Guido Bruggisser
Jugenderinnerungen aufgetaucht: Porträts zeigen Wohlen, wie es früher war

Der Wohler Fabrikant Guido Bruggisser (1909–1990) war ein musisch begabter Mensch. Er gründete zusammen mit J. Rudolf Isler nicht nur das Freiämter Strohmuseum in Wohlen, sondern schrieb auch seine Jugenderinnerungen auf.

Jörg Baumann
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Guido Bruggisser war künstlerisch sehr begabt, das kam ihm auch bei seinem Job als Createur zugute (das Foto stammt aus einer Firmenbroschüre der M. Bruggisser & Co. AG Wohlen, Datum unbekannt).

Guido Bruggisser war künstlerisch sehr begabt, das kam ihm auch bei seinem Job als Createur zugute (das Foto stammt aus einer Firmenbroschüre der M. Bruggisser & Co. AG Wohlen, Datum unbekannt).

zvg

Unter dem Titel «Erinnerige vus Dokters Gido» gab Guido Bruggisser seine Jugenderinnerungen in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts heraus (Auszug am Ende des Artikels). Er liess die Beiträge nicht etwa in einer Druckerei drucken, sondern begnügte sich als sparsam denkender Kaufmann damit, die mit der Schreibmaschine verfassten Mundartmanuskripte zwischen zwei Kartondeckel binden zu lassen. Man geht deshalb nicht fehl, wenn man annimmt, dass Guido Bruggissers Erinnerungen, die bis zur Landesausstellung von 1914 in Bern zurückreichen, nicht in einer grossen Auflage erschienen sind. Vielmehr waren sie wohl als Geschenk an seine Familie und die engsten Freunde gedacht. Das Buch sollte sie selber an Wohlen erinnern, wie es früher war.

Am liebsten freier Künstler

Guido Bruggisser wollte als junger Mensch zuerst nicht in die Firma Bruggisser eintreten, sondern freier Künstler werden. Erst nach dem frühen Tod eines Bruders liess er sich dazu bewegen. In der 1812 von Martin Bruggisser gegründeten Firma übernahm er, seinen künstlerischen Neigungen folgend, den wichtigen Posten des Createurs. Zeitlebens habe er nie eine eigene Sekretärin beschäftigt, sondern seine Geschäftsbriefe stets selber auf der Maschine getippt, heisst es aus seiner Verwandtschaft.

Guido Bruggisser hatte zwei Kinder aus der ersten Ehe. Er war zweimal verheiratet. Er besuchte die Bezirksschule in Wohlen, die sein Vorfahre Johann Peter Bruggisser 1835 gegründet hatte, und danach die Kantonsschule Trogen. Nach alter Familientradition war Guido Bruggisser im Militär Kavallerist. Privat war er ein geselliger Mensch. Schon 1935 reiste er für das Geschäft zum ersten Mal nach New York. In Amerika war die Firma erfolgreich tätig. Bruggisser öffnete nach dem Zweiten Weltkrieg für das Familienunternehmen den Markt in Paris, wohin er oft mit dem Zug fuhr.

Langes Warten aufs Museum

Die Gründung des Strohmuseums in Wohlen sei schon an der Landesausstellung 1914 in Bern ein Thema gewesen, berichtete Bruggisser in einem Radiointerview, das zur Eröffnung des Museums aufgenommen wurde. Doch die Pläne reiften erst nach der viel beachteten Ausstellung «Modes en paille» 1968 auf dem Schloss Lenzburg. Bruggisser und seine Mitstreiter brachten für das Museum fast eine Million Franken zusammen, gesammelt bei befreundeten Firmen, die sich damals noch spendabel zeigen konnten. Der Niedergang der Wohler Strohgeflechtindustrie und 1973 die Schliessung der Firma Bruggisser setzten Guido Bruggisser hart zu. Nach schwerer Krankheit starb er 1990.

Ein Auszug: Adieu «Magasin du Nord»

Usset de alte Awonere vu dr Jura- und Niederwilerschtrooss möget si bim Eid nume no es Hämpfigli Altwoler a dä Name bsinne.

Vor 60 oder meh Johre isch dä gschwullnig Name i prächtig, klassizischtische Buechschtabe überem Kolonialwarelädigli vu dr Frä Sigg-Summerhalder pranget, am legschte Huus vu dr Juraschtrooss, bivor d’Niderwilerschtrooss afod. Wi’s zu dere hoffärtige Taffäre cho ischt, wäiss i natürli nümme, aber worschindli isch si i dr gliichlige Ziit entschtande, wo’s z’Wole gmäint händ, oni es «Casino», «Hôtel de l’Ours» oder «Cafe Fédéral» säig mr nid debii.

