Bremgarten
«Kann man die essen?» – die Pilzler sind viel mehr als «Magenbotaniker»

Der Verein für Pilzkunde Bremgarten und Umgebung feiert seinen 100. Geburtstag. Im Verein geht es nicht nur ums Pilze-Essen - aber natürlich auch.

Andrea Weibel
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Neben Pilzsammeln und -bestimmen gehört auch das Rüsten vor dem jährlichen Pilzessen zum geselligen Leben im Pilzverein.

Neben Pilzsammeln und -bestimmen gehört auch das Rüsten vor dem jährlichen Pilzessen zum geselligen Leben im Pilzverein.

ZVG

Als «Magenbotaniker» wurden die Leute abgestempelt, die mit ihren vollen Körben zur wöchentlichen Pilzbestimmung kamen und nur eine Frage hatten: «Kann man die essen?»

Man schüttelte den Kopf über sie, denn zwischendurch war der Verein für Pilzkunde Bremgarten und Umgebung sehr wissenschaftlich, man hatte ein Mikroskop und sammelte die Pilze nicht nur, um sie zu essen, sondern vorderhand, um sie zu bestimmen und sein Wissen zu vergrössern.

Heute lächelt Vereinspräsident Peter Füglistaler bei der Erinnerung daran. «Das Pilzsammeln hat sich in den Jahren sehr stark verändert. Ursprünglich wurde der Verein gegründet, um in den Kriegsjahren, wo die Nahrung knapp war, die Einwohner über die essbaren und vor allem auch giftigen Pilze zu informieren, denn ansonsten war das Pilzsammeln gefährlich», berichtet er.

Peter Füglistaler, Präsident Verein für Pilzkunde Bremgarten «Ursprünglich wurde der Verein gegründet, weil die Nahrung im Krieg knapp war.»

Peter Füglistaler, Präsident Verein für Pilzkunde Bremgarten «Ursprünglich wurde der Verein gegründet, weil die Nahrung im Krieg knapp war.»

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Es handelte sich um einen reinen Männerverein, «aber die Frauen kamen selbstverständlich mit zum Pilzsammeln», erinnert sich der 77-jährige Oskar Baumann, der seit über 50 Jahren Vereinsmitglied ist. «Und die Kinder auch», fügt seine Frau Heidi an.

Sie erzählt: «Mein Vater war Gründungsmitglied des Vereins, und mit ihm mussten wir jeweils bis hinauf nach Hägglingen zu Fuss gehen, um Pilze zu suchen, auch wenn wir das nicht immer gern gemacht haben.»

Eine glänzende Idee

Nachdem sie ihren Mann kennen gelernt hatte und mit ihm immer häufiger
«i d’ Schwümm» gegangen ist, packte aber auch sie die Leidenschaft, sodass Heidi Baumann noch heute begeisterte Pilzsammlerin ist. Ihr Mann, eidgenössisch ausgebildeter Pilzkontrolleur, kann aufgrund einer Gehbehinderung jedoch nicht mehr in den Wald.

«Ich vermisse es schon, genauso wie das Fischen, denn man hat jeweils auch viel über die Natur gelernt», sagt er. Oskar Baumann war lange Zeit im Vorstand, davon auch vier Jahre als Präsident des Vereins und zuvor fünf Jahre als Kassier. «Ich habe die Kasse mit etwa 300 Franken übernommen und fünf Jahre später mit etwa 10000 Franken wieder abgegeben», ist er stolz.

Oskar Baumann, seit über 50 Jahren im Verein für Pilzkunde «Die ersten Pilzessen waren ein Riesenchrampf. Aber sie haben sich gelohnt.»

Oskar Baumann, seit über 50 Jahren im Verein für Pilzkunde «Die ersten Pilzessen waren ein Riesenchrampf. Aber sie haben sich gelohnt.»

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Für diesen Geldsegen war jedoch nicht er verantwortlich: «Adolf Frey, der frühere Präsident, hatte damals eine glänzende Idee: Er fand, um die Kasse aufzubessern, sollten wir auf dem Stadtmarkt Pilze verkaufen. So entstand 1973, in meinem ersten Jahr als Kassier, das allererste Pilzessen», erinnert sich Baumann.

