Im Vorfeld der Gemeindeversammlung hat er höhnisch von einer kleinen, lauten Minderheit gesprochen. Jetzt hat eine Mehrheit seiner Asylpolitik einen Riegel geschoben. Andreas Glarner kann nicht mehr behaupten, er hätte Oberwil-Lieli hinter sich.»

Johanna Gündel, die 24-jährige Studentin der Sprachwissenschaften, sagt das ohne jegliche Häme. Sie stellt einfach mit Befriedigung fest, dass Oberwil-Lieli «dem Glarner» gezeigt habe, dass er künftig mit dem, was er tue und was er sage, vorsichtiger sein müsse.

«Die Mehrheit toleriert es nicht mehr, dass er mit seinem Verhalten und seinen unsäglichen Voten das ganze Dorf in Verruf bringt.»

«Der Gemeinderat soll darauf verzichten, 290 000 Franken für Ersatzzahlungen vorzusehen und stattdessen für die Bereitstellung der nötigen Unterkünfte für Asylbewerber besorgt zu sein» – diesen Antrag hat sie an der Gemeindeversammlung gestellt.

Mit 176 zu 149 Stimmen wurde ihm am Freitagabend nach einer emotionalen Diskussion entsprochen.

Glarner-Schlappe: Oberwil-Lieli will nun doch Asylbewerber

«Sehr erfreut und überrascht»: Johanna Gündel am Samstag bei «Tele M1».

Johanna Gündel war vor Glarner in Oberwil-Lieli. «Ich bin hier aufgewachsen und habe eine wunderbare Kindheit verbracht. Doch Oberwil-Lieli hat sich verändert. Früher haben sich in einer kleinräumigen Idylle alle gekannt, es war beschaulich und gemütlich. Heute ist das Dorf protzig geworden und damit auch weniger familiär.»

Sie und andere hätten schon länger das Gefühl, in Oberwil-Lieli würde von der Politik primär darauf geachtet, dass es den Besserverdienenden gut gehe.

«Die Besserverdienenden werden vom Gemeindeammann gehätschelt. Man liest ihnen ihre Wünsche von den Augen ab und nimmt es dann bei deren Erfüllung mit den Vorschriften nicht immer so genau.»

Die Hochfinanz solle sich schliesslich wohlfühlen im «Juwel am Mutschellen».

Sie habe absolut nichts gegen die Reichen, sagt Johanna Gündel. Doch sie störe sich an deren Sonderbehandlung durch den Gemeindeammann. Das auch, weil er den weniger Verdienenden meist nicht den gleichen Respekt entgegenbringe und ihre Anliegen weniger ernst nehme.

Die weniger Verdienenden kämen sich von ihm nicht selten schikaniert vor.

Obwohl sie ihr noch nie behagte, hat die junge Frau die Entwicklung in ihrem Dorf bisher hingenommen.

«Ich war politisch nicht aktiv und habe auch nie eine Gemeindeversammlung besucht.» Der Auftritt von Andreas Glarner im deutschen Fernsehen habe sie aufgeweckt: «Ich habe das vorerst gar nicht mitbekommen. Doch dann waren an der Uni in Basel «dieser Glarner und sein unsägliches Dorf auf dem Mutschellen» plötzlich in aller Mund.»

Den «Deckel gelüpft» hätte es ihr wegen Glarners Aussage im ARD: «Es gibt keinen Widerstand gegen meine Asylpolitik, das Dorf steht hinter mir.»

SVP-Hardliner Andreas Glarner steht dem ARD Red und Antwort.

SVP-Hardliner Andreas Glarner im Interview mit dem ARD-«Morgenmagazin» (21.9.2015)

Mit dieser Behauptung habe Glarner die ganze Bevölkerung der Gemeinde in die rechte Ecke gedrängt. «Andreas Glarner», sagt Johanna Gündel, «hat das Dorf für den Nationalratswahlkampf benutzt.»

Das habe sie getroffen. Und nicht nur sie, wie sie rasch gemerkt habe. «Glarners Auftritt und die europaweite Diskussion darüber wurde zum Thema im Facebook. Leute aus Oberwil-Lieli und auch solche, die dort aufgewachsen sind und heute anderswo leben, haben sich im Chat ausgetauscht und darüber diskutiert, was man unternehmen könnte.»

So kam es zur Kundgebung vom 27. September.

«Öffnen wir unsere Herzen, statt die Gemeindekasse» – unter diesem Slogan demonstrierten rund 150 Personen am Sonntagnachmittag auf einer Wiese in Oberwil-Lieli: «Wir wollen zeigen, dass hier längst nicht alle Leute so denken wie Andreas Glarner. Wir sind empört über seine Aussagen zum Thema Flüchtlinge und noch empörter, dass er diese Aussagen im Namen einer ganzen Gemeinde gemacht hat.

Demo in Oberwil-Lieli gegen SVP-Gemeindepräsident Andreas Glarner (27.9.2015)

Demo in Oberwil-Lieli gegen SVP-Gemeindepräsident Andreas Glarner

Es gibt hier viele Leute, die gegen Glarners menschenverachtende Politik sind», hatte Organisatorin Michelle Schuhmacher damals erklärt.

Aus der Kundgebung entstand die «IG für ein solidarisches Oberwil-Lieli» und Johanna Gündel wurde zu ihrem Gesicht: «Ich bin nicht die IG. Ich habe an der Kundgebung die Rede gehalten und auch an der Gemeindeversammlung den Antrag gestellt, Flüchtlinge aufzunehmen.

So bin lediglich ich zur Repräsentantin der IG geworden, in der sich unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Schichten und Altersgruppen zusammengefunden haben», erklärt die junge Frau. Wichtig ist ihr auch: «Wir wollen nicht primär Politik machen, unsere Aktion ist ein Akt der Humanität.»

Die IG hat mobilisiert und die Wende geschafft. Oberwil-Lieli kann sich nicht mit Geld aus der sozialen Verantwortung schleichen.

Und nicht nur das: Johanna Gündel ist überzeugt, dass Andreas Glarner nach der emotionalen Gemeindeversammlung weiss, dass ihm künftig nicht nur in humanitären Angelegenheiten auf die Finger geschaut wird.

«Er kann nicht mehr wie bisher tun und lassen, was er will», sagt Johanna Gündel. Ein weiteres Zeichen gesetzt hätte die Gemeindeversammlung auch mit dem abgelehnten Verpflichtungskredit für den Neubau einer Halle und die Überdachung: «Da wollte man für eine Million einen Bau aufstellen, der so gar nicht nötig ist. Da ging es meiner Meinung nach vor allem darum, zu protzen. Die Versammlung hat klar gesagt, dass sie das nicht will.»