Aristau
Jeder Zuschauer macht sich sein eigenes Stück

Beim Theater «Wiedergefundene Zeit» ist es kaum möglich, jede Szene zu sehen – der Zuschauer muss selber auf Entdeckungsreise durch den Kapfgarten gehen.

Dominic Kobelt
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Andreas Bieler und Catherine Hepner spielen Ernst Halter und Erika Burkart in jungen Jahren.
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Zu den Szenen können die Zuschauer passende Texte hören.
Theater «Wiedergefundene Zeit»

Andreas Bieler und Catherine Hepner spielen Ernst Halter und Erika Burkart in jungen Jahren.

Dominic Kobelt

«Hast du gesehen, als der junge Mann ein Bild seiner Geliebten gemalt hat?», fragt ein Theaterbesucher den anderen nach der Aufführung. «Nein, wo war das?», fragt dieser zurück. Es ist nicht so, dass besagter Zuschauer während des Stücks eingeschlafen wäre. Brigitte Brun Singer, die das Konzept entwickelt hat und Regie führte, macht bereits vor Beginn klar: «Es ist unmöglich, alles zu sehen.»

Denn «Wiedergefundene Zeit» ist kein klassisches Theaterstück, sondern eher eine Kunstinstallation. Mit Kopfhörern und Audigeräten ausgerüstet schlendern die Besucher über das märchenhafte Grundstück. Schriftsteller Ernst Halter wohnt immer noch hier, bis zu ihrem Lebensende war auch die Lyrikerin Erika Burkart hier wohnhaft. Vielleicht passen die Texte der beiden deshalb so gut in diese Umgebung, weil sie mit diesem Ort verbunden scheinen. Der Garten ist weitläufig, überall hat es Nischen, die zum Verweilen einladen und Wege und Pfade, die sich zwischen den Pflanzen hindurch schlängeln.

Der Besucher muss sich auf dieses Konzept einlassen, akzeptieren, dass ein Teil der Geschichte ungesehen an ihm vorüberzieht, wenn er in der Wiese hockt und sich einen Text über Hummeln anhört. Zu manchen der Texte gibt es entsprechende Szenen, und damit man weiss, welchen Knopf man drücken muss, rennen, sitzen oder turnen Kinder in farbigen Kleidern in der Nähe besagter Szenen herum. Da sieht man plötzlich ein junges Liebespaar an sich vorbeilaufen, drückt den grünen Knopf und kann quasi die Gedanken der Liebenden lesen. Wie auf einer Bühne, auf der man sich direkt neben die Schauspieler setzen kann, um die Szene herumlaufen und seinen eigenen Blickwinkel finden.

Eine Herausforderung

Das Projekt ist auch für die Schauspielerinnen und Schauspieler eine Herausforderung. Sie müssen Szenen spielen, in denen es keine festen Dialoge gibt, Gefühle zum Ausdruck bringen, ohne Worte zu gebrauchen – denn die Besucher tragen ja Kopfhörer. Kommt hinzu, dass das Publikum hinter, vor und neben den Schauspielern steht und dass das Risiko besteht, dass nur ein paar wenige eine gut gespielte Szene bestaunen.

«Widergefundene Zeit» schickt den Besucher mit ganz unterschiedlichen Eindrücken nach Hause. Einerseits hat man das Gefühl, etwas verpasst zu haben, vielleicht die eine, beste Szene des Stücks. Andererseits nimmt man sein ganz persönliches Erlebnis mit, das sonst keiner der Zuschauer in der selben Art und Weise erfahren hat. Es ist die eigene Zeit, die man im Kapfgarten wiederfindet.