Training

«Hüüsch, hüüsch, hüüsch!» Ungewöhnliches Gestöhne in einem Schopf in Waltenschwil

«Hüüsch, hüüsch, hüüsch!» Viel Gestöhne und Schweiss Waltenschwil

Im Seilziehschopf machen die Männer und Frauen des SZC Waka «Bock-Training»: Das Seil ist über eine Winde an einem gut 600 Kilogramm schweren Stein befestigt, den es mit vereinten Kräften in die Höhe zu hieven gilt. Ein unglaublicher Kraftakt.

Gut möglich, dass sich die Waltenschwiler bereits an das Gestöhne gewöhnt haben. Der dortige Seilziehclub trainiert derzeit für sein Heimturnier und mit dem «Hüüsch, hüüsch» geben die Sportler den Takt an.

«Seil auf! Spannen! Bereit! Pull! Hüüsch und Hüüsch und Hüüsch», so tönt es aus dem Seilziehschopf, dem Trainingsgebäude des Seilziehclubs Waltenschwil–Kallern, kurz SZC Waka.

Das langgezogene «Hüüsch» gibt den Sportlern den Takt vor, in dem sie gleichmässig ziehen müssen, damit sie mit ihrer geballten Kraft optimal auf das Seil einwirken können. Beim Befehl «Pull!» kippen die Seilzieher, wie ein Klappmesser, von einer aufrechten Position in eine beinahe liegende.

Ihre schweren, klobigen Schuhe rammen sie dabei mit voller Wucht in den Boden. Die Spezialschuhe, die an Eishockeyschuhe erinnern, haben einen Absatz aus Eisen, und der vordere Teil ist aus Holz oder Kunststoff. Diese hohen Schuhe bieten den stark belasteten Füssen einen zuverlässigen Halt.

Guggenmusik und Meistertitel

Das Heimturnier des SZC vom 18./19. August soll am Samstag vor allem viel Plausch machen. Dann messen sich einerseits Schüler, andererseits Mannschaften, die zum Beispiel aus Mitarbeitern einer Firma oder einer Guggenmusik bestehen. Es werden rund 15 bis 18 Mannschaften erwartet.

Ernster wird es dann am Sonntag. Zum Kampf um den Schweizer Meisterschaftstitel werden etwa acht bis zehn Mannschaften erwartet. Männer und Frauen werden sich erst getrennt, dann im Mixed messen.

Vor allem die Ostschweiz und die Innerschweiz sind gut vertreten. Aus dem Freiamt tritt neben dem SZC Waka auch der Seilziehclub Sins an. Zurzeit führen die Sinser Herren in der Kategorie 580 Kilogramm.

Trainingslokal gesucht

Am Turnier in Waltenschwil besteht eine Mannschaft aus acht Männern, die zusammen nicht mehr als 580 Kilogramm auf die Waage bringen dürfen. Das Gewichtslimit bei den Frauen liegt bei 520 Kilogramm und beim Mixed, das heisst vier Frauen und vier Männer, sind es dann wieder 580 Kilogramm.

Am Anfang der Saison werden alle Athleten gewogen und müssen dann, mehr oder weniger, ihr Gewicht halten. Einen speziellen Ernährungsplan haben die Seilzieher nicht, essen aber doch sehr bewusst. Während eines Turniers zum Beispiel einen Teigwarensalat, einfach etwas, das viel Energie liefert, aber nicht zu schwer im Magen liegt.

Etwas schwer im Magen liegt dem SZC allerdings die Zukunft seines Trainingslokals. Der Seilziehschopf in Waltenschwil soll nächstes Jahr nämlich abgerissen werden. Der Club trainiert bei schönem Wetter auf seiner Aussenanlage bei Büelisacker, braucht jetzt aber dringend eine neue Bleibe für Regentrainings.

Mit aller Kraft dagegenhalten

Im Seilziehschopf machen die Männer und drei Frauen vom SZC Waka «Bock-Training»: Das Seil ist über eine Winde an einem gut 600 Kilogramm schweren Stein befestigt, den es mit vereinten Kräften in die Höhe zu hieven gilt. Ein unglaublicher Kraftakt.

Das Seil kann auch so umgehängt werden, dass zwei Mannschaften gegeneinander ziehen können. Es gibt eine ganze Reihe von Regeln und Reglementen, doch grundsätzlich ist es ziemlich simpel: Die eine Mannschaft muss die andere Mannschaft mindestens vier Meter über die Mittelmarkierung ziehen, dann ist der Zug gewonnen.

Normalerweise wird über zwei bis drei Züge gespielt. Stefan Breitenstein, Präsident des SZC Waka, ist im Training der Anker der Mannschaft. Das heisst, sein Platz ist zuhinterst am Seil, von dieser Position aus versucht er mit aller Kraft dagegenzuhalten und zu bremsen, wenn zu viel Zug vom Gegner kommt.

Muskeln und Blasen

Den Winter hindurch trainiert der SZC einmal wöchentlich in der Turnhalle Waltenschwil und einmal in der Turnhalle Hämikon. Dabei geht es vor allem um Muskelaufbau. Das ist sehr wichtig, damit es in der neuen Saison nicht zu Verletzungen kommt.

Trainer Markus Stutz erklärt: «Verletzungen sind eher selten, höchstens mal ein übertretener Fuss oder eine Zerrung. Das kommt aber vom Fussballspielen zum Einwärmen und hat mit dem Sport an sich nichts zu tun.»

Clubmitglied Käthi Meier ergänzt dann aber noch: «Wir Frauen haben doch ab und zu mal Brandblasen an den Händen, das ist schmerzhaft und lästig.» Für den optimalen Griff am Seil schmieren sich die Sportler dafür Harz an die Hände, damit ihnen das dicke Tau nicht abrutscht.

Traum von der Weltmeisterschaft

Grosse Ambitionen hat der 20-jährige Pirmin Emmenegger aus Waltenschwil. Nach dem nächsten Qualifikationstraining weiss er, ob er in die U23 Seilziehnationalmannschaft aufgenommen wird und im September an die Weltmeisterschaft nach Südafrika fliegen darf. Das wäre sein Traum und dafür trainiert er hart, mindestens viermal pro Woche.

«Der Zusammenhalt in der Mannschaft ist schon sehr gut, das ist wirklich schön», antwortet Emmenegger auf die Frage, warum er sich für diese volkstümliche Randsportart so sehr begeistert. SZC-Mitglied und Trainer der U23, Daniel Strebel, ist Erfolge gewohnt. Er möchte auch dieses Jahr mit seinen «Jungs» den Weltmeistertitel holen.

Zum Schluss noch ein klebrig-harziger Händedruck und dann gehen die Clubmitglieder zum gemütlichen Teil des Trainings über, auch das muss Platz haben und ist ein wichtiger Bestandteil des urchigen Mannschaftssports. Bis zum Turnierwochenende werden die etwas ungewöhnlichen Takt-Stöhn-Laute wohl noch einige Male durch die Abendstimmung von Waltenschwil klingen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1