Freiamt
Im Pflegeheim liegt ein Gläsli Roter meistens drin

Für alkoholkranke alte Menschen werden in regionalen Heimen individuelle Lösungen und gangbare Wege gesucht. Das Problem wurde vielerorts lange unterschätzt. Abstinenz ist aber in den seltensten Fällen realistisch.

Eddy Schambron
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Alkohol kommt auch in den Alters- und Pflegeheimen auf den Tisch (Symbolbild).

Alkohol kommt auch in den Alters- und Pflegeheimen auf den Tisch (Symbolbild).

Keystone

Alkohol ist in den Freiämter Alters- und Pflegeheimen erlaubt und allgegenwärtig – auch wenn übermässiger Konsum Probleme verursachen kann. «Ein Verbot bringt nichts», sagt etwa Thomas Wernli, Direktor der Pflegi Muri, aber auch: «Das Thema wurde lange unterschätzt.» Einig sind sich die befragten Freiämter Heimleiterinnen und -leiter, dass Alkoholabhängigkeit und andere Süchte der Bewohnerinnen und Bewohner zwar Herausforderungen für die Ärzte und Pflegenden darstellen, sie aber in der Regel nicht vor unüberwindbare Aufgaben stellen.

Eine Studie, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und das Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) gemeinsam realisiert haben, zeigt auf, dass 9 Prozent der Männer zwischen 65 und 69 Jahren als Alkoholiker gelten, bei den Frauen sind es 6,6 Prozent. In Kliniken und Heimen wird in der Studie eine Verdoppelung der alkoholabhängigen Patientinnen und Patienten über 65 Jahren innerhalb von zehn Jahren festgestellt.

Individuelle Lösungen

In der Pflegi Muri wird das Thema Alkohol «relativ liberal» gehandhabt. «Selbstbestimmung und Privatsphäre werden bei uns gross geschrieben», erklärt Wernli. «Wir mögen den Leuten ihr Gläsli Roten gönnen.» Das sei aber kein Freipass für ungehemmten Alkoholkonsum.

Konflikte mit Bewohnern und Pflegepersonal

Eine Befragung in Alters- und Pflegeheimen in der deutschen und französischsprachigen Schweiz durch Richard Müller, Ex-Direktor der Schweizer Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme, zeigte, dass Alkoholprobleme in Einrichtungen der Altenhilfe in der Wahrnehmung der Befragten zumeist kein dringendes, weil kaum häufiges Phänomen darstellen. Die Haltung gegenüber dem Alkoholkonsum in Einrichtungen der Altenhilfe ist uneinheitlich. Zwar wird Bewohnern meist Autonomie hinsichtlich des Alkoholkonsums zugestanden, doch zugleich wird die Autonomie häufig auf spe-zifische Situationen (zum Essen, bei Festlichkeiten) eingeschränkt. Es besteht eine relativ hohe Toleranz gegenüber dem Konsum, so lange die Folgen des Alkoholgebrauchs nicht störend wirken. Alkoholprobleme äussern sich gemäss den Befragten in erster Linie auf der Ebene von Konflikten mit Mitbewohnern und Mitbewohnerinnen sowie mit dem Pflegepersonal; in zweiter Linie manifestieren sie sich auf der Ebene der Hygiene. Von manchen Befragten wird auch der pflegerische Mehraufwand bei Bewohnern und Bewohnerinnen mit Alkoholproble- men erwähnt. (ES)

«Es gilt, gewisse Rahmenbedingungen einzuhalten.» Das Pflegepersonal schreitet ein, wenn der Alkoholkonsum aus medizinischer Sicht nicht mehr zu verantworten ist oder das Zusammenleben mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern gestört wird. «Wir suchen immer individuelle Lösungen und versuchen, zusammen mit dem Bewohner den Alkoholkonsum zu steuern.»

Das unterstreicht auch Robert Werder, Verwalter des Alterszentrums Bifang in Wohlen: «Abstinenz anzustreben, ist bei uns selten realistisch. Es bringt auch nichts, zu moralisieren. Aber es funktioniert, mit den Menschen Abmachungen zu treffen, wobei immer die Würde und Individualität des Einzelnen bewahrt werden muss», erklärt Werder.

Zunehmende Probleme

Mit Abmachungen zum «kontrollierten Trinken» behilft sich auch der Reusspark, Zentrum für Pflege und Betreuung, Niederwil. «Dabei sind wir nicht päpstlicher als der Papst. Wenn jemand bei der Feier eines runden Geburtstages einmal etwas mehr trinkt, lassen wir es gut sein», erklärt Monica Heinzer, Leiterin Pflege und Betreuung im Reusspark

Thomas Wernli von der Pflegi Muri sagt es direkter: «Gelegentliche Abstürze nehmen wir in Kauf.» Sowohl für ihn als auch für Heinzer ist klar, dass die Suchtproblematik in Heimen zunehmend ist. «Häufig ist Alkoholmissbrauch mit psychischen Erkrankungen gekoppelt», führt Heinzer aus. Der damit verbundene Konsum von Medikamenten – Psychopharmaka oder Schlafmitteln – macht die Gratwanderung nicht einfacher.

«Die Abmachungen, die wir bei Problemen interdisziplinär im Gespräch, also mit Bewohner, Arzt, Pflegenden und manchmal sogar mit Angehörigen treffen, helfen dabei», unterstreicht Heinzer. Sie sind verbindlich, werden schriftlich festgehalten und regelmässig evaluiert und angepasst. Neu kommen allmählich andere Drogen als Alkohol oder Medikamente in die Heime: «Wir waren erstmals damit konfrontiert, dass ein Bewohner kiffte», erzählt Wernli.

Heimeintritt gewährleistet

Beatrice Hohl, die stellvertretende Heimleiterin im Zentrum Aettenbühl in Sins, ist in der glücklichen Lage, dass Alkohol und andere Süchte im Moment in ihrem Heim keine grösseren Probleme bereiten. Ob die Oberfreiämter «seriöser» sind als die anderen? «Vielleicht ist es eher Glück», sagt sie und unterstreicht, dass das Heim etwa die gleichen Grundsätze pflegt wie die andern: Alkoholkonsum ja, aber nur, wenn Mitbewohnerinnen und -bewohner nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Kein Thema ist es, einem Suchtkranken den Heimeintritt zu verwehren. «Der Heimeintritt kann sich sogar positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken», ist Werder überzeugt. «Es gibt im Heim so etwas wie eine soziale Kontrolle, man ist in einem gesellschaftlichen Umfeld. Wer im Alter vereinsamt in den eigenen vier Wänden lebt, ist suchtgefährdeter als in einer Gemeinschaft.» Das sieht Wernli ebenso: «Zu Hause gibt es keine Kontrolle, bei uns zumindest aufmerksame Menschen.»

Pflegepersonal ist geschult

Das Pflegepersonal ist für das Thema sensibilisiert und ausgebildet. «Wenn wir schon beim Heimeintritt von einer Suchterkrankung wissen, können wir uns darauf einstellen und individuelle Lösungen finden», erklärt Werder und lobt seine Leute: «Sie gehen sehr sorgfältig mit dem Problem um im Wissen, das Alkoholismus eine Krankheit ist.» Wer Unterstützung sucht, findet sie. Heinzer betont: «Wenn jemand einen Alkoholentzug macht und Antabus (Medikament zur Verhinderung von Alkoholkonsum, die Redaktion) nimmt, helfen wir ihm, seine Abstinenz zu pflegen.» Aber sie räumt ein: «Dieser Fall ist eher die Ausnahme.»