Oberwil
Im Slum: Chai-Latte und frittierter Grillkäse anstatt Wasser und Brot

Oberwil-Lieli/Delhi: 20 Meter und eine Schnellstrasse trennen die Armen von den Reichen. Gioia Lenggenhager erzählt von ihren Erlebnissen aus den übelriechenden Slums von Dehli.

Gioia Lenggenhager
Merken
Drucken
Teilen
Berührende Einsicht in das Leben im Slum: Familie Kumar hat mich zum Tee eingeladen. Tochter Pooja (17, verlobt, von links), Mutter (36) und Monica (14, meine Schülerin). gil

Berührende Einsicht in das Leben im Slum: Familie Kumar hat mich zum Tee eingeladen. Tochter Pooja (17, verlobt, von links), Mutter (36) und Monica (14, meine Schülerin). gil

Eine Kanalisation gibt es nicht. Abwasser in allen Farben und Geruchsnoten schäumen aus Rohren, Löchern oder Rissen. Sie sammeln sich in knöcheltiefen Rinnen an den Strassenrändern oder überschwemmen die schmalen Wege zwischen den Backsteinbauten. Kuhmist, brennender Plastik, Opiumräucherstäbchen und Frittieröl beissen abwechslungsweise in der Nase. Rauch- und Nebelschwaden hängen in den Gassen – dazwischen stellenweise rostige Stromkabel, die als Wäscheleine benutzt werden. Auf dem Weg zur einzigen Dusche im Quartier watet man durch ein Abfallmeer.

Wohnen auf kleinem Raum

Willkommen im Vorstadtslum. Und ich fühle mich tatsächlich willkommen. Ich schlürfe geräuschvoll – entsprechend der Sitte – Chai-Latte aus der einzigen Porzellantasse der Gastgeberfamilie. Wir lachen zusammen, tunken frittierten Grillkäse in extrascharfen Tomatenketchup. Das Papier der weit gereisten Schweizer Milchschokolade wird an die Wand genagelt. Wir verstehen uns gut – auch wenn nicht immer auf Anhieb. Mein Hindi ist kaum besser als das Englisch der Eltern. Der ältesten Tochter, einer meiner Schülerinnen, scheint ihre Rolle als Übersetzerin zu gefallen. Das Ehepaar ist kurz nach seiner Hochzeit aus einem abgelegenen Dorf am Fuss des Himalaja nach Delhi gezogen. Mit nichts ausser den Kleidern und zwei Rucksäcken haben sie bei einem Onkel an die Türe geklopft. Das war kurz vor dem Geburtstag der Mutter. Sie wurde 17.

Miete kostet 38 Franken

Die doppelbettgrosse, fensterlose Kammer ist Schlaf- und Wohnzimmer für eine fünfköpfige Familie. Der Gasherd in der Ecke sieht aus wie selbst gebastelt. Die zusammengefaltete Matratze ist seit Tagen leicht feucht wegen des hartnäckigen Nebels. Die Miete bezahlt der Vater, Elektriker, mit einem Drittel seines monatlichen Einkommens. Sie kostet 38 Franken. Die dreifache Mutter ist im Dabeisein ihres Mannes beinahe stumm, beobachtet mich aber aufmerksam. Sie lächelt zurück, umarmt mich zum Abschied.

Menschen haben ein Bleiberecht

Die Menschen hier haben wenig, aber doch «alles, was wir brauchen». Die Bewohner dieses Slums wissen sich glücklich zu schätzen. Ihr grosser Vorteil gegenüber jenen in anderen Armutsvierteln: Sie haben das offizielle Bleiberecht der Stadtautorität und müssen sich nicht vor Bulldozern fürchten, die ihr Zuhause jederzeit in Grund und Boden stampfen könnten. So findet man in diesem Quartier keine Wellblechhütten, die in der Regenzeit wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen, sondern mehrstöckige Backsteinbauten, auf deren Dächern Kinder zwischen bunt behängten Wäscheleinen Verstecken spielen.

Zwanzig Meter und eine Schnellstrasse trennen den Slum von den Villen der Vorstadt, wie sie auch am Ufer des Zürichsees stehen könnten. Bewässerte Gärten und auf Hochglanz polierte Balkonbrüstungen aus weissem Marmor protzen hinter bewachten Sicherheitspforten.