Wohlen
Jeder Weg hat seine eigenen Geschichten

Für den Spaziergang «Wohlen kreuz und quer» erzählen Urwohler wie auch Neuzuzüger ihre ganz eigenen Weggeschichten.

Andrea Weibel
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Für Mary Wiederkehr hat die Bünzbrücke zur Wehrlistrasse viel emotionalen Wert.

Für Mary Wiederkehr hat die Bünzbrücke zur Wehrlistrasse viel emotionalen Wert.

Andrea Weibel

Wohlen ist vielseitig – genau wie seine Einwohner. Neuzuzüger staunen über all die kleinen Schleichwege, die Urwohler seit Jahrzehnten benutzen. Was diese Wege aber am spannendsten macht, sind die Geschichten, die mit ihnen verbunden werden. Genau die sollen nun erzählt werden, dafür sorgen der gemeinnützige Frauenverein und die Toolbox am 9. Juni. Sie haben zehn Menschen aus Wohlen, junge wie alte, die ihr ganzes Leben oder nur die letzten paar Jahre im Dorf verbracht haben, zusammengebracht und geben ihnen das Wort. Auf einem Spaziergang durch Wohlen trifft man dann immer wieder auf Erzähler, die von «ihrem» Wohlen berichten. Hier sind zwei Beispiele, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch werden sie durch eines vereint: Wohlen.

Uganda und die Bünzbrücke

Mary Wiederkehr ist als Kriegskind in Uganda aufgewachsen. Sie wäre immer gern Krankenschwester geworden, musste dann aber eine Ausbildung zur Schneiderin machen. Das war jedoch ihr Glück, denn als sie als Näherin für die Hilfsorganisation Interteam aus Luzern Arbeit fand, lernte sie dort ihren Mann kennen, mit dem zusammen sie 1990 erstmals für ein halbes Jahr in sein Heimatdorf Wohlen kam, um dann 1996 vollständig ins Freiamt überzusiedeln. Bei ihrem ersten Besuch in Wohlen 1990 setzt auch ihre Geschichte an, die sie erzählen möchte.

Hansruedi Meier erzählt vom alten Kirchenweg, der über seinen Vorplatz führte.

Hansruedi Meier erzählt vom alten Kirchenweg, der über seinen Vorplatz führte.

Andrea Weibel

Damals war ihr Ehemann noch Leiter einer Schule in Uganda, die vom Interteam aufgebaut worden war. «Er hatte auch hier nicht einfach Urlaub, sondern musste oft geschäftlich weg und liess mich bei seinen Eltern. Sie waren sehr nett zu mir, sprachen aber kein Wort englisch», erinnert sie sich. Irgendwie klappte die Verständigung, aber was ihre Schwiegereltern damals für die junge Frau taten, kann sie erst heute, nach so vielen Jahren, richtig schätzen.

Sie erzählt: «Mein Schwiegervater war damals bereits im Rollstuhl. Jeden Nachmittag machte er eine Spazierfahrt. Meine Schwiegermutter sagte ihm, er solle mich mitnehmen. Ich wusste nicht genau, was sie von mir erwarteten, aber ich ging mit.» Von den Bifang-Blöcken her gings via heutiger Bünzpark hinunter an die Bünz und über die Brücke zur Wehrlistrasse, von dort vorbei an Strohmuseum und Gemeindehaus und zurück nach Hause. «Auf der kleinen Brücke blieben wir sehr lange stehen, und er redete und redete und zeigte dabei mit dem Finger herum. Ich verstand kein Wort, aber das war egal», berichtet Mary Wiederkehr lächelnd.

Unterwegs hätten viele Leute ihren Schwiegervater angesprochen und sich mit ihm über sie unterhalten. «Heute glaube ich, dass er wirklich ein mutiger Mann gewesen ist, denn ich war damals wohl eine der einzigen Schwarzen in Wohlen. Er musste allen erklären, wer das ‹Negerli› war.

Aber es schien, als sei er fast stolz, dass er mit mir herumspazieren konnte.» Später erhielt sie Arbeit in einer Näherei, heute arbeitet sie als Nachtwache-Pflegerin in der Integra – und hat auch eine Antwort parat, wenn ein Bewohner sie fragt, ob sie ein «Negerli» sei: «Ich weiss, dass das nicht böse gemeint ist, und fasse es auch nicht so auf. Früher sagte ich, nein, ich sei einfach schwarz. Aber heute sage ich: ‹Nein, ich bin kein Negerli, ich bin Mary.›»

Die Geschichte von ihren mutigen und unglaublich freundlichen Schwiegereltern, die leider vor Jahren verstarben, hat sie schon öfter erzählt, nie aber jene von ihrem ersten Spaziergang mit ihrem Schwiegervater. «Als die Organisatoren mit der Idee kamen und ich mir einen Weg aussuchen sollte, der mir besonders viel bedeutet, wusste ich, jetzt ist es Zeit, diese wunderbare Geschichte zu erzählen. Ich bin so dankbar, dass ich sie erleben durfte.»

Ein kleiner Pilgerweg

Eine ganz andere Geschichte erzählt der in Wohlen aufgewachsene und bis heute in seinem Elternhaus wohnhafte Fuhrhalter und Pensionär Hansruedi Meier aus der Steingasse, einem der ältesten Quartiere des Dorfes. Ihn kennt wohl jedes Kind und auch jeder Erwachsene, der ab und zu tagsüber durch Wohlen spaziert, denn fast jeden Tag ist er mit seinem Pferdefuhrwerk in den Strassen unterwegs. Den Interessierten wird er jedoch von dem kleinen Wegabschnitt direkt vor seinem Haus berichten. «Früher, vor wohl etwa 200 Jahren, hatte Wohlen noch keine Kirche, sodass die Wohler jeden Sonntag zu Fuss nach Fischbach-Göslikon an die Reuss pilgern mussten, um zum Gottesdienst zu kommen. Und dieser Kirchenweg verlief genau hier durch, wo heute meine Scheune mit den Pferdeställen steht.»

Heute pilgern die Leute zwar nicht mehr zur Kirche, dennoch kommen sehr viele täglich an seinen Ställen vorbei. «Einige fragen mich ab und zu, ob man hier durchgehen dürfe. Dann erkläre ich ihnen, dass es noch immer ein altes Wegrecht gibt, das jedem erlaubt, den Weg zu benützen.» Er mag es auch, die Leute vorbeispazieren zu sehen. «Eine Frau kommt auf ihrem Arbeitsweg immer extra hier vorbei, weil sie den Geruch der fünf Pferde so mag», erzählt er lächelnd. «Auch viele Schüler spazieren auf dem Weg zur Turnhalle vorbei, und vor allem die Mädchen streicheln Terry, meinen 20-jährigen Wallach, der wegen seiner Lungenbeschwerden eine Aussenbox hat. Die Aufmerksamkeit gefällt ihm sehr, aber auch ich freue mich.»

Mit dem Spaziergang durch Wohlen möchten die Organisatorinnen Vorurteile abbauen und die Menschen zusammenbringen, egal woher sie kommen. «Vor zwei Jahren haben wir bereits ein ähnliches Projekt durchgeführt. Das lief so gut, dass wir es nun fortsetzen möchten», freut sich Katharina Stäger, Projektleiterin der Toolbox.

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