Wahlfeier
Jean-Pierre Gallati: «In Waltenschwil ist mein Ruf heute noch besser als hier in Wohlen»

Die SVP-Prominenz liess Jean-Pierre Gallati hochleben, die meisten Wohler aber blieben dem Empfang fern. Die Party-Reportage aus dem Wohler Casino.

Toni Widmer
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Gallati Wahlfeier im Casino Wohlen
11 Bilder
Gallati beim Einzug ins Casino Wohlen.
Der neue Regierungsrat mit Wolfang Schibler, Ex-Gemeindeammann von Bettwil und Ex-SVP Grossrat.
Ein Selfie mit Grossrat Daniel Wehrli (SVP, Aarau).
Gallati freut sich über die vielen Gratulationen.
«In Waltenschwil ist mein Ruf noch heute besser als hier in Wohlen.»
Gallati mit Wohlens Gemeindeammann Arsène Perroud (SP).
Der Neugewählte bedankt sich bei seinen Unterstützern.
Der neue Regierungsrat wird mit einem Bild beschenkt.
Alt SVP-Nationalrat Theo Fischer Hägglingen freut sich über die Wahl von Jean-Pierre Gallati.
Mario Gratwohl (Niederwil) rutscht für Gallati in den Grossrat nach.

Gallati Wahlfeier im Casino Wohlen

Michael Würtenberg

Ob es Absicht war? Die Stehtische im Casino waren allesamt mit einem Weihnachtsstern geschmückt. Und die sind bekanntlich rot. So, wie SP-Mitglied Arsène Perroud, der als Wohler Gemeindeammann für die Wahlfeier von Neo-Regierungsrat Jean-Pierre Gallati die oberste Verantwortung getragen hat.

Möglich auch, dass Perroud die roten Weihnachtssterne am frühen Sonntagnachmittag aus Wettingen hat einfahren lassen. Dort, wo die geplante richtig rote Wahlfeier letztlich nicht hat stattfinden können.

Perroud war ehrlich: «Es war heute Mittag ein Krimi bis zum Schluss und ich verhehle nicht, dass ich persönlich auf einen Erfolg von Yvonne Feri gehofft habe.» Doch, fuhr der Wohler Ammann in seiner launigen Rede weiter, so sei Politik: «Man hat das Resultat zu akzeptieren und schafft zusammen weiter.»

Die Wahlfeier von Jean-Pierre Gallati im Video

Er hoffe, dass Jean-Pierre Gallati den Unterlegenen künftig den nötigen Respekt entgegenbringe und als Regierungsrat bereit sei, Kompromisse einzugehen. Etwas Freude zeigte Perroud trotz seiner Vorbehalte: «Deine Wahl», wandte er sich an seinen einstigen Wohler Einwohnerratskollegen, «ist für unsere Region erfreulich. Du bist künftig zwar dem Gesamtwohl des Kantons verpflichtet, aber ich hoffe doch, dass Du bei Deiner neuen Tätigkeit in Aarau Deine Herkunft und Heimat nie ganz vergisst.»

Und sogar ein bisschen Lob gab’s für den neuen Regierungsrat: «Du hast in Wohlen oft provoziert oder Dich zumindest prononciert ausgedrückt. Doch Du hast immer auch bewiesen, dass Du durchaus auch andere Meinungen akzeptieren kannst und bereit bist, mit Andersdenkenden darüber zu diskutieren.»

Auch alt Nationalrat Theo Fischer gehörte zu den Gratulanten

Ausser den Weihnachtssternen gab es Sonntagabend wenig Rot im Casino. Dominiert haben, wie nicht anders zu erwarten, die Mitglieder der SVP und weitere aufrechte Schweizer. Alt SVP-Regierungsrat Ernst Hasler war ebenso da wie der ehemalige Wohler Autopartei-Nationalrat René Moser und für ein paar wenige Minuten ist auch SVP-Nationalratslegende Luzi Stamm etwas planlos im Wohler Casino umhergeirrt.

Mit 82 Jahren wohl zu den ältesten Gratulanten im Saal gehörte alt Nationalrat Theo Fischer aus Hägglingen, der als fairer und kompetenter SVP-Politiker parteiübergreifend geschätzt und respektiert wurde, zu einer Zeit, als die SVP-Parteispitze noch deutlich weniger von Populisten und Scharfmachern dominiert wurde.

Um die Wette gestrahlt haben im Casino auch der frühere SVP-Aargau-Präsident und Grossrat Thomas Lüpold, Möriken, SVP-Parteisekretär Pascal («Mosti») Furrer, Staufen, der SVP Aargau-Vize Clemens Hochreuter, zahlreiche (männliche und weibliche) SVP-Mitglieder aus der Region, Freundinnen, Freunde und Bekannte von Jean-Pierre Gallati und natürlich der (fast) komplette Vorstand der SVP-Bezirkspartei Bremgarten.

Deren Präsident René Bodmer sprach von einem Freudentag und überreichte Gallati als Geschenk ein Feuerwehrmesser, «damit Du Dich besser durch das Aargauer Verwaltungsdickicht kämpfen kannst.»

Eine noch glücklichere Mine als Bodmer trug allerdings dessen Vorstandskollege Mario Gratwohl zu Schau. Der Nesselnbacher Garagist und Abschleppunternehmer kann für Galatti im Grossen Rat nachrücken, was ihn mit viel Stolz und Freude erfüllt.

