Wohlen
«Ich habe seit mehr als zwanzig Jahren keine Ferien gemacht»

Beim Bahnhof richtete Rudolf Lüthi sein Verteilzentrum für Printmedien und Prospekte ein. Er selbst war schon in seiner Jugend Verteiler der «Freiämter Nachricht» – neben seinem Beruf als Gärtner.

Jörg Baumann
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Der Transportunternehmer Rudolf Lüthi mit Barbara Schraner, eine der Chauffeure.

Der Transportunternehmer Rudolf Lüthi mit Barbara Schraner, eine der Chauffeure.

Jörg Baumann

Viele SBB-Güterschuppen sind schon verschwunden, letzthin auch jener in Muri. Anders in Wohlen: Dort steht der Güterschuppen noch immer, weil ihn die SBB als Zeitzeugen aus dem 19. Jahrhundert unter regionalen Schutz stellten.

«Zum Glück», findet der Transportunternehmer Rudolf Lüthi (61) aus Anglikon. Denn im Schuppen richtete Lüthi vor fünf Jahren sein Verteilzentrum für Printmedien und Prospekte ein.

Keiner hätte an seiner Wiege gesungen, dass Lüthi einmal Transportunternehmer werden sollte. «Ich bin im Oberaargau in Lotzwil aufgewachsen, arbeitete früher als Gärtner und suchte einen Nebenjob für die Nacht», berichtet er.

Das Badener Tagblatt bot ihm 1983 die Chance, die auch im Freiamt verbreitete Zeitung auszutragen. «Am Tag in der Gärtnerei und nachts Zeitungskurier – das forderte alles von mir ab», erinnert sich Lüthi.

«So wurde ich, weil ich mit der Zeit haushälterisch umgehen musste, unweigerlich zum Kurzschläfer. Ich schlafe normalerweise auch heute nur ein paar Stunden. Das muss genügen.»

Neue Produkte aus dem BT-Verlag kamen mit der Zeit dazu. Wer erinnert sich noch an die BT-Regionalausgaben des Bremgarter Tagblatts und der Freiämter Nachrichten? Wanner punktete im Freiamt auch mit seinen Gratiszeitungen, die Lüthi ebenfalls in die Haushaltungen bringen liess.

«Früher verteilte ich weitherum auch die Gelben Seiten des Telefonbuchs», berichtet Lüthi. «Den Auftrag habe ich aber verloren.» Vor vielen Jahren sei man mit dem Auto «noch vorwärts» gekommen, erinnert er sich. Denn es gab – Tempi passati – einst noch keine Tempolimiten auf den Strassen.

Seit 1986 selbstständig

Ein Camionneur von altem Schrot und Korn In Wohlen erinnert man sich noch gerne an Josef Rüttimann (1909– 1982). Er führte bis tief in die Autozeit als Camionneur die ihm anvertrauten Waren mit einem Pferdefuhrwerk durchs Dorf zu den Kunden. Rüttimann, stets aufrecht auf dem Bock, mit einem Stumpen im Mund, nie in Eile, übernahm die Güter am SBB-Güterschuppen, wo sie dienstfertige Angestellte bereitstellten: Offenkäse für Alwin Kobel an der Bahnhofstrasse (heute bei den geltenden Hygienevorschriften undenkbar), Stockfische für das Restaurant Sternen, die Maria und Walter Schneider jeweils am Fasnachtsdienstag den Gästen servierten, und viele andere Waren. Die Strohgeflechtfirma Georges Meyer & Co. AG holte, was sie für die Produktion brauchte, bereits in frühen Jahren mit dem Lastwagen vom Güterschuppen ab, während die Firma Jacob Isler & Co. AG noch immer auf das herkömmliche Pferdefuhrwerk vertraute. Im Güterschuppen befanden sich auch das Salzpflichtlager und das Depot der Korbflaschen, in dem das Wasserstoffsuperoxid für die Bleichereien aufbewahrt wurde. Es wurde damals praktisch alles mit der Bahn transportiert, unter anderem auch Wein in riesigen Kisten. Im Dreimann-Büro fertigten die SBB-Angestellten die Frachtbriefe aus. Der Lokführer des «Bruggers» übernachtete oft im für ihn im Güterschuppen eingerichteten Schlafzimmer und fuhr um 5.20 Uhr wieder von Wohlen weg.Der Lokführer und das Personal vom Güterschuppen schätzten die Nähe zum Bahnhofbuffet, das auch sonst für viele Gäste ein beliebter Treffpunkt war. Vor ein paar Jahren musste es einem Laden weichen. Josef Rüttimann, den man im Dorf nur «de Rüttimann» nannte, musste schliesslich auf den Betrieb mit einem Lastwagen umstellen, nachdem sein letztes Pferd krank geworden war. Das tat «de Rüttimann» nur ungern, denn er hing an seinen Pferden. Er übergab die Camionnage seinem Sohn Josi, der 1981 plötzlich an einem Herzschlag starb. Dieser Schicksalsschlag setzte Rüttimann stark zu. 1982 starb auch er – und mit ihm bald darauf der Betrieb im Güterschuppen. Die SBB stellten diesen vor mehr als zwanzig Jahren ein. (BA)

