Mezzera nachgefragt, der Bereichsleiterin der Suchtberatung ags in Lenzburg und Wohlen. Sie zeigt auf, was man wann für diese Kinder und ihre Eltern tun kann.

Schwangerschaft: Keine Angst, Hilfe zu holen

Schon während der Schwangerschaft sind Kinder von suchtkranken Müttern gefährdet. Der Konsum psychoaktiver Substanzen, zu denen auch Alkohol und Nikotin gehören, kann zu bleibenden Schäden führen. Entzugserscheinungen können schon beim Baby auftreten. Bekannt ist auch das Fetale Alkoholsyndrom, das körperliche wie kognitive Schäden beim Kind hervorrufen kann. Und, wie erwähnt, steigt die Tendenz, dass die Kinder später ebenfalls eine Sucht entwickeln, deutlich.

Was können Angehörige in einem solchen Fall für das Kind und seine Mutter tun? «Ganz wichtig ist zuallererst: Süchtig zu sein, bedeutet nicht gleichzeitig, dass man eine schlechte Mutter ist. Es ist eine Krankheit, die man in den Griff bekommen oder zumindest so stark stabilisieren kann, dass das Kind dennoch gesund aufwachsen kann», ist Tanya Mezzera wichtig zu betonen.

«Hier sind Mütter und Väter, aber auch Angehörige gefragt. Wir wissen, wie sehr solche Süchte in der Schwangerschaft tabuisiert sind. Alkohol zu trinken, ist sonst weit verbreitet, aber in der Schwangerschaft ist es ein Tabu. Dieses versuchen wir zu durchbrechen. Mit uns darf man auch anonym Kontakt aufnehmen», ist der erste Tipp von Mezzera.

Kindheit: Kinder brauchen einen Ort zum Wohlfühlen

Ist das Kind auf der Welt, wäre es umso wichtiger, sich Hilfe zu holen. «Viele süchtige Eltern haben Angst, mit Fachpersonen zu reden, weil man ihnen ihr Kind wegnehmen könnte. Aber das kommt nur in seltenen massiven Gefährdungssituationen vor. Wenn es geht, versuchen wir, mit den Eltern zusammen die Situation so zu stabilisieren, dass das Kind kindgerecht aufwachsen kann.»

Dazu gehöre vor allem ein stabiles Umfeld. «Ist nur ein Elternteil suchtkrank, kann der andere Elternteil diese Rolle übernehmen. Hier sind Rituale ganz wichtig, zum Beispiel die Gutenachtgeschichte, das gemeinsame Essen, Weihnachten feiern und so weiter», sagt Mezzera. «Können das die Eltern nicht, dürfen auch Grosseltern, das Gotti oder andere nahestehende Personen einbezogen werden. Es ist nur wichtig, dass das Kind weiss, wem es sich anvertrauen und zu wem es immer gehen kann.»

Mezzera erzählt auch von der Parentifizierung der Kinder: «Ganz oft versuchen sie, sich um ihr suchtkrankes Mami oder den suchtkranken Papi zu kümmern, dabei sollte es umgekehrt sein. Viel zu schnell müssen sie erwachsen sein, wenn sie eigentlich unbeschwert Kind sein sollten.» Da helfe es schon, wenn man ihnen als Lehrperson oder eben Angehöriger einen Ort gibt, an dem sie sich wohlfühlen können.

«Sie müssen lernen, dass es Menschen gibt, auf die sie sich verlassen können. Denn auch wenn Suchtkranke oft glauben, die Kinder merken ihnen nichts an, haben die Kinder ein sehr feines Sensorium. Und die Unberechenbarkeit einer Sucht lässt das Kind ständig in Sorge leben. Da braucht es dringend einen Ort, an dem es zur Ruhe kommen und eben Kind sein darf.»

Schule: Von überangepasst bis Rebellion

Wichtig sei auch: «Wenn beispielsweise einer Nachbarin oder Lehrperson etwas auffällt, wenn die Noten des Kindes plötzlich absacken oder ein Elternteil betrunken zum Elterngespräch kommt, muss man nicht unbedingt sofort die Behörden einschalten», sagt Mezzera. «Kinder sind sehr robust und haben meist schon eine lange Leidenszeit hinter sich. Wenn keine akute Gefährdung vorliegt, sind einige Wochen mehr nicht schädlich.

Wichtig ist, dass man das Kind Vertrauen aufbauen lässt und mit ihm zusammen allfällige weitere Schritte bespricht. Wenn es Hinweise ins Gespräch einbaut, was Kinder oft tun, darf man nachfragen, ganz ohne Druck.» Häufig geben sich die Kinder selbst die Schuld an der Erkrankung der Eltern, «sie haben je nach Alter ein sehr egozentrisches Weltbild, das ist normal».

In der Schule gebe es zwei Extreme von Verhaltensmustern solcher Kinder: «Manche sind überangepasst, man würde nie denken, dass sie daheim Probleme haben. Die anderen rebellieren. Und es gibt alles dazwischen, beispielsweise das Kind, das fast unsichtbar in der Masse untergeht.» Hier könnten Schulsozialarbeiter helfen, neutrale Personen, die sie ernst nehmen.

Jugend: Last abnehmen, jung sein lassen

Sind es die Kinder gewohnt, ihre Eltern zu schützen, ihren Alkohol auszuleeren oder nachts an ihrem Bett zu wachen, sollte die Situation dringend geändert werden. «Sie geben die Verantwortung gerne ab, wenn sie darauf vertrauen können, dass jemand hilft», weiss Mezzera aus Erfahrung. «Es ist noch nicht zu spät. Der allerbeste Tipp, den ich geben kann, ist, dass sich die Eltern Hilfe holen.

So helfen sie ihren Kindern am meisten.» Kürzlich lud sie die Tochter einer suchtkranken Mutter zur Beratungssitzung mit ein. Bisher hatte das Mädchen darauf geachtet, dass die Mutter nicht alles Geld für ihre Sucht ausgab. «Ich zeigte ihr, dass die Mutter nun in die Beratung kommt und mit mir die finanzielle Situation regelt. Das war eine riesige Erleichterung für sie.»

Tanya Mezzera fasst zusammen: «Wichtig ist, dass man Suchtkranke nicht verurteilt und ihnen Schuldgefühle macht, sie sind auch Menschen. Meistens haben sie viele andere Probleme, vielleicht leiden sie auch unter Depressionen oder einer Angststörung. Helfen könnte es, ihnen ein Beziehungsangebot zu machen, so weit das für einen selbst stimmt.»

Den Kindern helfe es sehr, wenn man ihnen einen Ort gebe, an dem sie Kind sein dürfen und wo ihre Talente gefördert werden. Das kann auch die Pfadi oder ein anderer Verein sein. Für die Eltern gelte: «Haben Sie keine Angst, sich Hilfe zu holen. Es ist das Beste, was Sie für sich und ihr Kind tun können.»

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