Villmergen
Jetzt ist auch der Dampfkessel weg - Erinnerungen an 1930

Die ehemalige Färberei Stäger in Villmergen wird entsorgt – nur das Chämi bleibt. Dichter Robert Stäger schrieb 1930 in seinem Tagebuch noch über die Ankunft des Dampfkessels. Es war ein Erlebnis mit vielen Zuschauern.

Andrea Weibel
Merken
Drucken
Teilen

Es brauchte zwei Bagger, um den 12 Tonnen schweren Dampfkessel hochzuheben. Gestern manövrierten zwei Baggerfahrer der Firma Hubschmid das metallene Ungetüm auf einen Anhänger. Dann wurde es vom Hof der ehemaligen Färberei Stäger in Villmergen, wo bis vor kurzem noch die Erusbach-­Brauerei daheim war, zur Entsorgung abtransportiert. Schon bald wird nur noch der Hochkamin an die 1883 gegründete ursprüngliche Stroh- und spätere Garn-Färberei erinnern.

Der 90-jährige Dampfkessel der ehemaligen Färberei Stäger wurde gestern abtransportiert.

Der 90-jährige Dampfkessel der ehemaligen Färberei Stäger wurde gestern abtransportiert.

Andrea Weibel

Dabei schien die Anlieferung des Dampfkessels im Jahr 1930 ein wahres Spektakel gewesen zu sein. So zumindest notierte es der Freiämter Mundartdichter Robert Stäger in seinem Tagebuch. «Der Dampfkessel trifft ein, das ist ein Dorfereignis», schrieb er. Sein Sohn Lorenz Stäger entdeckte die Auszüge in den alten Tagebüchern.

1930 brauchte es zwei Traktoren und eine Walze

«Am Dienstag, den 16. September, wird der Kesselwagen aufgeladen, das halbe Dorf nimmt daran schon teil. Am selbigen Abend wird die Probefahrt mit der Dampfwalze und dem leeren 100 Zentner (5 Tonnen, Anm. d. Red.) schweren Wagen vollführt. Resultat: negativ. Ein Randstein plumpst mitsamt Stange in den Bach», schrieb Robert Stäger. Seinem Bruder Oskar (1904 bis 1963) gehörte damals das Familienunternehmen, das wichtig war für die Freiämter Strohindustrie.

1930: Der Dampfkessel wurde angeliefert. Firmenchef Oskar Stäger ist der zweite von links neben dem Kamin, Dichter Robert Stäger steht in unterster Reihe als zweiter von rechts mit der Krawatte.

1930: Der Dampfkessel wurde angeliefert. Firmenchef Oskar Stäger ist der zweite von links neben dem Kamin, Dichter Robert Stäger steht in unterster Reihe als zweiter von rechts mit der Krawatte.

Zur Verfügung gestellt

Doch am Ende schien alles zu klappen: «Zwei Traktoren und eine Walze; der Kessel wird gekehrt im Oberdorf. Fast schlipft er gegen die Bachbrücke bei Meyer-Islers. Zweihundert Personen, Kinder, Autos, Flüche, Winden und Kohlen und Ölgestank.»

Die Arbeiten gingen damals bis nach Mitternacht

Speziell war, dass die Arbeiten bis weit in die Nacht hinein gedauert haben müssen, wie Robert Stäger schrieb: «Dann fährt man um 11 Uhr nachts weiter. Grossartige Arbeit bis halb 1 Uhr beim Lichte der Scheinwerfer. Viele Zuschauer. Der Wagen wird herumgewunden mit schweren Eisenwinden, die hintern Räder werden auf Blechplatten geschoben.» Tatsächlich konnte das schwere Ungetüm an seinen Platz verfrachtet werden: «Um Viertel vor 1 Uhr morgens steht er neben dem Haus, wohlgeborgen.» Nun hatten sich der Firmeninhaber und seine Leute eine Pause verdient: «Oski nimmt ein Znüni mit den 14 Arbeitern im Löwen.» Am nächsten Morgen ging es weiter: «Die Traktoren ziehen, die Dampfwalze stösst von hinten, es geht glänzend.»

Ursprünglich hätte das Kesselhaus samt dem Hochkamin als Industriedenkmal erhalten bleiben sollen. Nun soll zumindest der Kamin an die Zeiten der Färberei zurückerinnern. Der und die Frontplatte des Dampfkessels. Denn die hat der Feuerwehrverein Rietenberg als Museumsstück gerettet.