Wohlen
Josef Steinmann hat keinen einzigen Urnengang verpasst

Wie hoch die Aargauer Stimmbeteiligung an diesem Wahlwochenende ausfällt, weiss man erst heute Abend. Zu befürchten ist, dass rund zwei Drittel der Stimmberechtigten ihre Wahlzettel nicht in die Urne, sondern ins Altpapier werfen. Wahlabstinenz – das könnte sich Josef Steinmann aus Wohlen, gar nicht vorstellen.

Fränzi Zulauf
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Josef Steinmann, mustergültiger Stimmbürger.

Josef Steinmann, mustergültiger Stimmbürger.

In rund drei Monaten wird Josef Steinmann aus Wohlen 80 Jahre alt. Seit 60 Jahren also – 1953 lag das Mündigkeitsalter noch bei 20 Jahren – hat er keine Abstimmung und keine Wahl ausgelassen. «Damals gab es auch noch die Gemeindeversammlungen in Wohlen – auch da habe ich nicht ein einziges Mal gefehlt», blickt Josef Steinmann zufrieden zurück. «Und nur eine einzige Ortsbürgergemeindeversammlung habe ich verpasst, weil ich ortsabwesend war. Danach habe ich sogar meine Ferien so gelegt, dass ich immer dabei sein konnte.»

Gerne würde er Bundesräte wählen

Ist er stolz darauf, ein so aufrechter, pflichtbewusster Stimmbürger zu sein? «Stolz?», fragt er zurück. «Es ist doch ein riesiges Privileg, dass wir über alles abstimmen und so viel wählen können. Ich wünschte mir sogar, dass wir noch mehr zu bestimmen hätten. Ich würde gerne auch die Bundesräte wählen. Nicht unbedingt wegen der Wahl, sondern vielmehr deshalb, weil man dann die Möglichkeit hätte, Bundesräte abzuwählen, die enttäuscht haben.» Wen würde er denn nicht mehr in den Bundesrat wählen? Die Antwort kommt sofort: «Den Schneider-Ammann, der überzeugt mich gar nicht. Und Samuel Schmid hätte ich bestimmt auch abgewählt damals. Die anderen machen es schon recht. Vom Neuen, dem Berset, kann man noch nicht so viel sagen. Ich finde, dass Simonetta Sommaruga ihre Arbeit gut macht. Die Beste ist natürlich unsere Doris (Leuthard). Nicht nur, weil sie die Einzige aus dem Bundesrat ist, mit der ich Duzis bin...» Aber natürlich spiele es schon auch eine Rolle, dass sie Freiämterin und erst noch von der CVP sei.

An diesem Wochenende geht es aber um die Grossrats- und Regierungsratswahlen. Josef Steinmann verrät, wie er gewählt hat. «Roland Brogli gefällt mir, den habe ich gerne wieder gewählt. Der bringt Verwaltungserfahrung mit in den Regierungsrat, das finde ich wichtig. Er weiss, wie es in den Gemeinden läuft. Susanne Hochuli hat meine Stimme ebenfalls erhalten. Abwählen wollte ich sie nicht, aber ich hätte sie vermutlich nicht gewählt, wenn sie neu angetreten wäre. Bei den Grünen gibt es schon Dinge, die mir nicht so passen und die nur Kosten verursachen, aber anderseits auch Ansichten, die mir sympathisch sind. Eigentlich hätten die Grünen, rein von der Parteienstärke her, keinen Anspruch auf einen Regierungsratssitz.»

Urs Hofmann finde er ebenfalls gut, «auch wenn die Sozis immer die Steuern erhöhen wollen». So wäge er halt bei jeder Person ab, was für und was gegen sie spreche. Alle vier Bisherigen haben es jedenfalls auf Josef Steinmanns Stimmzettel geschafft. Beim Neuen, der den 5. Sitz besetzen wird, hat sich der frühere Wohler Sozialamtschef und Ortsbürgergutsverwalter für den freisinnigen Stephan Attiger entschieden. «Er ist ja Stadtammann von Baden und da habe ich mich bei meinen Badener Bekannten etwas umgehört und habe nur Positives über ihn erfahren, erklärt Josef Steinmann seine Wahl.

Parteien spielen kaum eine Rolle

«Parteien spielen eigentlich kaum eine Rolle für mich, auch wenn ich als früherer Christlichsozialer der CVP natürlich am nächsten stehe. Aber ich wähle Personen. Deshalb habe ich auch die leere Liste genommen und meine Grossratskandidatinnen und -kandidaten darauf geschrieben. Nur solche, über die ich genügend weiss.» Am besten sei es natürlich, wenn man jemanden persönlich kenne, aber heute kenne er ja nicht einmal mehr alle Wohler Gemeinderatskandidaten. So schaue er bei den Kandidierenden eben jeweils auf Ausbildung, Beruf und Tätigkeitsfelder, aber auch darauf, wie einer sich öffentlich äussere. Gewählt hat Josef Steinmann brieflich. «Die ganze Wahlwerbung brauche ich nicht. Wenn das Wahlcouvert kommt, fülle ich die Zettel aus und fertig.»

Das halte übrigens auch seine Frau Gertrud so. «Bei Wahlen entscheiden wir uns nicht immer gleich, bei Sachgeschäften aber in der Regel schon», verrät Josef Steinmann. Das könne, schmunzelt er, schon damit zusammenhängen, dass er ihr manchmal genau erkläre, worum es eigentlich gehe. «Seit es das Frauenstimmrecht gibt, habe ich eben zwei Stimmen», sagt er augenzwinkernd. Und meint es allerhöchstens zur Hälfte ernst.