Freiamt
Josef Sachs: «Das verstärkt den Verdacht psychischer Probleme»

Der 44-jährige Italiener Antonio M. aus Muri hat im Freiamt monatelang Kirchenfiguren zerstört. Josef Sachs, Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Aargau, ordnet den Fall ein.

Silvan Hartmann
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Josef Sachs im Garten von Königsfelden.

Josef Sachs im Garten von Königsfelden.

Emanuel Freudiger

Herr Sachs, Antonio M. aus Muri hat über Monate hinweg im Freiamt Kirchenfiguren gestohlen und sie beschädigt. Warum begeht einer solche Vandalenakten?

Josef Sachs: Warum er das getan hat, weiss ich nicht. Es kommen in solchen Fällen verschiedene Motive infrage. Am wahrscheinlichsten scheint mir, dass der Mann grosse psychische Probleme hat oder gar eine psychische Störung aufweist und die Taten aufgrund von wahnhaften Ideen beging. Das schliesse ich aus der Art und Weise, wie die Vandalenakten verübt worden sind. Es könnte aber auch sein, dass er Ressentiments gegen Kirchen ganz allgemein hat oder auch gegen bestimmte Kirchenbehörden.

Sie haben vor zwei Wochen von einer «paranoiden Erkrankung» gesprochen. Offenbar soll der Mann Angst vor Schlangen haben. Würde das solche Taten erklären?

Das würde die Taten sehr gut erklären. Er könnte sich wahnhaft vor Schlangen verfolgt gefühlt haben oder er könnte eine krankhafte Angst vor Schlangen oder anderen «bösen Tieren» entwickelt haben. Er soll ja offensichtlich ganz gezielt gegen Symbole des Bösen vorgegangen sein.

Seine Ehefrau Maria soll ihn verlassen haben. Was kann ein solcher Beziehungsaspekt bei solchen Taten bewirken?

Den biblischen Namen der Frau mit den Vandalenakten in Verbindung zu bringen, wäre weit hergeholt. Es ist denkbar, dass er das Verlassen der Frau paranoid verarbeitet. Das heisst, dass er das Gefühl haben könnte, dass es übersinnliche Mächte gibt, die die Frau dazu gebracht haben, ihn zu verlassen.

Er hat auch Autos angezündet. Das lässt sich doch eher auf pure Langeweile schliessen?

Wenn es nur Autobrände gewesen wären, könnte man auf Langeweile tendieren. Wenn er zusätzlich Autos angezündet hat, könnte es den Verdacht auf psychische Probleme verstärken. Man müsste die Gründe kennen, warum er die Autos angezündet hat. Es ist auch möglich, dass er die Autos in sein Wahnsystem eingebaut hat.

Sind Ihnen vergleichbare Fälle von Vandalismus bekannt?

Eine Kirche als Ort von Vandalismus kommt öfter vor. Ein solcher Fall mit Vandalenakten gegen Zeichen des Bösen hatte ich jedoch noch nie. Ich hatte schon mehrere Fälle von Vandalenakten gegen Kirchen aber das waren Personen, die ungezielt Zerstörungen nachgingen, etwa aus antireligiösen Haltungen oder aus purer Provokation. Oder dann sind es Anhänger satanistischer Ideen, die aber gezielt satanistische Symbole angebracht hatten.

Lassen sich Vandalen denn überhaupt therapieren?

Das kommt auf das Motiv an. Vandalismus selber lässt sich nicht bekämpfen, sondern die Probleme, die dahinter stecken. Vandalismus muss nicht immer therapiert werden. Er muss dann therapiert werden, wenn es durch eine Krankheit entstanden ist. Es gibt ja Vandalismus aus purer Langeweile - etwa bei Jugendlichen. Das ist keine Krankheit. Da braucht es dann mehr pädagogische Interventionen, vor allem in Bezug auf Freizeitgestaltung.