Wohlen

Judokämpfer wollen an der Allgäu-Orient-Rallye ein Kamel gewinnen

Das Team «JUDO goes Orient»: Auf dem Dach Roger Hofer (links) und Andreas Schmid, am Steuerrad Rafael Zimmermann, hinter ihm Roland Briner und im Kofferraum Fabian Koch. Zum Team gehört auch Benjamin Wey, der ferienbedingt abwesend war.

Das Team «JUDO goes Orient»: Auf dem Dach Roger Hofer (links) und Andreas Schmid, am Steuerrad Rafael Zimmermann, hinter ihm Roland Briner und im Kofferraum Fabian Koch. Zum Team gehört auch Benjamin Wey, der ferienbedingt abwesend war.

Ein Team aus Wohlen nimmt an einer Ralley teil, bei der es nicht um Geschwindigkeit geht und die mit speziellen Auflagen daher kommt. Im Vordergrund steht der Humanitäre Zweck und die Völkerverständigung. Der erste Preis ist ein Kamel, aber was sollen die Judokas damit?

Sechs Judo-Kämpfer aus Wohlen nehmen an einer Rallye teil, die sie von Deutschland in den Iran führt. Die Autos, mit denen sie sich auf den Weg machen, heissen Wilma, Rösli und Berta und kosteten zwischen 200 und 300 Franken. Denn die Allgäu-Orient-Rallye ist eine Low-Budget-Rallye, es werden nur Fahrzeuge zugelassen, die mindestens 20 Jahre alt und strassentauglich sind.

Jüngere Fahrzeuge dürfen nur mit, wenn ihr Wert 1111,11 Euro nicht übersteigt. Auf dem Weg von Oberstaufen nach Teheran dürfen nur Haupt- und Nebenstrassen benutzt werden, Autobahnen sind tabu. Um zu gewinnen, müssen aber nicht alle drei Fahrzeuge über die Ziellinie fahren und die Zeit ist erst recht Nebensache.

Humanitärer Zweck

Es ist kein gewöhnliches Rennen, an dem Andreas Schmid, Benjamin Wey, Fabian Koch, Rafael Zimmermann, Roger Hofer und Roland Briner teilnehmen. Im Vordergrund steht der humanitäre, kreative Zweck, aber auch Spass und Völkerverständigung. So besucht das Team aus dem Freiamt auf seiner Reise Waisenhäuser, Kinderheime, Schulen, bringt Kleider, Nahrung und Spielzeuge mit.

In der Werkstatt, in der sich die Teammitglieder momentan fast jede Woche treffen, ist ein ganzer Raum für Hilfsgüter reserviert. «Eine Schule, die wir in Albanien besuchen, hat nur einen Fussball, und der ist kaputt – die Kinder werden sich sicher freuen, wenn sie wieder spielen können», macht Roger Hofer ein Beispiel.

Auch eine Kiste mit Spraydosen steht parat, damit die Schüler eine Wand farbig gestalten können – ein Projekt, das dank Schweizer Unterstützung möglich wird. Das Team #85 «JUDO goes Orient» – alles Schwarzgurtträger – möchte zudem ein Judo-Kindertraining leiten. «Die gesammelten Judo-Kimonos werden wir den Kindern schenken», erzählt Hofer. Er und seine Kollegen sprühen vor Ideen, wie und wo man auf dem Weg noch helfen kann.

Genau darum geht es bei dem Rennen: Auf der frei wählbaren Strecke ein Abenteuer zu erleben und andere Menschen zu unterstützten. Eine Jury bewertet die Projekte und wählt ein Siegerteam aus, der erste Preis ist ein lebendiges Kamel. Aber was wollen sechs Judokas mit einem Kamel? «Bisher haben die Gewinner ihr Kamel immer einer jungen Beduinenfamilie übergeben und somit armen Menschen eine Existenzgrundlage geschaffen, das werden wir genauso machen. Ein Kamel gehört schliesslich in die Wüste und nicht in unser Judo-Dojo nach Wohlen», sagt Roger Hofer und lacht.

Live im Internet

Begeisterung, Vorfreude und Tatendrang schwingen in seiner Stimme mit, wenn Hofer in der Lagerhalle von einem Bereich zum nächsten führt und erklärt, wie man sich auf die Reise vorbereitet: «Die Anhänger haben wir geschenkt bekommen und eine Holzkonstruktion aufgebaut, so finden 28 Kunststoffboxen mit Hilfsgütern ihren Platz.» Ein weiterer Anhänger ist für die Küchenutensilien reserviert, aus einer alten Waschtrommel hat das Team einen Grill konstruiert. Auch bei den Autos waren die sechs Freunde kreativ, denn diese dienen gleichzeitig als Übernachtungsmöglichkeit.

Die Hilfsgüter werden ausgeladen und der Kofferraum mit einer Holzkonstruktion und einer Matratze zum Schlafraum umfunktioniert. Dank einer grossen Plane, die über einen Pfosten gespannt und an den drei Autos befestigt wird, entsteht eine gedeckte Wagenburg. In den drei bis vier Wochen, in denen das Team unterwegs ist, muss es mit Schnee, aber auch mit Temperaturen über 40 Grad rechnen.

Ihren Weg müssen die Freiämter auf der Karte finden – ein Navigationsgerät ist nicht erlaubt. Allerdings haben die Fahrzeuge einen GPS-Tracker, sodass jeder den Weg der Crew im Internet live mitverfolgen kann.

Die Idee, an der Allgäu-Orient-Rallye teilzunehmen, kam Roger Hofer, als er einen Bericht über das Rennen las. Eigentlich wollte er das Abenteuer zu seinem 50. Geburtstag starten, musste dann aber noch ein Jahr warten, weil es keine freien Startplätze mehr gab. «Als ich die Idee im Vorstand des Judoclubs vortrug, stiess ich sofort auf Begeisterung», erzählt der Teamverantwortliche. Bereits bei den Vorbereitungen hat er dafür gesorgt, dass andere von dem Projekt profitieren.

Wilma, Rösli und Berta haben eine neue Lackierung erhalten. «Unsere Bedingung war, dass Lernende die Arbeiten ausführen», sagt Hofer. Das Autospritzwerk Hallauer aus Wohlenschwil/Tägerig erklärte sich dazu bereit, die Arbeiten gratis zu übernehmen. «So durfte ein 1.-Jahr-Lehrling seine erste Lackierung machen, und das gleich an einem 5er-BMW», erzählt Hofer und lacht. Nun sehen Wilma, Rösli und Berta wie richtige Rallye-Fahrzeuge aus, mitsamt Halterung für eine Schweizer Fahne, Drehlichtern und Sponsoren-Klebern. Es macht den Eindruck, als könnten sie das Ende des Aprils kaum erwarten, wenn sie endlich starten dürfen.

Die az Freiamt wird ab Anfang Mai Erlebnisberichte des Teams veröffentlichen. Wer Spenden möchte, findet weitere Infos unter www.judogoesorient.ch

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