Vor einer Woche informierte Franz Widmer das Kanti-Personal: «Ja, es stimmt, ich habe per Ende Schuljahr 2016/2017 gekündigt und werde mich frühpensionieren lassen», bestätigte er gestern auf Anfrage der az. Doch er sei nicht wütend, es habe keinen Streit gegeben und Skandale hätte er auch keine aufzudecken, hängte er schmunzelnd an. Denn es sei auch kein schneller Entscheid gewesen, schon seit Jahren sei ihm dieser Gedanke im Kopf herumgegeistert. «Früher gab es für Rektoren eine Amtsbeschränkung von zwölf Jahren», erinnert er sich. «Als ich zwölf Jahre im Amt war, überlegte ich mir erstmals, das Amt abzugeben. Doch dann passierte so viel: In den letzten vier Jahren ist unsere Schülerzahl um 60 Prozent gestiegen, wir haben die FMS als neuen Schultypus bei uns eingeführt, und ich habe jährlich 15 bis 20 neue Lehrer eingestellt. Da kam ich einfach nicht dazu aufzuhören.»

«Ich leide am Zeitgeist»

Doch jetzt haben scheinbar verschiedene Faktoren zusammengespielt, sodass Widmer sagen kann: «Jetzt ist die Zeit reif.» Sein jüngster Sohn wird nächsten Sommer sein Masterstudium abschliessen, «dann werden meine Frau und ich auch finanziell ungebunden sein». Er habe den Gedanken immer rausgeschoben. «Aber ich will nicht warten, bis ich aufhören muss», sagt Widmer. «Ausserdem wird sicher auch der Kanti ein frischer Wind guttun», ist er überzeugt. «Ich habe 1984 als Geografielehrer an der Kanti Wohlen angefangen, man könnte sagen, ich bin ein Fossil.»

Was seine Kündigung aber sicher noch beschleunigt habe, sei ein gewisser Vertrauensverlust ins gesamte System, das spüre er von unten wie von oben: «Vom Kanton her werden uns immer neue Sparpakete aufgedrückt, die die Lehrerschaft dann tragen muss. Das verstehen diese natürlich nicht und beginnen irgendwann, daran zu zweifeln, ob ich mich in Aarau auch genügend für sie eingesetzt habe. Und von oben werden wir so stark kontrolliert, weil man auch dort findet, wenn die Lehrer sich gegen Sparmassnahmen auflehnen, hätte ich sie zu wenig im Griff», fasst der Rektor zusammen. «Ich leide am Zeitgeist, könnte man sagen. Für mich gilt immer noch die Annahme, dass jeder mit seinen Entscheidungen nur das Beste für die anderen im Sinn hat. Aber dieses Vertrauen scheint generell nicht mehr da zu sein.» Diesbezüglich sei er auch dünnhäutig geworden, ist Franz Widmer ehrlich. «Das ist aber halt der Job eines Rektors. Und es ist auch aushaltbar, ich habe nicht deshalb gekündigt. Es ist einfach ein Punkt, der mir den Abschied erleichtert.»

«Wir brauchen nicht viel»

Vor allem finanziell hat sich das Ehepaar Widmer natürlich alles gut überlegt. «Ab 58 Jahren steht auf dem Lohnausweis, wie viel man an Pensionsgeldern erhalten würde. Als ich das sah, habe ich angefangen, mir Gedanken zu machen. Und es geht gut, denn wir brauchen nicht viel, wir haben kein Auto und auch keinen Fernseher.» Was er mit seiner neu gewonnenen Freizeit machen will, weiss Widmer noch nicht. «Ich könnte mir vorstellen, in NGOs mitzuhelfen, denen ich bisher einfach Geld gezahlt habe. Aber ich lasse es auf mich zukommen.»