Asylunterkunft
Jetzt sind doch noch Asylbewerber in die Militäranlage Bettwil eingezogen

Der Kanton Aargau hat Asylsuchende in einem Wohnhaus vor der Militäranlage in Bettwil einquartiert. Nicht 140 wie ursprünglich gedacht. Es handelt sich um eine syrische und eine afghanische Familie.

Toni Widmer
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Fall Bettwil in Bildern
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 In Bettwil machte sich sofort Protest breit.
 An einer Informationsveranstaltung protestierten die Bettwiler lauthals.
 Mario Gattiker, Direktor des Bundesamtes für Migration, und Regierungsrätin Susanne Hochuli hielten trotz den heftigen Protesten der Einwohner am geplanten Asylheim fest. Hochuli wurde ausgebuht und mit frauenfeindlichen Sprüchen bedacht.
 Während der Info-Veranstaltung zur Asylunterkunft haben wütende Gegner die Strassen um die Turnhalle blockiert. Regierungsrätin Susanne Hochuli und Migrationschef Mario Gattiker konnten das Dorf erst nach einer Polizei-Intervention verlassen.
 Wenn Bund und Kanton nicht einlenken, werde es sicher weitere gewaltfreie Aktionen gegen das geplante Zentrum geben, «bis das Projekt gestoppt ist», so Roger Burri, Präsident des Komitees Probettwil
 30 Bettwiler Einwohner verteilten noch Ende November vor dem Grossratsgebäude Flugblätter an die verschiedenen Grossräte.
 Am Samstag 3. Dezember organisierten die Bettwiler ein Höhenfeuer...
 ... und hissten eine Gemeindefahne auf dem Armeegelände.
 Am 5. Dezember dann ein erster Etappenerfolg: Bund und Kanton wollen nur noch zwischen 80 und 100 Asylsuchende in der ehemaligen Bloodhound-Stellung unterbringen.
 Anfang Januar entwickelte sich das Seilziehen um die geplante Asylunterkunft des Bundes in Bettwil für bis zu 100 Asylbewerber zu einem Rechtsstreit. Braucht es für die für die Nutzung der Militäranlage eine Baubewilligung?
 Am Samstag 7. Januar demonstrierte Gemeindeamman Wolfgang Schibler nochmals mit zahlreichen Bettwilern mit einem Fackelumzug gegen die geplante Asylunterkunft.
 Am 12. Januar die gute Nachricht: Der Umbau der Militäranlage ist nicht bewilligungsfähig. Die Asylsuchenden können nicht wie geplant in Bettwil untergebracht werden.

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Pascal Meier

Mit ihrem starken Widerstand gegen eine geplante Unterkunft für 140 Asylbewerber auf dem Gelände der ehemaligen Bloodhound-Stellung sorgte die Gemeinde Bettwil vor fünf Jahren landesweit für Aufsehen. Der Kanton Aargau hat in der Folge aus verschiedenen Gründen auf die Realisierung verzichtet. Unter anderem, weil laut eingeholten Gutachten für eine solche Grossunterkunft ein Baubewilligungsverfahren hätte durchgezogen werden müssen.

Kanton hat Haus gemietet

In einem deutlich kleineren Ausmass hat der Kanton sein damaliges Ziel jetzt doch noch erreicht: Seit dem 10. Februar leben im Einfamilienhaus vor der Militäranlage zwei Asylbewerberfamilien mit zusammen 11 Personen. Das hat der Gemeinderat Bettwil mitgeteilt.

Mehrfamilienhaus vor der Militäranlage in Bettwil In dieses Haus sind am 10. Februar zwei Familien eingezogen. Die eine stammt aus Syrien, die andere aus Afghanistan. Gemietet hat das Haus der Kanton Aargau.

Mehrfamilienhaus vor der Militäranlage in Bettwil In dieses Haus sind am 10. Februar zwei Familien eingezogen. Die eine stammt aus Syrien, die andere aus Afghanistan. Gemietet hat das Haus der Kanton Aargau.

AZ

Er war von Regierungsrätin Susanne Hochuli am 30. November darüber informiert worden, dass der kantonale Sozialdienst die Liegenschaft per 1. Dezember von der Armasuisse gemietet habe. Zuvor war das Haus privat vermietet gewesen, unter anderem hatte dort der langjährige Hauswart der Militäranlage gewohnt.

Laut Gemeinderat Bettwil leben in den zwei Wohnungen der Liegenschaft jetzt zwei Familien: ein Ehepaar aus Syrien mit drei Kindern im Alter von 9, 7 und 5 Jahren und dem 15-jährigen Bruder der Frau sowie ein Ehepaar aus Afghanistan und mit zwei Kindern im Alter von 14 und 10 Jahren und einem volljährigen Sohn von 20 Jahren. Die vier schulpflichtigen Kinder werden diese Woche eingeschult. Je ein Kind wird die erste, dritte und vierte Klasse der Primarschule Bettwil besuchen, das älteste die zweite Oberstufe der Kreisschule Oberes Seetal.

Vor fünf Jahren sollten in Bettwil 140 Asylsuchende untergebracht werden. Dazu kam es nicht. Die Bettwiler freuten sich:

Die Betreuung der Asylbewerber werde durch dieselbe Person wahrgenommen, welche auch die Asylbewerber in jener Baracke betreut, die der Kanton dort schon in den 90er-Jahren aufgestellt hat. Laut Auskunft der Gemeinde Bettwil gibt es im Dorf gegen die Unterbringung der beiden Familien bisher keine Opposition.

Schon immer Asylbewerber

Was viele nicht wissen: In Bettwil leben schon seit damals regelmässig deutlich mehr Asylbewerber als die Gemeinde eigentlich aufnehmen müsste. Und das ohne grosses Aufsehen. Mit einer Ausnahme: In der sogenannten «Bundesbaracke», die am nördlichen Dorfrand unmittelbar am Erusbach steht, quartierte der Kanton im Herbst 2002 eine Familie aus und sechs junge Schwarzafrikaner ein. Das passte der Dorfbevölkerung nicht. Es kam zu einer öffentlichen Aussprache, in deren Verlauf es den Verantwortlichen vom Kantonalen Sozialdienst gelang, die Wogen zu glätten.

2011 ist das dem Departement Hochuli nicht gelungen. Und auch nicht dem Bundesamt für Migration, das eigentlich diese Gross-Unterkunft auf dem Militärgelände erstellen wollte, zusammen mit dem Kanton Aargau. Der Streit zog sich über Monate hin und sorgte in Bettwil wie in Aarau für rote Köpfe.

Erst 140, dann 100, dann keine

Die Rede war ursprünglich von einer Unterbringung von 140 Asylbewerbern, was zahlenmässig rund einem Viertel der Dorfbevölkerung entsprochen hätte. Später sprachen Bund und Kanton noch von 100 Leuten und schliesslich wurde das Projekt ganz fallen gelassen.
Dazu beigetragen hatte vor allem die Tatsache, dass es in Bettwil gar nie eine eigentliche Militärunterkunft gegeben hat, sondern lediglich ein paar wenige Schlafplätze. WK-Soldaten, die Dienst in der Fliegerabwehrstellung leisteten, wurden in den Militärunterkünften von Nachbargemeinden untergebracht. Für die Asylunterkunft hätte eine komplette Infrastruktur mit Containern oder anderen provisorischen Bauten erstellt werden müssen. Und dafür wäre ein langes und wohl auch beschwerliches Baugesuchsverfahren nötig gewesen.