Muri

Jeder kennt ihn, er kennt jeden: Tschudi, der Schweizer Päcklipöstler

Freundlich und pünktlich: Päcklipöstler Stefan «Tschudi» Bütler ist so beliebt, dass er sogar zum Fasnachtsmotiv wurde. Andrea Weibel

Freundlich und pünktlich: Päcklipöstler Stefan «Tschudi» Bütler ist so beliebt, dass er sogar zum Fasnachtsmotiv wurde. Andrea Weibel

Das Navi braucht er «fast nie». Die Zeitschrift Reportagen hat fünf Pöstler aus fünf Ländern vorgestellt – der Freiämter Stefan Bütler vertritt die Schweiz. Er lebt seinen Traumberuf. Warum er der «typische» Schweizer Pöstler ist, weiss er nicht.

Im Iran bringt ein Pöstler jeden Monat einen Liebesbrief zur Hausnummer 33, wo eine Frau wohnt, die scheinbar stumm und in dem Haus gefangen ist. Um ihr diesen Gefallen zu tun, zögert er sogar seine Pensionierung hinaus.

In Frankreich dagegen lassen sich die Pöstler dafür bezahlen, dass sie älteren oder einsamen Menschen ein paar Minuten pro Woche Gesellschaft leisten. Dieses Angebot hat die französische Post entwickelt, weil kaum noch Briefe geschrieben werden, die die Pöstler ausliefern müssen.

In Brasilien hat ein im grössten Armenviertel Rios aufgewachsener Mann ein Postwesen erfunden, das nun auch den Ärmsten erlaubt, beispielsweise Post von Verwandten, bestellte Waren oder auch schlicht Antworten auf Bewerbungsschreiben zu erhalten.

In den USA kann man sich selber Päckchen an Zwischenposten schicken, die man abholen kann, wenn man auf dem 4279 Kilometer langen Pacific Crest Trail, dem Wanderweg von Mexico bis Kanada, daran vorbeiwandert.

Und dann gibt es den Schweizer Pöstler Tschudi aus Muri.

«Uniformierter Postbeamter»

Tschudi heisst eigentlich Stefan Bütler, die Aargauer Zeitung durfte ihn schon vor einem Jahr mitten im Winter einmal einen Tag lang begleiten. Er liefert weder geheime Botschaften aus, noch hat er irgendwas erfunden. Er ist einfach nur Päcklipöstler. Und doch ist er für Muri und Umgebung zum Original geworden. Jeder kennt ihn, jeder mag ihn. Nachdem die AZ über ihn berichtet hatte, gingen ein paar Murianer Fasnächtler sogar als Päcklipöstler Tschudi an die Fasnacht, erzählt er lachend. Man merkt: Er macht seine Arbeit von Herzen. Und tatsächlich wollte er schon als Bub nichts anderes als Pöstler werden. Und so begann er als 16-Jähriger die Lehre als «uniformierter Postbeamter», wie das damals hiess.

«Als Päcklipöstler kommt man viel häufiger mit Kunden in Kontakt als die Briefträger, die meist einfach nur die Briefkästen füllen», sagt Bütler. «Das ist es, was mir an meinem Job gefällt.» Trotz des immer grösseren Zeitdrucks ist es für ihn selbstverständlich, dass er mit den Leuten ein paar Worte wechselt, mal einen Spruch macht, ihnen nicht nur ein Paket, sondern auch ein Lächeln vorbeibringt. «Das gehört einfach dazu. Wenn ein paar Worte nicht mehr drinliegen würden, würde ich den Job nicht mehr machen wollen», sagt er.

Alle kennen ihn – und umgekehrt

Die Leute kennen Stefan Bütler unter dem Namen Tschudi. In der Novemberausgabe des Magazins Reportagen heisst es dazu: Alle nennen ihn so, «seit sein Vater den Bub Tschudi nannte, der immer vor dem Fernseher sass, wenn ‹Daktari› lief mit der klugen Äffin namens Judy».

Doch nicht nur sie kennen ihn, sondern auch umgekehrt: Stefan Bütler weiss genau, wo die Leute wohnen und die Firmen untergebracht sind oder welchen Eingang er benützen muss. Ein Navi hat er noch nie gebraucht. «Fast nie», präzisiert er. «Wenn ich manchmal an Samstagen ein anderes Gebiet abdecken muss und Päckli beispielsweise nach Bellikon bringe, dann muss ich schon schnell auf dem Handy nachschauen, denn dort oben kenne ich mich noch nicht so genau aus.» Aber im Freiamt, besonders in und um Muri, wo der 39-jährige Familienvater sein ganzes Leben gewohnt hat, würde ein Navi viel zu viel Zeit kosten. «Das gewöhnen sich auch die Neuen meist schnell ab», lacht er.

Doch warum ist ausgerechnet er der Schweizer Pöstler, den «Reportagen» neben den vier Pöstlern der anderen Länder zeigt? «Ich weiss nicht, was mich zum typischen Schweizer Pöstler machen sollte», sagt er schmunzelnd. «Vielleicht, dass ich freundlich, zuverlässig und pünktlich bin, das macht unsere Post doch aus.»

Er selbst habe noch nie mit einem Pöstler aus einem anderen Land geredet. «Aber man hat doch schon öfter gehört, dass zum Beispiel Postkarten nicht angekommen sind, das gibt es bei uns nicht.» Und wie kam der «Reportagen»-Autor Erwin Koch ausgerechnet auf ihn? «Das müssen Sie unseren Gemeindepräsidenten fragen, der habe mich empfohlen», sagt Tschudi und lacht laut und fröhlich.

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