Die Murianer Bezirksgerichtspräsidentin Simone Baumgartner appellierte gestern nach der Urteilsverkündigung an die Kontrahenten, «jetzt den Deckel zuzulassen und einander aus dem Weg zu gehen». Ein ehemaliger, von einer Entlassung betroffener Angestellter einer Versicherungsagentur hatte seinen früheren Arbeitgeber in einem Mail als «Versicherungsgespenst» betitelt, als «respektloses Vorbild», der bekannt sei «für fingierte Fahrzeugwechsel, heikle Vertragsabwicklungen, grenzwertiges Arbeiten im Berufsalltag».

Er wollte damit seiner Aussage gemäss auf unrechtmässige Machenschaften zuungunsten der Versicherungsnehmer aufmerksam machen. Das liess sich der Versicherungsagent nicht gefallen und klagte wegen übler Nachrede und Widerhandlung gegen das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Er blitze allerdings ab: Der beschuldigte ehemalige Angestellte wurde freigesprochen.

Das Gericht habe allein das E-Mail beziehungsweise die darin gemachten Äusserungen zu beurteilen und ausschliesslich eine strafrechtliche Würdigung vorzunehmen, betonte die Gerichtspräsidentin. In der Verhandlung hatte der Beschuldigte unter anderem nachgedoppelt, der Versicherungsagent sei «mehr Verkäufer denn Berater», habe mit fingierten Daten operiert und falsche Verbuchungen vorgenommen. Diese Ausführungen und die ganze Vorgeschichte hatte die Gerichtspräsidentin allerdings aussen vor zu lassen. «Versicherungsgespenst», stellte sie deshalb fest, sei «nicht per se ein Schimpfwort.»

Es gelte zu unterscheiden, ob jemand im beruflichen Bereich oder im sittlichen/moralischen betroffen sei. Die gemachten Äusserungen seien in einem rein beruflichen Kontext zu würdigen. Die sittliche Ehre sei nicht betroffen. Der Verteidiger des Beschuldigten holte in seinem Plädoyer verbal aus: Der Ausdruck «grenzwertige Arbeit» sei nicht ehrenrührig, weil nicht klar ausgedrückt sei, auf welcher Seite der Grenze gearbeitet worden sei. «Es kann auch auf der positiven sein», meinte er. Auch «heikle Vertragsabwicklungen» könne positiv gemeint sein im Sinne von einer anspruchsvollen Abwicklung.

Der Versicherungsagent machte geltend, dass ihm der Beschuldigte, heute pensioniert, Kunden abspenstig gemacht habe, was finanzielle Einbussen zur Folge gehabt habe, abgesehen vom zeitlichen Aufwand, der ihn belastet habe. «Nach der notwendigen Entlassung gingen Beschwerden von Kunden ein, kaum hatte ich Strafanzeige gemacht, hörten diese sofort wieder auf», war er sich sicher, dass der Beschuldigte aktiv sein Geschäft hintertrieb. Und er unterstrich: «Die Behauptung, ich hätte fingierte Fahrzeugwechsel vorgenommen, ist unhaltbar.» Der Versuch, die beiden Kontrahenten zu einem Vergleichsgespräch zu bewegen, scheiterte mit einer Verweigerung auf beiden Seiten.

Deutlich machte Baumgartner, dass der Beschuldigte es unterlassen sollte, immer wieder von fingierten Fahrzeugwechseln zu sprechen. «Die Vorwürfe stehen immer wieder im Raum, sie sind aber bis heute nicht nachgewiesen.» Die Sache mit dem E-Mail, die vor dem Bezirksgericht Muri endete, sei offensichtlich «nur die Spitze des Eisbergs».