Wohlen
In der Kunstsammlung lagert «Der Kuss» von Klimt

Klingende Namen verzeichnet die Wohler Kunstsammlung. Neben mehr als 2000 Gemälden von einheimischen Künstlern liegt im Depot auch ein Druck des deutschen Malers August Klimt.

Jörg Baumann
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Luca Montanarini, Präsident der Montanarini-Isler-Stiftung (links), und Urs Müller, Mitglied der Kunstkommission Wohlen, vor einem Selbstbildnis von Luigi Montanarini aus dem Jahr 1931. (ba)

Luca Montanarini, Präsident der Montanarini-Isler-Stiftung (links), und Urs Müller, Mitglied der Kunstkommission Wohlen, vor einem Selbstbildnis von Luigi Montanarini aus dem Jahr 1931. (ba)

AZ

Für einen Sensationsfund reicht es allerdings knapp nicht. Unter den mehr als 2000 im Depot eingelagerten Gemälden taucht das Meisterwerk «Der Kuss» des deutschen Jugendstilmalers August Klimt auf. «Es ist leider kein Original, sondern nur ein Druck», meint der Wohler Architekt Urs Müller, seit 20 Jahren Mitglied der Wohler Kunstkommission.
Nur zu gerne hätten man Klimts Meisterwerk in die Wohler Kunstsammlung eingereiht. Aber das Original ist für Wohler Verhältnisse unerschwinglich. Es befindet sich in der österreichischen Galerie im Belvedere in Wien. Aber auch ohne Klimt darf sich die Sammlung in Wohlen, die der Wohler Sekundarlehrer und Maler Fritz Stäuble vor 40 Jahren als Präsident der lokalen Kunstkommission aufzubauen begann, durchaus sehen lassen.
Standort des Depots ist geheim
Die Bilder, auch solche von Stäuble, sind im Depot sicher verwahrt, an einem Ort, der geheim gehalten wird. «Wir wollen Kunstdiebe nicht unbedingt auf dumme Ideen bringen», meint Urs Müller lächelnd.
Für die Fernsehsendung «Kulturplatz» erlaubte die Kunstkommission einen Blick hinter die Kulissen. Die im Freiamt aufgewachsene TV-Redaktorin Eva Wannenmacher war von der Fülle der Kunstsammlung begeistert. Im Gemeindehaus und im Wohn- und Pflegezentrum Bifang hätte sie noch andere Kunstwerke aus Wohler Hand besichtigen können, gar nicht zu reden von den Privathaushaltungen, wo die Wohler Kunst durchaus präsent ist.
Gemeindehaus wurde Kunsthaus
Für eine Ausstellung von allen Bildern im Depot wäre auch eine sehr grosse Kunsthalle immer noch zu klein. Aber eine Auswahl der Bilder von Künstlern, die im Gemeindehaus hängen, konnte das staunende Publikum vor sieben Jahren trotzdem sehen. Die Künstlerin Lara Russi liess sich für einen Tag im Gemeindehaus einschliessen und stellte ihre Favoriten zu einer Werkschau zusammen, unter der selbstbewusst klingenden Bezeichnung «Kunsthaus».
Leider wurde damals kein Ausstellungskatalog erstellt. «Dafür fehlte schlicht das Geld. Der Katalog hätte rund 40 000 Franken gekostet.» Eine nächste Ausstellung in dieser Art hält Müller zwar für denkbar. Aber in Planung ist sie nicht. Dafür brauche es eine Heidenarbeit, betont Müller - einen besonderen Effort, «den wir vielleicht einmal aufbringen.»
Lehrer betätigten sich als Künstler
Wer sich in der Wohler Kunstsammlung umsieht, merkt rasch: Viele der Wohler Künstler waren Lehrer. So auch Gottfried F. Bretscher (1888-1986), von 1920 bis 1955 Zeichenlehrer an der Bezirksschule Wohlen. Bretscher ging früh ins Ausland, bevor er nach Wohlen kam. Vor über hundert Jahren lebte er als junger Künstler in Freiburg, Heidelberg und Worms und wirkte an grösseren Kirchenmalereien mit. Von 1909 bis 2014 studierte Bretscher an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Dresden.
