Mutschellen

Innerhalb von fünf Monaten 13'800 Ritalintabletten abgegeben

Ingo Malm rechtfertigt sich gegenüber Kassensturz.

Ingo Malm rechtfertigt sich gegenüber Kassensturz.

«Gut aufgehoben bei uns» lautet das Motto von Ingo Malms Praxis. Tönt sehr gewöhnlich. Bei einem zweiten Blick entdeckt man allerdings Erstaunliches. Der Arzt ist mehrfach vorbestraft. Auch in der Schweiz ist er in Fachkreisen berühmt-berüchtigt.

An fast jedem Grossanlass trifft man Ingo Malm an. Mit seinem Team, einem Sanitätszelt und einem Rettungswagen. Er behandelt ausgelaugte Sportler und Festival-Teilnehmer. Wegen seiner Tätigkeiten geht jetzt allerdings der Krankenkassenverband Santésuisse gegen ihn vor. «Seine Kosten pro Patient sind zweimal so hoch wie die des durchschnittlichen Allgemeinpraktikers», sagt Silvia Schütz vom Krankenkassendachverband gegenüber Kassensturz.

Medikamentenumsatz im sechsstelligen Bereich

Und es geht weiter: «Dieser Arzt rechnet 10mal so viel Notfalltarife ab wie ein Grundversorger im Kanton Aargau. Jeder zweite seiner Patienten ist ein Notfall.» Ganze 20 Prozent macht Ingo Malm mit der Verrechnung solcher Notfalltarife. «Dieser Tarif darf aber nur verrechnet werden, wenn ein Arzt alles stehen und liegen lassen muss, um einem Patienten Erste Hilfe zu leisten», klagt Silvia Schütz. Der Allgemeinmediziner rechtfertigt sich damit, dass seine Praxis 365 Tage rund um die Uhr offen hätte. Zwangsläufig hätten sie mehr Notfälle.

Doch die Liste von Ungereimtheiten geht weiter. «Er macht einen Medikamentenumsatz im sechsstelligen Bereich, und das obwohl er nicht selber Medikamente abgeben darf», sagt Silvia Schütz. Darauf erwidert Ingo Malm, dass er häufig Infusionen und teure Chemotherapeutika dem Patienten direkt verabreiche.

13'800 Ritalintabletten

Wegen einem weiteren Vorfall steht Ingo Malm nun jetzt vor Gericht. Laut Anklage hat er einem Drogensüchtigen innerhalb von fünf Monaten 13'800 Ritalintabletten abgegeben und rechnete diese auch noch zu Lasten der Krankenkasse ab.

Was jetzt schon feststeht ist, dass Ingo Malm gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen hat. Dies weil er die Tabletten ohne die Bewilligung des Kantonsarztes abgab, was im Kanton Aargau verboten ist.

«Da ist nichts offen»

Weiter wird der Arzt zurzeit betrieben. Die Bremgartner Finanzverwaltung und das kantonale Steueramt pfändeten ihn genauso wie Medisuisse, die AHV-Ausgleichskasse der Ärzte. Dies weil es noch offene AHV-Beiträge seiner Mitarbeiter und unbezahlte Steuern gibt. Er werde alles innerhalb eines halben Jahres zurückbezahlt haben, meint Ingo Malm dazu.

Auch Lina Tocco steht auf der Betreibungsliste. Sie arbeitete während drei Jahren für Malm. Aus dieser Zeit schuldet ihr ihr Ex-Chef noch 9200 Franken. Obwohl sie vom Bundesgericht Recht erhalten hatte, sind inklusive der Schuldzinsen noch immer 3000 Franken offen. Erst 7500 hat der Arzt beglichen. Dazu sagt Ingo Malm: «Da ist nichts offen» und spricht von einem «Einzelfall».

Bereits vorbestraft

Bereits zwischen 1999 und 2004 wurde Malm vom Amtsgericht München dreimal strafrechtlich verurteilt. Wegen Vorenthalten und Veruntreuen von Löhnen, Steuerhinterziehung, Vorenthalten von Versicherungsbeiträgen und anderem mehr.

Der Präsident des Hausärztevereins Bremgarten ist fassungslos. «Wir verstehen nicht, dass jemand mit so einer Vorgeschichte zu einer Berufsausübungsbewilligung gekommen ist», sagt Weisshaar zu «Kassensturz». Der Kantonsarzt schreitet trotz all dieser Ereignisse nicht ein. Malm behält seine Berufsausübungs-Bewilligung. «Um sie zu entziehen, braucht es sehr schwerwiegende Verstösse gegen gesetzliche Grundlagen», sagt der Aargauer Kantonsarzt Martin Roth. «Ein Entzug muss den rechtsstaatlichen Bedingungen genügen. Wir sind der Auffassung, dass das im Fall von Herrn Malm nicht genügt.» (cht)

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