Eigentlich könnte das Haus im Freilichtmuseum Ballenberg stehen – wenn da nicht der moderne Wohnkomfort wäre. Christian Krummenacher, Schreiner mit eigenem Geschäft in Beinwil, erfüllt alle holzigen Wünsche seiner Kundschaft. Neben der Herstellung moderner Einrichtungen gilt seine Leidenschaft von allem der Renovation von Altbauten.

In den vergangenen Jahren durfte er diese Leidenschaft für diverse Kunden ausleben. Nun hat er diese Begeisterung in einem eigenen Projekt verwirklicht. Zusammen mit Familienmitgliedern hat er in Wiggwil ein altes Tätschhaus vor dem Zerfall gerettet und renoviert. Dieses Engagement ist ein Glücksfall – für ihn, weil er seine Leidenschaft ausleben konnte, für die Gemeinde, weil das Haus den Ortsteil Wiggwil weiterhin mitprägen darf, für den Heimatschutz, weil hier auch ein beeindruckendes Beispiel entstanden ist, wie man alte Häuser heute nutzen kann.

Die Eingangstüre: alt. Die Türen im Innern: alt, zum Teil geflickt mit altem Holz. Die Schlösser und Türbänder: von überall her zusammengetragen und alt. Die Balken: für eine heute genügende Raumhöhe höher eingebaut, aber alt. «Ich wollte den Charakter dieses ungefähr 200 Jahre alten, vermutlich ehemaligen Doppelwohnhauses bewahren», sagt Krummenacher. Er hat die alten Holzbalken in aufwendiger Arbeit gebürstet, er hat alles erhalten, was erhaltenswert war. Er hat dort modern ergänzt, wo es nötig und sinnvoll ist. Er konnte insofern in seinem Lager aus dem Vollen greifen, weil er nicht anders kann, als auf Flohmärkten und aus Abbruchobjekten alte Teile zu kaufen und mit nach Hause zu nehmen. Altes Holz lagert er auch für die Restauration von Möbeln von Kundinnen und Kunden.

In vierjähriger intensiver Arbeit sind in Wiggwil drei Wohnungen entstanden, die besonders sind. Krummenacher zeigt die Schönheit des alten Hauses, wo er kann, und scheut sich – detailverliebt, wie er ist – auch nicht, die Narben der Geschichte zu erhalten. Schräge Balken und passend zugesägte Wandbretter, alte Holzzapfenverbindungen in den Firstsparren, Wurmlöcher und Holzverfärbungen kontrastieren zu modernen, feinen Treppengeländern oder heutigen Bodenbelägen. Zwei der drei Wohnungen sind vermietet, wie Krummenacher erzählt.

Moderner Komfort

Alle Wohnungen mit Flächen zwischen 185 und 220 Quadratmetern verfügen über einen separaten Zugang, alle über grosse Räume mit enormer Ausstrahlung, alle über zeitgemässen Komfort. Die Küche bietet modernste Technik, ordnet sich aber trotz oder gerade wegen ihrer modernen Gestaltung optisch der alten Holzkonstruktion unter. In den Bädern geben ebenfalls alte, handgehauene Balken und schlichte, formschöne Lavabos einen reizvollen Kontrast. An genau definierten Stellen beleuchten versenkte LEDs Treppen und Gänge. Der Kachelofen in einer der Wohnungen, aus einem Abbruchobjekt im Bündnerland aus- und hier wieder aufgebaut, funktioniert über eine moderne Feuerungsanlage, das Haus wird allerdings über eine zeitgemässe Wärmepumpe und Bodenheizung erwärmt, die Fenster und die Isolation erfüllen selbstverständlich heutige Standards, wobei Krummenacher vor den früheren Häuserbauern den Hut zieht, indem er beispielsweise grosse Teile mit Schafwolle isolierte und für Wände Kalkabrieb verwendete. «Die haben früher einfach, aber sehr gut gebaut», stellt er fest.

Liebe im Detail

Auch aussen hat Krummenacher konsequent gehandelt. Die Ost- und Südseite stehen unter Schutz, da gab es wenig Spielraum. Die anderen Aussenfassaden passen sich mit gedämpftem Fichtenholz bestens an und bieten den nötigen Witterungsschutz. Entstanden sind auch je ein stimmungsvoller Aussensitzplatz pro Wohnung. Autos werden in einem Carport vor der Witterung geschützt. An vielen Kleinigkeiten lasse sich einerseits die Geschichte des Hauses ablesen, andererseits schon aussen die Liebe zum Detail erkennen, die sich im Innern wiederfindet. Das Kupferdächli über dem stirnseitigen Eingang erhielt wieder eine Zierleiste und neue Wasserspeier, das Geländer fertigte Kunstschlosser Richard Erni aus Muri, die Treppe wurde selbstverständlich nicht aus Beton, sondern aus Sandstein neu aufgebaut. Die Keller funktionieren immer noch wie früher, auch dank den Naturböden mit einem konstanten Klima. So ist ein bedeutendes Haus mehr in die Zukunft geführt worden, die den Ortsteil Wiggwil prägen und einzigartig machen.

Der Beueler Ortsteil ist ein besonderer Ort. Es ist historisch nachweisbar, dass in Wiggwil bis mindestens 1412 eine Familie Gessler lebte. Die Gessler waren Untervögte des Dorfes und Ministerialen der Habsburger. Ein Hermann Gessler soll gemäss der Legende Landvogt von Uri und Schwyz gewesen und im Jahr 1307 von Wilhelm Tell erschossen worden sein. In unmittelbarer Nähe zu Krummenachers Haus steht ein alter Brunnen, der das Wappen der Gessler trägt.