Spital Muri
«Ich hoffe, wir werden bald entlastet»: Pflegefachfrau berichtet vom Spitalalltag unter Corona

Pflegefachfrau Sibylle Gauch arbeitet in der Covid-Station des Spitals Muri. Der AZ berichtet sie, wie sich das Virus dort auf das Spitalleben auswirkt.

Ilir Pinto
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Pflegefachfrau Sibylle Gauch ist derzeit in der Covid-Station des Spitals Muri im Einsatz.

Pflegefachfrau Sibylle Gauch ist derzeit in der Covid-Station des Spitals Muri im Einsatz.

Ilir Pinto

Freundlich begrüsst die Pflegefachfrau Sibylle Gauch den AZ-Praktikanten am Empfang des Spitals Muri und führt ihn in die Cafeteria. Sie hat nur knapp eine Stunde Zeit fürs Gespräch. Denn sie ist in der Covid-Station des Spitals im Einsatz. Die 30-jährige gebürtige Luzernerin arbeitet seit 2013 im Spital Muri. Corona hat ihren Arbeitsalltag drastisch verändert.

Wie sieht Ihr Alltag auf der Covid-Station aus?

Sibylle Gauch: Zu Beginn der Frühschicht besprechen wir, was in der Nacht zuvor geschah. Dann geht es in die Isolationszone, wo wir die Schutzbekleidung, bestehend aus Schutz­anzug, Maske, Handschuhe und Brille, anziehen. Durch eine Schleuse gelangen wir in die sogenannte rote Zone, wo die Patienten liegen. Wir begrüssen diese, überwachen ihre Werte und betreuen sie medizinisch. Dabei verlassen wir die Zone nur für Pausen.

Müssen Sie dann wieder durch die Schleuse?

Ja, wobei das sehr ermüdend ist. Am Abend fühlt man sich ausgelaugt und die Beine tun weh.

Ist die Covid-Station gleichzeitig die Intensivstation?

Nein, in meiner Covid-Station sind die Patienten, die einen mittelschweren Krankheitsverlauf haben. Aber auch hier sterben Patienten. Eine Intensivstation gibt es im Spital Muri auch.

Wie ist die Situation der Patienten auf Ihrer Station?

Sie sind 70 Jahre und älter, isoliert und es geht ihnen nicht gut. Darum sind sie dankbar, dass sie uns zum Sprechen haben.

Thema Dankbarkeit: Wie fanden Sie den Applaus fürs Pflegepersonal im März?

Auch das war eine schöne Anerkennung. Jedoch gab es danach nicht mehr viel. Ich wäre froh, wenn sich die Leute bewusster machen würden, wie wichtig unsere Arbeit ist. Auch seitens Politik. Es ist nun mal so, dass es schweizweit nicht viele Pflegefachpersonen gibt. Da müsste etwas gemacht werden.

Zum Beispiel?

Unser Beruf ist schön. Aber er ist nicht leicht. So kann er für junge Menschen, die vor der Berufswahl stehen, unattraktiv wirken. Zudem ist die Wahrnehmung darüber, was den Beruf attraktiver machen würde, subjektiv: Für die einen braucht es mehr Erholungszeit, für die anderen mehr Lohn. Auf jeden Fall muss dem Mangel an Pflegepersonal entgegengewirkt werden.

Bezüglich Personal: Wie handelt das Spital Muri, wenn sich Mitarbeiter der Covid-Station infizieren?

Wir hatten tatsächlich bereits Fälle auf der Station. Die Mitarbeiter fielen für die Dauer der Isolationszeit aus. Bisher konnte Ersatzpersonal intern organisiert werden, zum Glück.

Wie wirkt sich das dauernde Ansteckungsrisiko auf Ihr Privatleben aus?

Ich verhalte mich, wie jeder es tun sollte: Ich wende Hygiene- und Abstandsregeln an und beschränke meine Kontakte. Alle meine Freunde wissen, dass ich täglich mit Covid-Patienten zu tun habe. Sie entscheiden selbst, ob sie sich mit mir treffen und das Risiko eingehen möchten.

Was macht die Krankheit denn so riskant?

Das Coronavirus ist bemerkenswert, da sich sein Krankheits­verlauf rapide oder unerwartet verändern kann. Bei einigen Patienten in unserer Station haben wir eine Verbesserung festgestellt, doch kurz darauf verstarben sie. Das Virus ist nicht zu unterschätzen.

Trotzdem vergleichen es einige mit der Grippe.

Ich sehe, wie es den Patienten geht. Eins ist klar: Es ist weitaus schlimmer als eine Grippe. In meinen bald acht Jahren hier habe ich noch nie erlebt, dass es so vielen Patienten gleichzeitig so schlecht ging. Leider beeinflussen Falschinformationen das Denken von Coronaskeptikern.

Welche Falschinformationen meinen Sie?

Dass, zum Beispiel, das Spital Geld vom Staat bekommen würde, wenn es Verstorbene als Covid-Tote deklariert. Das sind absurde Verschwörungstheorien. Ich habe kaum noch Lust, mich damit zu befassen.

Wieso denken Sie, dass es zu Verschwörungstheorien kommt?

Beim neuen Coronavirus ist vieles ungewiss. Das macht die Menschen skeptisch.

Was wünschen Sie sich?

Es wäre schön, wenn die Hygiene­regeln besser erklärt würden. Oft steht Desinfektions­mittel bereit, aber keine Anleitung für das richtige Desinfizieren der Hände. Dies könnte man im Internet, zum Beispiel auf der Website des BAG, nachschauen. Ich hoffe, dass mehr Menschen die Regeln besser anwenden und wir dadurch entlastet werden. Und dass die Pandemie bald vorbei ist. Ich kann nur sagen: «Durehebe.»