Dieses fand damals in der «Spittelkirche», der alten Stadtkirche in Bremgarten, statt. «Dort hatten wir lediglich kaltes Wasser. Gekocht hat Frau Hohler vom Restaurant Waage in kleinen Pfannen – gratis hat sie das gemacht, und wir trugen die Pfannen dann durch die ganze Stadt. Und heisses Wasser holten wir in Kannen von der Metzgerei Stierli. Das war alles ein Riesenchrampf.» Doch der hatte sich gelohnt: «Wir nahmen 800 Franken ein, das war ein unglaubliches Einkommen für unseren Verein. Und im nächsten Jahr konnten wir das sogar noch verdoppeln, weil so viele Leute unsere Pilze essen wollten.» Er strahlt bei der Erinnerung.

Eine Tonne Pilze fürs Pilzessen

Mittlerweile ist das Pilzessen jeweils zweitägig und im Reussbrückesaal. Die Nachfrage ist unglaublich: «Rund eine Tonne Pilze werden dafür jedes Jahr zubereitet», sagt Präsident Füglistaler. «Während der Saison, von August bis November, gehen wir dafür jede Woche am Samstagmorgen gemeinsam in den Wald. Dabei sind auch Nichtmitglieder willkommen. Die Pilze werden anschliessend gerüstet und eingefroren. So werden aus den rund 500 Kilo Frischpilzen rund 120 Kilo gefrorene, die wir ans Pilzessen beisteuern. Dazu kaufen wir rund 500 Kilo Frischpilze zu, den Rest, vor allem Steinpilze, kaufen wir gefroren ein.»

Im Krieg galten Pilze als Fleischersatz

Pilzsammler gab es Anfang des letzten Jahrhunderts rund um Bremgarten wenige. «Zu gross war die Furcht vor diesen Waldkobolden», heisst es in der Festschrift zum 100. Geburtstag des Vereins für Pilzkunde. «Als aber während des Ersten Weltkrieges die Lebensmittelpreise sprunghaft anstiegen, sich die Lebenskosten zwischen 1914 und 1920 um unglaubliche 125 Prozent erhöhten, ab 1917 Saatkartoffeln staatlich eingezogen wurden und Fleisch bald nur noch für Begüterte erschwinglich war, wuchs das Interesse an Pilzen als Nahrungsmittel.» Pilze wurden gar «das Fleisch des armen Mannes» genannt. Ohne ausreichende Kenntnisse war das Pilzsammeln jedoch gefährlich, denn Pilzkontrollstellen gab es damals noch nicht. «Aus diesem Notstand heraus wurde mitten im Krieg, am 8. Februar 1916, im Restaurant Bahnhof in Bremgarten der Club für Pilz-Kunde Bremgarten gegründet», heisst es weiter. Dieser Club hatte sich zum Ziel gesetzt, gründliche Kenntnisse zu essbaren, ungeniessbaren und giftigen Pilzen zu verbreiten, das Einsammeln der essbaren Pilze zur Volksnahrung zu fördern, Fachliteratur bereitzustellen und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Mitgliedern zu pflegen. Dies kann noch immer auf einer Kopie der handschriftlichen Statuten nachgelesen werden. 50 Rappen kostete damals der Monatsbeitrag, und wer sechs oder mehr Absenzen von Monatsversammlungen hatte, wurde ausgeschlossen. 1918 erstand der Verein sein erstes Fachbuch, das «Vademecum für Pilzfreunde» – der Preis von 45 Franken verschlang mehr als die Hälfte der Mitgliederbeiträge eines Jahres. (aw)

Das Pilzessen, die gemeinsamen Sammelsamstage, die wöchentliche Pilzbestimmung im Schulhaus Isenlauf am Montagabend sowie die Kurse, die der Verein anbietet, generieren immer wieder neue Mitglieder. «Derzeit sind es zwischen vierzig und sechzig Aktivmitglieder aus der ganzen Region, von Affoltern über Schongau bis Künten. Wir haben Mitglieder zwischen 24 und 75 Jahren», so der Präsident.

Frauen dürfen heute natürlich ebenso Mitglied sein. «Das war für uns nie ein Problem», sagt Oskar Baumann. Unabhängig davon habe sich der Verein in den Jahren aber komplett verändert. «Früher war er viel familiärer, wir waren jede Woche gemeinsam im Wald, auf Ausflügen und kannten uns gut.

Heute kommen die Leute oft wie ganz früher zur Pilzbestimmung am Montagabend und fragen: ‹Kann man den essen?›» Heute sei das aber wieder vollkommen in Ordnung so, erklärt er lachend. Mindestens zum grossen Rüsten vor dem Pilzessen treffen sich alle wieder. Dann wird gearbeitet, aber auch in Erinnerungen geschwelgt, «man hat eine gemütliche Zeit – eben genau wie früher».

Mehr Infos zum Verein für Pilzkunde finden Sie unter HIER.