Islisberg ist aussergewöhnlich. Als unbeugsames gallisches Dorf wurde sie schon bezeichnet, die jüngste Aargauer Gemeinde, die sich 1981 für die Eigenständigkeit entschieden hat.

Auch Ursula Marfort ist aussergewöhnlich. Die Gemeindeschreiberin von Islisberg hat ihre Arbeit am 17. Juni 1985 aufgenommen, obwohl sie sich gar nicht für die Stelle beworben hatte.

«Ich sass eines Tages mit dem damaligen Schulpflegepräsidenten zusammen, wir haben politisiert, und er hat mich gefragt, ob das nicht ein Job für mich wäre», erzählt Marfort, die am Montag ihre letzte Gemeinderatssitzung bestritt und heute offiziell verabschiedet wird.

Mut und Pragmatismus

Was macht Islisberg aus? «Was mir immer aufgefallen ist: Die ‹alten› Islisberger haben Neuzuzüger immer mit Offenheit aufgenommen. Es gibt einen starken Zusammenhalt im Dorf», beschreibt Marfort.

Die Nationalfeier, die in Islisberg jeweils am 31. Juli stattfindet, wird vom Frauenverein und der Schützengesellschaft organisiert. «Vereinsmitglieder läuten immer bei den Neuzuzügern und fragen, ob sie helfen würden – so werden sie schnell eingebunden.»

Die Bevölkerung ist in den Jahren, in denen Marfort Gemeindeschreiberin war, stark gewachsen. Etwa 200 Islisbergerinnen und Islisberger waren es vor 30 Jahren, heute dreimal mehr.

«Natürlich gibt es auch Leute, die im Internet ‹Zürich plus 20 Kilometer› eingeben und so auf eine Wohnung in Islisberg stossen. Die suchen aber nur eine Wohnung und nicht einen Wohnort», sagt sie. Diese würden aber meist schon bald wieder wegziehen, wegen der wenigen Busverbindungen und Einkaufsmöglichkeiten.

Weitere Merkmale, die Marfort «ihren» Bürgerinnen und Bürgern attestiert: Mut und Pragmatismus. Das zeigte sich schon 1981, als sich die Frage stellte, ob man mit Arni verschmelzen oder ganz auseinandergehen wolle.

«Islisberg musste rudern»

«Islisberg musste mehr rudern, aber man hat nie den Kopf in den Sand gesteckt. Die Devise war immer: Wir schaffen das.» Trotzdem sei der Kontakt zu anderen Behörden, auch zu Arni, immer sehr gut gewesen.

Auch beim Gemeindehaus haben die Islisberger Pragmatismus gezeigt. «In Aarau war man der Meinung, wir könnten uns nicht mal die Türfalle leisten. Aber das Projekt ging an der Gemeindeversammlung trotzdem durch.»

Diese Zeit sei für sie speziell gewesen, erzählt Marfort. «Mein Mann ist der Architekt des Gemeindehauses, deshalb habe ich es auch ein bisschen als mein Haus betrachtet», sagt sie und lacht. Angefangen hat die zweite Gemeindeschreiberin in der Geschichte Islisbergs noch in einem Privathaus.

Besonders geschätzt hat Marfort immer den Kontakt zur Bevölkerung. Was in den Leitbildern vieler Gemeinden als «bürgernahe Verwaltung» beschrieben wird, werde in Islisberg tatsächlich gelebt.

«Ich habe das Gefühl, die Leute kamen immer gerne. Zum Beispiel werfen viele ihre Steuererklärung nicht in den Briefkasten, sondern bringen sie am Schalter vorbei», freut sie sich. Ihr Vorsatz sei immer gewesen, dass niemand ohne Antwort gehen muss – auch bei Problemen, für die sie eigentlich nicht zuständig war. «Zumindest wollte ich den Leuten sagen können, an wen sie sich wenden müssen.»

«Ich fühle mich als Islisbergerin»

In einer anderen Gemeinde zu arbeiten, darüber hat die freundliche Frau mit den roten Haaren nie einen Gedanken verloren. «Manchmal arbeitete ich schon am Anschlag, zum Beispiel, als es um das Schulhaus-Projekt ging. Damit hatten wir sehr viel zu tun, und die ‹normale› Arbeit kam ja noch dazu.»

Auch wenn Marfort ihr Amt als Gemeindeschreiberin an ihre bisherige Stellvertreterin Patricia Meyer übergibt, im Gemeindehaus wird sie immer noch anzutreffen sein. Sie bleibt verantwortlich für Finanzen und das Bauwesen, in einem Pensum von 40 Prozent.

Für die zusätzliche Freizeit hat Marfort schon Pläne: «Wandern in der Region, Lesen, etwas mehr Zeit fürs Haus und den Freundeskreis haben – langweilig wird es mir sicher nicht.» Grössere Reisepläne musste Manfort vorläufig zur Seite legen, weil ihr Mann an Demenz erkrankt ist und Betreuung braucht. Die beiden wohnen in Bonstetten, mit direktem Sichtkontakt zu Islisberg. Und auch wenn sie nicht hier wohnt, sagt Marfort: «Ja, ich fühle mich als Islisbergerin.»