Es kam schleichend. Irgendwann wurde ich schneller müde. Ich kam abends nach Hause, legte mich aufs Sofa und versank nach wenigen Minuten im Tiefschlaf. Meine Frau musste mich zum Nachtessen oft richtig wachrütteln. Sitzungen am späteren Nachmittag wurden für mich zur Qual, lange monotone Gerichtsverhandlungen ebenso. Ich konnte mich noch so konzentrieren, noch so anstrengen – irgendwann kam der Moment, wo ich einfach für ein paar Minuten abtauchte. Einen Film schauen nach dem Nachtessen lag kaum mehr drin. Ich bekam auch beim spannendsten Krimi das letzte Drittel meistens nicht mehr mit.

Bei der Arbeit selten müde

Während der normalen Arbeit oder bei Aktivitäten in der Freizeit merkte ich nichts. Nach wie vor hielt ich problemlos auch 12-Stunden-Tage durch. Ich konnte zwei oder auch drei Wochen am Stück ohne freies Wochenende arbeiten und fühlte mich gut. Unter Druck habe ich immer funktioniert und selten Müdigkeit gespürt. Der Hammer kam erst, wenn Druck und Hektik nachliessen.

Auch das Autofahren ging gut. Ich hatte nie das Gefühl, nicht fahrfähig zu sein. Es gab zwar vermehrt Situationen, in denen ich spürte, dass ich müde wurde. Ich war jedoch seit je gewohnt, am Lenkrad auf meinen Körper zu achten und nicht den Helden zu spielen. So hielt ich jetzt halt etwas öfter an als früher, stieg aus und erfrischte mich an einem Rastplatz mit Wasser, oder ich hielt ein kurzes Nickerchen.

Sorgen machte ich mir keine. Meinen körperlichen Zustand führte ich auf mein fortgeschrittenes Alter sowie den zunehmenden Druck und die Anspannung im Job zurück. Ich versuchte, mich in der Freizeit möglichst gut zu erholen, ging früher ins Bett und schlief an freien Tagen länger. Ich habe damals nebenbei noch Tanzmusik gemacht und war deshalb gelegentlich 20 Stunden und mehr auf den Beinen. Auch bei längeren Heimfahrten in der Nacht oder am frühen Morgen habe ich selten Müdigkeit verspürt. Im Gegenteil: Meist war ich aufgekratzt und fühlte mich hellwach. Es waren solche Situationen, die mir die Gewissheit gaben, zwar gelegentlich etwas schneller müde, insgesamt aber gesund und leistungsfähig zu sein.

Meine Frau sah das allerdings ziemlich anders: «Du schläfst vor dem Fernseher ein oder Dir fällt beim Lesen plötzlich die Zeitung aus der Hand, weil Du einnickst. Da kann doch etwas mir Dir nicht stimmen», sagte sie. Und sie fragte sich auch, warum ich, der früher auf unseren langen Reisen mit dem Wohnwagen problemlos vier fünf Stunden ohne Pause hatte durchfahren können, und das ohne das kleinste Anzeichen von Müdigkeit, jetzt manchmal schon nach zwei Stunden anhalten musste, weil ich mich nicht mehr fit genug zum Fahren fühlte.

Ihre Bedenken schlug ich in den Wind. Zumal sie mich als aufmerksame Beifahrerin stets beobachtete und nie der Meinung war, wir seien unsicher unterwegs. Sie wusste, dass ich immer anhielt, wenn sich die ersten Zeichen von Müdigkeit bemerkbar machten. Es war halt einfach nicht mehr ganz so wie früher. Damit fand ich mich ab und damit konnte ich leben.

Die Diagnose im Schlaflabor

In den Voruntersuchungen zu einem grösseren operativen Eingriff wurde ich komplett durchgecheckt. Dabei sprach ich auch erstmals mit einem Arzt über meine gelegentliche Müdigkeit. Er verwies mich an einen Spezialisten und der stellte nach einer Nacht im Schlaflabor schliesslich die Diagnose: «Schwere Schlafapnoe». Ich hätte in der Nacht immer wieder Atem-Aussetzer und könne deshalb gar nie in einen richtigen Tiefschlaf fallen. Deshalb sei ich auch nie mehr richtig ausgeruht. Seither schlafe ich mit Maske. Über sie wird von einem sogenannten CPAP-Gerät Luft in meine Atemwege geblasen und damit ein Überdruck erzeugt, der die Atemaussetzer verhindert.

Mein Zustand hat sich bereits nach wenigen Wochen massiv gebessert. Mittlerweile ist die frühere Müdigkeit völlig verschwunden und meine einstige Lebensqualität zurückgekehrt.

«Ein hartes Strafmass»: Das sagt der Anwalt von Philipp Müller, André Kuhn.

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(31.10.2016)