Als Lehrer verdienten auch Werner Sommer (1928-2012) und Martin Ruf (1935-2011) ihr Brot. Sommer, ein Schüler von Ernst Gubler, machte sich mit seinem grossartigen Glasgemälde im Bünzmattschulhaus und vielen in Wohlen entstandenen Zeichnungen unsterblich. Ruf durfte sein bekanntes Werk, eine Brunnenplastik, auf dem Platz vor dem Wohler Gemeindehaus platzieren.
Der Wohler Otto Kuhn (1918-1980), ein Schüler von Bretscher, wanderte nach Baden aus, wo er an der Bezirksschule als Zeichenlehrer tätig war. Aus der Bretscher-Schule ging auch Kunstmalerin Heidy Isler (1909-1994) hervor. Sie studierte an der Kunstakademie Florenz und heiratete 1933 Mitschüler Luigi Montanarini (1906-1998). Das Gesamtwerk des Künstlerpaars mit 2000 Bildern wird in Wohlen aufbewahrt. Es gehört der Familienstiftung Montanarini-Isler.
Castiglioni, Graf und Strebel
Wer von den Wohler Künstlern spricht, kommt an Giani Castiglioni (1917-2005) nicht vorbei. Der Sohn eines aus Italien eingewanderten Baumeisters arbeitete bei der Meteorologischen Zentralanstalt Zürich und hinterliess ein gewaltiges Oeuvre. Sein Ruhm verdankt er einem einzigen Motiv: dem Clown, den er ungezählte Male auf der Leinwand und auf seinen Linolschnitten abbildete.
Nicht Lehrer, sondern Malermeister wurde der Wohler Eduard Graf (1908-1982). Graf liebte seine engere Heimat. Seine stimmungsvollen Bilder vom Hallwilersee gehören zum Besten, was der akademisch in Zürich, Genf, München, Barcelona und Florenz ausgebildete Künstler der Nachwelt hinterliess. Weniger bekannt ist, dass Graf als Offizier im Aktivdienst im Zweiten Weltkrieg einige Armeebriefmarken entwarf.
Wie Graf widmete sich auch der frühere Wohler Bauverwalter Heinrich Strebel seiner Malerleidenschaft in der Freizeit. Strebel liebte es, Rosen und Landschaften aus der Gegend, aber auch gekonnte Stilleben auf die Leinwand zu bannen. Im Depot der Wohler Kunstsammlung ist er deshalb ebenfalls vertreten.
Eine eigentliche Ur-Wohlerin ist Heidi Widmer. Sie im Oberdorf im Geschäftshaushalt eines Spezereiladens aufgewachsen und hat immer einen Fuss in ihrem Atelier in Wohlen, ist aber auch oft auf Reisen. Die Schülerin von Luigi Montanarini entwickelte ein soziales Engagement, das heraussticht. So wurde Widmer bekannt durch ihre Sammelaktion für die Tsunami-Opfer in Asien. Ihr immenses Werk konnte Heidi Widmer an mehreren Ausstellungen, auch schon in Wohlen, zeigen.
Wohler Künstler gingen auswärts
Andere, mit ein paar Werken in der Sammlung vorhandene Wohler Künstler machten ihren Weg auswärts: so Marianne Kuhn-Meyer, die älteste Tochter des Wohler-Anzeiger-Verlegers Kasimir Meyer, die ihr Atelier in Aarau aufschlug und mit ihrer Kunst so weitherum bekannt wurde. Joseph Strebel wuchs in der Halde in Wohlen auf. Sein Vater Emil Strebel war Korrektor beim Wohler Anzeiger und betrieb nebenbei ein Getränkedepot. Er war deshalb im Dorf allgemein als «Süssmost-Strebel» bekannt. Joseph Strebel verschlug es nach Möhlin, wo er als Zeichenlehrer an der Bezirksschule und für die lokale Kulturkommission tätig war.
Von Wohlen nach Deutschland wanderte einst Curt Wohler aus, um seiner Kunst zu frönen. Eines seiner Markenzeichen war sicher seine Passion, aber auch, dass er, kaum in Deutschland angekommen, nur noch Hochdeutsch sprechen wollte.
In der Kunstsammlung dokumentiert sind auch die Wappenscheiben aus der Hand von Johann Peter Isler, im 19. Jahrhundert Exerziermeister in Wohlen, und einige Werke von Bernhard Leo Isler, Oberst in Diensten von Napoleon in der Schlacht an der Beresina von 1812.
Dieser unvollständige Überblick zeigt: Auch wenn der Original-Klimt in der Wohler Kunstsammlung fehlt, vielfältig ist sie trotzdem.

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