Säbigsmol isch da Huus, wo zum «Magasin du Nord» ghört hed graglet
voll gsii: do hed zerscht emol d’Frä Sigg mit ire 4 Chinde ghuuset (ire Maa isch vil z’früe gschtorbe), dä ire zwee ledige Brüedere Summerhalder, wo irer
Läbtig iri ganz Arbetschraft der hiessige Induschtrie zur Verfüegig gschtellt,
händ. Dezue isch de no e ledigi Schwöschter cho, wo erscht vil schpöter ghürote hed. Wenn im Lädigli nid vil los gsii
ischt, hed si irer Schwöschter fliissig bim Huetnähe ghulfe. Die Schwöschtere Sigg händ als Huetnäherinne öppis gulte
und all Tag, und mängisch bis no töif i d’Nacht ie, hed mr s’ Rattere vu de Oberschteechmaschine us em erschte Schtock – pfäischter möge ghöre, Tag für Tag, Johr für Johr!
Aber ganz abgseh vu anderem, so isch es d’Athmosphäre, da Bsundrig vu dem Alt-Woler-Lädigli gsii, wo’s euis Buebe hed chönne. Do hett’s – i öisne Auge wenigschtens – allszäme z’ chaufe ghä, was öppe säbismol fäilbotte worde-n-ischt: vum Kandiszucker über Schmier- und anderi Söipfe, zu Zuckerschtöcke, Teigware (i dr Schublade und nid öppe abpackt), Rosine, Riis, Hohländer zum Röike und Schigge, Fiigering im Winter und es paar wenige Butzmittel. Meh interässiert händ öis allerdings die grosse Gläser mit de Zältlene (meh oder weniger verchläbt), mängischt ä Guezli, und es Drohtchäschtigli hed d’ Landjäger und öppe ä vereereti Serbila vor de Flöige gschützt. Denäbezue isch de Schoggeladechaschte gschtande (es hed zwar nume all Schaltjohr öppe e neui Rasse ghä) und hert denäbe sind im Winter di döörete Schtockfisch ghanget. Die händ mit em Petrol zäme wo dürhar all Tag uusgschänkt worde-n-ischt (gar mängs Huus hed jo no ke Elektrisch gha) und all de andere Gschmäcklene zäme, ebe da ganz bsundrig Grüchli ghä, vo öis Buebe e so i d’Nase gschtoche hed und wo mr siiner Läbtig nie meh vergässe hed.
D’Frä Sigg ischt ä Rischpäktsperson gsii und ires Wort hed öppis gulte bi ire Chunde. Oeis Chinde isch si äischter gsii wine Mueter, und jedes wo i Lade cho ischt, säigs jitz äis vu’s «Ronis», s’Armepflägers», «s’Obere Flory’s», s’ Gipsers» oder ä «s’Dokters Gido» gsii, hed es Zältli übercho (wenn’s ä mäischtens es Verchläpts oder es Halbs gsii ischt.
So isch es mängs Jahr im gliiche Tramp wiitergange und ä wo de Lade no dr Renovation nümme «Magasin du Nord» ghäisse hed, ischt er für öis im Juchli halt äischter de liäb alt Quartierlade blibe, wi äinscht und jeh.

Aber wi’s ä so dr Wält Lauf ischt, no-dis-no isch di alt Generation gschtorbe - z’legscht no dr Unkel Götti Summer- halder - und do hed d’Lydia Siag d’Füeria vum Lade id’Hand gnoh. Iri äinzig Schwöschter, s’Luci, hed nach uswärts ghürote – ä iri beede Brüedere händ früe s’Elterehuus verlo – do ischt underäinischt d’Lydia Sigg mueterseeligallei gsii und hed i Lade und Huus gwärchet und gschalte – ginau wi iri Mueter ä so vili Johr vorhär. Im Juchliquartier hed si i dene 4 Johrzähnte vu’s Lydias Schaffe gar Mängs veränderet. Di vile Neuiboute händ vil neui Lüüt brocht und di «Alte» sind vu Johr zu Johr gschwune. Aber di no verblibnige «Alte» und ä di nuezognige «Neuie» händ ebe da Quartierlädigli gschätzt; si sind allzäme gern äne, wenn öppe Oeppis i dr Chuchi gfehlt hed und zum obligate Plöiderminütigli (?) mit dr Lydia isch es äischter cho. Wi scho iri Mueter sälig, hed si si übere Ladetisch, wo’s Zigarrechäschtli gschtande ischt, ieglähnet, äi Chundi, vo nümm eso guet uf de Bäine gsii ischt, uf em einzige Schtuel, zwo ander under de Töhr und de isch dä alls dureghächlet worde, was öppe im Quartier aktuell gsii ischt (oder ä ned!) oder im Dorf und ä no drüberuse. Dr Lydia ires gsunds Orteil – gnau wi da vu irer Mueter amigs – hed mr allgimein gschätzt und hed ere gern abglost. Mehr all händ dänkt, es göch äischter eso wiiter! Wenn mr aber, langsam aber deför sicher, gäge die 70gi rütscht, dä chund halt äinischt de Momänt, wo da Harassli umeschläike, Chischtli und Kartöng lüpfe, Gschtell uuffülle und dezue no-ne ganze Huufe anderi Arbete, amene schöne Tag ganz äifach z’vil werdid. Es hed dr Lydia schigar s’Herz abdrückt, wo si s’legscht Johr de Entschluss hed müesse fasse, uf’s Neuijohr ire Lade uufzghä. Oeis allzäme heds meh as nume leid to; aber mr hed si müesse verschtoh.

Vorläuffig well si no im alte Huus a dr Juraschtrooss bliibe und ech bi sicher, dass ä ohni Quartierlädigli, meh-no, gar mängi alti, liäbi Chundin zu ire ieluegt für Tagesereignis es bitzigli durezloh. Mehr als Nochber – und ech glaube, ech rede do im Name vu all Dene, wo d’Lydia Sigg kännid – mehr bliibt nume-n-übrig dr Lydia herzlcihscht z’danke für iri Dienscht a irne Chunde, für iri Hilfsbireitschaft und ire Iisatz. Gliichziitig wöisch ech ire aber no rächt vili – sicher meh als wohlverdienti Ruhijohr. Ich hoffe, dass se irem alte «Magasin du Nord» nid z’schtarch notruuret, sondern ires Läbe bi gueter Gsundheit und mit Fröid dra no cha gnüüsse. Es alts Schtückigli Wole verschwindet mit Schliessig vum Quartierlädigli. Da schtimmt öis Aeltere äischter e bitzigli wehmüetig – aber wa wett mr – s’Läbe muess so oder ä so wiitergoh!