Niederwil

Jugendliche beten seit dem Tod ihrer Freundin jede Woche den Rosenkranz

Auch Niederwiler Jugendliche finden Halt und Hoffnung im Rosenkranzgebet. Symbolbild: Thinkstock

Auch Niederwiler Jugendliche finden Halt und Hoffnung im Rosenkranzgebet. Symbolbild: Thinkstock

Nach dem Tod ihrer Freundin fand eine Gruppe Jugendlicher Kraft im Gebet. Dadurch sind sie zu einer Gemeinschaft geworden.

Dienstagabend, 19 Uhr: In den Bankreihen der Kirche Niederwil sitzt ein gutes Dutzend Menschen, über die Hälfte davon um die 20 Jahre alt. Ihre Finger schieben die Perlen ihrer Rosenkränze durch ihre Hände, ihre Lippen sprechen synchron: «Gegrüsst seist du, Maria …» Die Jugendlichen beten. Für Bekannte, denen es nicht gut geht, für ihre Führerscheinprüfung, für ihre Familien, für sich selbst. Dieses Bild findet man kaum noch in irgendeiner katholischen Kirche, zumindest nicht in der Umgebung. Doch die Jugendlichen aus Niederwil sind jeden Dienstagabend hier anzutreffen, egal, wie streng ihr Tag war, egal, ob gerade Schulferien sind oder nicht. Jeder darf dabei sein, für alles und alle darf gebetet werden. Doch angefangen hat es mit einer Person, die noch heute oft in die Gebete der Jugendlichen eingeschlossen wird: Vanessa.

Alle hatten sie gern

Sie war 17 Jahre alt, als sie am 27. Februar 2016 starb. Vanessa hatte Krebs. Jeder kannte sie, jeder hatte sie gern. «Vanessa war eine laute und direkte Person, aber sie war nie verletzend. Im Gegenteil, sie konnte immer alle aufheitern», erinnert sich Sandra Eisenring, Katechetin und Begründerin der Rosenkranzgruppe. «Ich habe sie von der ersten bis zur dritten Oberstufe, bis zur Firmung, unterrichtet. Und als ich dann von ihrer Schwester die Diagnose erfuhr, durfte ich Vanessa helfen, so gut ich konnte.» Als Erstes hat sie einen Gottesdienst mit Heilgebet für die Kranke organisiert: «Das war am 27. Februar 2015, also auf den Tag genau ein Jahr vor ihrem Tod. Von diesem Gedanken bekomme ich noch heute Hühnerhaut», berichtet sie. «Die Kirche war pumpenvoll. Alle hatten Hoffnung und wollten Vanessa beistehen. Es war wirklich so: Jeder hatte sie gern.»

Eisenring begleitete das Mädchen durch die schwere Zeit voller Chemotherapien, Hoffnung und Rückschläge. Sie waren gemeinsam in Einsiedeln, bei Krankensalbungen und organisierten sogar ein Livekonzert im Krankenhaus. «Und immer war ihr Rosenkranz mit dabei, sogar im Operationssaal. Das war es, was mich nach ihrem Tod dazu bewogen hat, die Jugendlichen zum Rosenkranzgebet einzuladen», berichtet Eisenring.

«Ein Licht schenken»

Zuerst war es eher ein praktischer Gedanke: «Nachdem Vanessa gestorben war, wurde sie in der Kirche in Fischbach-Göslikon aufgebahrt. Am Montagabend – ich weiss noch, es war eiskalt – kamen die Jugendlichen in Strömen, um sich von ihrer Freundin zu verabschieden. Damit sie sich etwas aufwärmen konnten, lud ich sie ein, mit mir in die Kapelle nebenan zu kommen, um den Rosenkranz zu beten, denn ich fand, das passt auch zu Vanessa.» Die Jugendlichen – wie die meisten in ihrem Alter – kannten den Rosenkranz nicht, waren aber nicht abgeneigt. Vor allem einer von ihnen, Angelo Schurr (19), fand das eine sehr schöne Art, Vanessa zu gedenken: «Ich bin nicht gläubig. Aber es heisst, wer für jemanden den Rosenkranz betet, schenkt dieser Person Licht. Und das wollte ich sehr gerne für Vanessa tun.» Also ist er auch in den Wochen danach immer wieder zum Rosenkranzgebet in die Kapelle gegangen – damals noch alleine mit einer älteren Frau, die seit Jahren jeden Tag dort betet.

«Auch bei den anderen Jugendlichen ist das Gebet sehr gut angekommen», erzählt Eisenring. «Aber der Schmerz und die Trauer mussten sich erst etwas setzen.» Im Mai sah sie den passenden Moment gekommen und lud die Jugendlichen ein, einen Monat lang jede Woche den Rosenkranz mit ihr zu beten. «Ich dachte, wir würden das eine Zeit lang machen, dann würde es abebben. Aber es kamen so viele Jugendliche, und sie waren so begeistert, dass wir das weitergezogen haben und seither jede Woche gemeinsam beten.» Seit November sind sie nun jeden Dienstagabend in der Kirche Niederwil. «Der Rosenkranz ist nicht veraltet, sondern kann auf viele verschiedene Arten Kraft geben.»

Jeder ist willkommen

Für Vanessas Freunde ist das eine wunderbare Art, sich weiterhin zu treffen. «Wir beten immer noch oft für Vanessa, aber zusätzlich auch jedes Mal für etwas anderes. Es ist sehr schön, ich finde, es gibt uns Kraft», erzählt Colin Nyffeler (18) aus Niederwil. Vanessa war seine beste Freundin. «Alleine würde keiner von uns zum Rosenkranzbeten gehen, aber jetzt sind wir zu einer Gemeinschaft geworden. Es ist schön, erst gemeinsam zu beten und sich anschliessend einfach zu unterhalten.» Das ist auch der Katechetin wichtig: «Wir setzen uns hinterher immer zusammen und reden über Gott und die Welt, das tut uns allen gut.»

Zum Rosenkranzgebet am Dienstagabend ist jeder eingeladen, der gerne mitbeten würde. «Man braucht auch nichts mitzubringen: Wir haben Rosenkränze, Gebetbücher und zeigen gerne, wie es geht», sagt Eisenring mit einem freundlichen Lächeln. Im Mai hat sie bereits Dutzende Rosenkränze verteilt, und sie hat noch mehr auf Lager. Und auch Angelo sagt: «Wir heissen neue Leute immer herzlich willkommen. Nur wenn manchmal ältere Menschen kommen, die den Rosenkranz viel besser auswendig können als wir, sind wir ein wenig nervös. Aber ich finde es sehr schön, wenn sie da sind.»

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