Wohlen

Jauslin ist der erste Freiämter FDP-Nationalrat nach fast 100 Jahren Pause

Nationalrat Matthias Jauslin auf dem Freiverlad-Gelände beim Bahnhof Wohlen, für das seiner Ansicht nach ein neues Konzept nötig ist.

Nationalrat Matthias Jauslin auf dem Freiverlad-Gelände beim Bahnhof Wohlen, für das seiner Ansicht nach ein neues Konzept nötig ist.

Mit Matthias Jauslin ist die Freiämter FDP nach fast 100 Jahren Abstinenz wieder im Nationalrat vertreten. Dabei hatte der Wohler vor den Wahlen nicht mit diesem Erfolg gerechnet.

Vor 96 Jahren ist der bisher letzte Freiämter FDP-Nationalrat zurückgetreten. Heinrich Eugen Abt aus Bünzen amtierte von 1911 bis 1919. Jetzt tritt der 53-jährige Wohler Matthias Jauslin sein Erbe an. Der FDP-Kantonalpräsident ist am 18. Oktober erster Ersatz geworden und kann jetzt für Ständerat Philipp Müller nachrutschen.

Mit Jauslin ist auch Wohlen nach 16 Jahren wieder im Bundesparlament vertreten. 1999 stellte die grösste Freiämter Gemeinde noch zwei Nationalrätinnen und einen Nationalrat: René Moser von der Autopartei trat damals nach zwei Amtsperioden nicht mehr zur Wiederwahl an und Agnes Weber von der SP wurde im Herbst 1999 nach nur einer Amtsperiode abgewählt. Noch kürzer war das Gastspiel der Grünen Katrin Kuhn gewesen: Sie rutschte am 1. März 1999 in den Nationalrat nach und wurde im Herbst nicht mehr wieder gewählt.

Den ersten Ersatzplatz angepeilt

So richtig gerechnet hat der ehemalige Wohler Einwohnerrat und Gemeinderat sowie amtierende Aargauer Grossrat mit seiner Wahl nicht: «Ich habe vor vier Jahren erstmals kandidiert und den dritten Ersatzplatz erreicht. Diesmal war es mein Ziel, den ersten Ersatzplatz zu erreichen um dann im Verlauf der Amtsperiode vielleicht nachrutschen zu können.»

Der Erfolg ist für ihn vor allem auch eine Bestätigung seiner Arbeit als Kantonalpräsident: «Es ist uns gelungen, die FDP wieder näher an die Basis zu führen und das Image der oftmals etwas abgehoben und elitär wirkenden Partei abzustreifen. Philipp Müller hat uns die Volksnähe vorgelebt und wir sind seinem guten Beispiel gefolgt.»

Es sei mit viel Einsatz und Präsenz zudem gelungen, aufzuzeigen, dass sich in der FDP keineswegs alles nur um Franken und Rappen drehe, sondern dass sich viele Exponenten der Partei auch in Vereinen, Organisationen und Institutionen ehrenamtlich für die Allgemeinheit engagierten.

FDP-Kandidat Philipp Müller gewinnt zweiten Ständeratswahlgang: Ein strahlender Matthias Jauslin im Interview mit Tele M1.

Matthias Jauslin hatte nach Philipp Müllers Sieg am Sonntag doppelt Grund zum Strahlen.

Noch gibt es zwar eine kurze Beschwerdefrist zu Jauslins Nomination, man darf aber davon ausgehen, dass er bereits am nächsten Montag im Nationalrat vereidigt wird. Eine sehr kurze Vorbereitungszeit für den Inhaber und Geschäftsführer der Jost Wohlen AG mit Filiale in Muri: «Ja, es wird eine happige Woche», sagt Jauslin, doch er zweifelt nicht daran, sich entsprechend organisieren zu können: «In der Firma kann ich auf ein sehr gutes Team zählen, das mich im operativen Bereich massiv entlastet, ich kann mich auf die strategische Führung konzentrieren. Das ist soweit gut aufgegleist.»

Auch im Grossen Rat und in der Führung der Kantonalpartei gibt es noch einiges zu organisieren und abzusprechen. Aus dem Grossen Rat wird Jauslin zurücktreten. Sein Nachfolger wird der Wider Gabriel Lüthy.

Unterstützung von der Familie

Kantonalparteipräsident will er vorderhand bleiben. «Auch das muss selbstverständlich seriös durchdacht werden. Die Kombination Nationalrat und Kantonalparteipräsident ist jedoch eine gute Konstellation, die sich für die FDP im Aargau positiv auswirken könnte.» Bleibt das Privatleben. Auf die Unterstützung von Gattin Yvonne kann Jauslin zählen: «Wir haben uns selbstverständlich schon vor meiner Kandidatur abgesprochen.»

Gefreut hat sich Jauslin über seine drei erwachsenen Kinder, die am Sonntag mitgefiebert hätten, ob es Philipp Müller in den Ständerat und somit ihm für den Nationalrat reiche und jetzt «schon etwas stolz» auf ihren Papa seien. Selbstredend gilt das auch für den Papa selbst: «Ich bin kein Akademiker und es ist ein gutes Gefühl, erleben zu dürfen, dass man es nach wie vor auch als Praktiker mit höherer Berufsbildung in den Nationalrat schaffen kann. Offenbar erkennt das Stimmvolk das Potenzial von Leuten, die nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch viel berufliche Erfahrung einbringen können.»

«Er wird schnell wissen, wie der Töff läuft»: Philipp Müller an der FDP-Wahlfeier über seinen Nationalrats-Nachfolger Matthias Jauslin.

«Er wird schnell wissen, wie der Töff läuft»: Philipp Müller an der FDP-Wahlfeier über seinen Nationalrats-Nachfolger Matthias Jauslin.

Obwohl Jauslin nicht nur über berufliche, sondern aus Einwohnerrat und Grossem Rat auch über parlamentarische Erfahrung verfügt, hat er Respekt vor seinem neuen Amt: «Das geht nicht so locker vom Hocker. Immerhin werden im Nationalrat Entscheide gefällt, welche unser ganzes Land betreffen», sagt er.

Erholen von den Debatten im Nationalrat wird sich Jauslin so, wie er sich schon immer erholt: im Kreise seiner Familie, im Cockpit eines Segelfliegers über den Wolken oder beim Sport. Der Sport ist übrigens auch dafür verantwortlich, dass der Gebenstorfer zum Wohler wurde. Er war Mitglied der Nationalmannschaft im Militärischen Fünfkampf und ist ins Freiamt gezogen, damit die Wege zum Training in Bremgarten kürzer geworden sind.

Apropos Wohlen: Zur aktuellen politischen Situation in seinem Dorf will sich der ehemalige Gemeinderat nicht äussern. Ausser zum Bahnhof: «Ich werde mich in Bern dafür einsetzen, dass es dort eine vernünftige Lösung gibt. Es kann nicht sein, dass die SBB dort eine grosse Fläche freihalten wollen, nur damit einmal im Jahr Rüben verladen werden können.»

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