Ein Camionneur von altem Schrot und Korn In Wohlen erinnert man sich noch gerne an Josef Rüttimann (1909– 1982). Er führte bis tief in die Autozeit als Camionneur die ihm anvertrauten Waren mit einem Pferdefuhrwerk durchs Dorf zu den Kunden. Rüttimann, stets aufrecht auf dem Bock, mit einem Stumpen im Mund, nie in Eile, übernahm die Güter am SBB-Güterschuppen, wo sie dienstfertige Angestellte bereitstellten: Offenkäse für Alwin Kobel an der Bahnhofstrasse (heute bei den geltenden Hygienevorschriften undenkbar), Stockfische für das Restaurant Sternen, die Maria und Walter Schneider jeweils am Fasnachtsdienstag den Gästen servierten, und viele andere Waren. Die Strohgeflechtfirma Georges Meyer & Co. AG holte, was sie für die Produktion brauchte, bereits in frühen Jahren mit dem Lastwagen vom Güterschuppen ab, während die Firma Jacob Isler & Co. AG noch immer auf das herkömmliche Pferdefuhrwerk vertraute. Im Güterschuppen befanden sich auch das Salzpflichtlager und das Depot der Korbflaschen, in dem das Wasserstoffsuperoxid für die Bleichereien aufbewahrt wurde. Es wurde damals praktisch alles mit der Bahn transportiert, unter anderem auch Wein in riesigen Kisten. Im Dreimann-Büro fertigten die SBB-Angestellten die Frachtbriefe aus. Der Lokführer des «Bruggers» übernachtete oft im für ihn im Güterschuppen eingerichteten Schlafzimmer und fuhr um 5.20 Uhr wieder von Wohlen weg.Der Lokführer und das Personal vom Güterschuppen schätzten die Nähe zum Bahnhofbuffet, das auch sonst für viele Gäste ein beliebter Treffpunkt war. Vor ein paar Jahren musste es einem Laden weichen. Josef Rüttimann, den man im Dorf nur «de Rüttimann» nannte, musste schliesslich auf den Betrieb mit einem Lastwagen umstellen, nachdem sein letztes Pferd krank geworden war. Das tat «de Rüttimann» nur ungern, denn er hing an seinen Pferden. Er übergab die Camionnage seinem Sohn Josi, der 1981 plötzlich an einem Herzschlag starb. Dieser Schicksalsschlag setzte Rüttimann stark zu. 1982 starb auch er – und mit ihm bald darauf der Betrieb im Güterschuppen. Die SBB stellten diesen vor mehr als zwanzig Jahren ein. (BA)

Zur Verfügung gestellt

Nun konnte er einen Mitarbeiter anstellen. Heute zählt Lüthi 13 Chauffeusen und Chauffeure zu seinem Mitarbeiterstab. «Sie sind aber alle selbstständig tätig und nicht bei mir angestellt», betont er.

Ein Glücksfall sei es gewesen, dass er vor fünf Jahren den grössten Teil des SBB-Güterschuppens mieten und darin die Drehscheibe seines Unternehmens einrichten konnte. «Vorher war ich an verschiedenen Orten eingemietet. Der zentrale Standort am Bahnhof in Wohlen ist natürlich ideal», sagt Lüthi.

Von Wohlen aus liefern die Chauffeure nachts verschiedene Zeitungen, unter ihnen auch die Aargauer Zeitung, und Illustrierte an die Depots in den Gemeinden aus. Dort holen sie die Verträger ab und stecken sie in die Briefkästen.

Am Tag verteilen sie Prospekte, Kataloge und Direct-Mails aller Art in 92 600 Haushaltungen. «Damit alle ihre Sendungen pünktlich erhalten, braucht es einigen organisatorischen Aufwand», sagt Lüthi. «Die Chauffeure und Verträger müssen jede Gemeinde und jede Strasse auswendig kennen. Denn es pressiert immer.

Ärger mit lästigen Zaungästen

Lüthi beklagt sich nicht, obwohl er in der Firma stark eingespannt ist und fast ausschliesslich für sie lebt. «Ich habe seit mehr als zwanzig Jahren keine Ferien gemacht.» Vielleicht später.

Mehr Sorgen macht sich Lüthi über das tägliche Drama, das sich rund um den Güterschuppen abspielt, über Jugendliche, die auf dem Gebäude herumlungern und sich manchmal nicht genieren, ihre Notdurft beim Schuppen zu verrichten.

«Das ärgert mich», sagt der Unternehmer. «Aber was soll man machen?» Hingegen: Mit den SBB als Vermieterin des Güterschuppens ist Lüthi zufrieden. «Der Mietzins ist angemessen.»