Offenbar gar nicht stolz auf den nach Hermann Huber (FDP, 1905 bis 1909) erst zweiten Wohler Regierungsrat ist die CVP. Im Gegensatz zu verschiedenen ehemaligen Einwohnerratskolleginnen und -kollegen aus FDP, Grünen, SP und GLP hatte aus dieser Fraktion niemand den Weg zur Wahlfeier ins Casino gefunden.

Vielleicht ist ja dafür ein Grüppchen zusammen mit Parteipräsident und Feri-Wahlhelfer Harry Lütolf nach Wettingen gereist, um dort ein bisschen Trost zu spenden. Peter Wertli, Ex-CVP-Regierungsrat, Ex-Villmerger und heute Nachbar von Jean-Pierre Gallati in Wohlen hat die Scharte aber ausgewetzt.

Er freute sich sichtlich über die Wahl, auch wenn er es bedauert, dass der Regierungsrat jetzt wieder zum reinen Männergremium geworden ist: «Ich habe es selber erlebt, als Stéphanie Möriker damals als erste Aargauer Regierungsrätin zu uns ins Team gekommen ist. Frauen haben bei vielen Themen eine andere Sichtweise als wir Männer und es ist für die Sache von Vorteil, wenn auch diese Sichtweise in die jeweilige Beratung einfliesst.»

Vertreten an der Wahlfeier war auch eine Gemeinderatsdelegation aus Waltenschwil. Dort ist Gallati aufgewachsen und dort, so sagte er in seiner Rede: «Ist mein Ruf heute noch deutlich besser als hier in Wohlen.» Na dann bleibt mal abzuwarten, wie rasch er mit einem guten Job im neuen Amt sein Ansehen auch an seinem Wohnort steigern kann.

Die bisherigen Freiämter Regierungsräte auf einen Blick

Das Freiamt hat wieder einen Regierungsrat. Der passende Zeitpunkt für einen Blick zurück auf die bisherigen Regierungsräte aus dem Freiamt. Aber ohne Garantie auf Vollständigkeit.

2001 bis 2009: Rainer Huber, Berikon CVP, heute Gontenschwil. Huber wurde 2000 als wilder Kandidat für die Regierung portiert, von einer Gruppe aus der Region Mutschellen, die sich vornehmlich aus Mitgliedern der SVP zusammensetzte. Leute aus ebendieser Gruppierung sorgten acht Jahre später mit einer Schlammschlacht dafür, dass Huber wieder abgewählt wurde, weil er mit seiner Bildungspolitik nicht ihren Erwartungen entsprochen hatte.

1988 bis 2001: Peter Wertli, Villmergen, CVP, heute Wohlen. Auch Peter Wertli war einst ein Kampfkandidat. Er ist 1987 gegen den wild kandidierenden Josef Rennhard (CVP) und den offiziellen CVP-Kandidaten Anton Keller angetreten. Seine Wahl im zweiten Wahlgang war eine grosse Überraschung.

1976 bis 1988: Hans Jörg Huber, Zurzach, CVP, gestorben 2008, war Bürger von Hägglingen und somit auch ein bisschen Freiämter Regierungsrat.

1965 bis 1976: Leo Weber, Muri, CVP. Leo Weber war nach seiner Zeit im Regierungsrat noch Nationalrat von 1975 bis 1987, gestorben ist er 1995.

1952 bis 1965: Paul Hausherr, Bremgarten, KVP.

1935 bis 1952: Josef Rüttimann, Abtwil, CVP.

1914 bis 1935: Xaver Stalder, Sarmenstorf, CVP.

1905 bis 1909: Hermann Huber, Wohlen, FDP.

1875 bis 1905: Gottlieb Käppeli, Merenschwand, FDP.

1866 bis 1881: Peter Suter, Beinwil, Liberale.

1837 bis 1838, 1852 sowie 1856 bis 1881: Augustin Keller war wohl die schillerndste Aargauer Politfigur aus dem Freiamt überhaupt. Er hat sich grosse Verdienste beim Aufbau des Bildungswesens im Aargau erworben. Diese hat der Kanton mit einer Büste im Aargauer Rathauspark auch entsprechend gewürdigt.

In seinem Heimatort Sarmenstorf hingegen wurde Keller über Jahrzehnte totgeschwiegen. Es gab weder eine Erinnerungstafel noch sonst einen Hinweis auf den berühmten Bürger, der nicht nur Regierungsrat, sondern auch National- und Ständerat gewesen war. Grund dafür war Kellers Kritik an der Römisch-Katholischen Kirche, der er selbst angehört hat. Er drang 1841 im Grossen Rat mit dem Antrag durch, alle acht Aargauer Klöster aufzuheben.

Das führte letztlich zu einer politisch-konfessionellen Krise, die 1847 in den Sonderbundskrieg mündete. Fortan war Keller der Klostermörder und so ein rotes Tuch für alle Katholiken. Rehabilitiert wurde in Sarmenstorf erst im Zuge des Freilichtspiels «Chlostermetzger», das 2006 aus Anlass seines 200. Geburtstages inszeniert worden ist.

1835: Josef Leonz Müller, Muri, Liberale.

1831 bis 1837: Joachim Wey, Villmergen.

1820 bis 1829: Franz Joseph Vorster, Bremgarten.

1815 bis 1831: Vincenz Küng, Beinwil, KK.

1815 bis 1820: Heinrich Weber, Bremgarten.

1803 bis 1814: Ludwig Fidel Weissenbach, Bremgarten. Womit die Liste beim ersten Regierungsrat aus dem Freiamt angelangt ist.