Obwerwil Lieli
IG Solidarität: Zahme Flüchtlingsdebatte in der Asyl-Bastion

Die Interessensgemeinschaft Solidarität Oberwil-Lieli kurbelt den Abstimmungswahlkampf mit einem Podium an. Sie plädieren alle für eine bessere Integration der Asylsuchenden.

Tim Honegger (Text und Fotos)
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IG Solidarität Oberwil-Lieli
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Marco Beng, Spitaldirektor Kreisspital Muri: «Als die Asylsuchenden eintrafen, schlug die Angst in der Bevölkerung schnell in Solidarität um.»
Charles Lewinsky, Schriftsteller: «Ich möchte nicht, dass wir zu einem Land werden, das sich dadurch definiert, was es nicht will.»
Cornel Stöckli, Arzt: «Flüchtlinge werden lange hier bleiben – es lohnt sich, in sie zu investieren, statt sie nur zu dulden.»
Dominique Lang, Lehrerin: «Ich wollte beweisen, dass es in Oberwil-Lieli auch Andersgesinnte gibt.»
Florenz Schaffner, ehemaliger Tourismusdirektor Arosa: «Viele Flüchtende haben zu hohe Erwartungen an Europa.»

IG Solidarität Oberwil-Lieli

Tim Honegger

Aktuell macht kaum eine Gemeinde mehr Schlagzeilen in Asylfragen als das beschauliche Oberwil-Lieli. Denn hier scheiden sich die Geister, ob man lieber 290 000 Franken pro Jahr zahlen oder neun Flüchtlinge aufnehmen will. Am 1. Mai wird über das Gemeindebudget – und indirekt über diese Frage – abgestimmt. Und ausgerechnet hier fand dieses Wochenende eine Podiumsdiskussion zum Thema «Flüchtlinge – helfen oder wegschauen?» statt. Dabei liessen die Teilnehmer an der restriktiven Asylpolitik der Gemeinde kein gutes Haar.

Schilderungen aus erster Hand

Die fünf Podiumsteilnehmer sind bunt zusammengemischt und setzen sich alle auf eine andere Weise für Asylsuchende ein: vom Schriftsteller Charles Lewinsky, der Lehrerin Dominique Lang, dem Spitaldirektor Marco Beng und dem ehemaligen Tourismusdirektor Florenz Schaffner bis hin zum Arzt Cornel Stöckli. So vielfältig wie ihre Hintergründe sind ihre Motive: «Ich war wütend über die einseitige Darstellung von Oberwil-Lieli in den Medien», sagt beispielsweise Lang. Sie wollte beweisen, dass es im Dorf auch Andersgesinnte gibt. Beng hingegen sieht die Schweiz aufgrund ihrer langen Tradition im humanitären Bereich in der Pflicht. «Vielleicht werden wir dereinst auch einmal fliehen müssen und wären froh, ebenfalls aufgenommen zu werden.»

Was die Flucht tatsächlich bedeutet, konnte Schaffner aus erster Hand berichten. Er unterstützte Hilfsorganisationen direkt vor Ort und war bestürzt, wie sich die anfängliche Hoffnung der Flüchtenden in Griechenland an der mazedonischen Grenze jäh in Enttäuschung und Aggressivität wandelte.

Kriminalität als Fremdwort

Eine Aggressivität und eine Fremdheit, vor der scheinbar auch die Schweizer Bevölkerung Angst hat – so erklären sich zumindest die Podiumsteilnehmer die weitverbreitete abweisende Haltung in der Schweiz – und in Oberwil-Lieli im Besonderen. Marco Beng erlebte die Angst der Bevölkerung, als ihm als Spitaldirektor des Kreisspitals Muri 150 Asylsuchende zur Unterbringung in der geschützten Operationsstelle (Gops) zugewiesen wurden. «Doch als die Asylsuchenden eingetroffen sind, schlug die Angst sehr schnell in Solidarität um.
Sportvereine luden sie zu sich ein und Freiwillige boten Kochkurse und Malunterricht an.» Ein Sicherheitsdienst für die Mitarbeitenden wurde so innerhalb von zwei Wochen komplett überflüssig. Und mehr noch, Flüchtende könnten sogar eine Bereicherung für ein Dorf sein, wie der ehemalige Tourismusdirektor Florenz Schaffner berichtet: «Ein Asylsuchender in Arosa bildete sich weiter und war schliesslich der letzte Schreiner, der noch den originalen Aroser Schlitten anzufertigen wusste.»

Integration als Schlüsselweg

Schliesslich wollte Moderator Thomas Gull von den Teilnehmern wissen, wie die aktuelle Krise denn zu lösen sei. Mit der derzeitigen «Abschottungslogik» auf jeden Fall nicht, so Lewinsky. «Wer seine Türen zumauert, hat zwar keine Gäste mehr, dafür aber Einbrecher», so seine Devise. Da die Flüchtlingsströme ohnehin nicht aufzuhalten seien, müssten andere Lösungen gesucht werden. So plädierten alle für eine bessere Integration der Asylsuchenden. «Angesichts der Situation im Nahen Osten werden die Flüchtlinge noch eine lange Zeit hier bleiben – es lohnt sich also, in sie zu investieren, statt sie nur zu dulden», so Cornel Stöckli.

In der Gemeinde selbst könnte die Interessensgemeinschaft IG Solidarität Oberwil-Lieli ihren Beitrag dazu leisten, findet Dominique Lang; etwa mit der Vermittlung von anständigen Wohnmöglichkeiten oder Deutschkursen, die etwa Rentner anbieten könnten.

Abschliessend kam die Frage zur konkreten Situation in Oberwil-Lieli zur Sprache. «Wir reden hier von neun Flüchtlingen auf über 2000 Einwohner – eine solche Diskussion überhaupt führen zu müssen, tut weh», sagt Schaffner. Beng geht es hingegen um die Solidarität gegenüber anderen Aargauer Gemeinden: «Die Gemeinde Muri, die etwa dreimal so viele Einwohner hat wie Oberwil-Lieli, beherbergte zeitweise über 200 Asylsuchende. Und das ohne Probleme.»

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