Zufikon/Brugg

Hospiz-Gründerin Luise Thut: charmant, idealistisch und unermüdlich

Es ist Luise Thuts Verdienst, dass es seit 21 Jahren die Palliative Care im Kanton Aargau und seit einem Jahrzehnt auch ein stationäres Hospiz gibt. Susanna Vanek

Es ist Luise Thuts Verdienst, dass es seit 21 Jahren die Palliative Care im Kanton Aargau und seit einem Jahrzehnt auch ein stationäres Hospiz gibt. Susanna Vanek

An einer Buchvernissage wird am Sonntag das Schaffen der Hospiz-Initiantin Luise Thut gewürdigt. Ihr Verein begleitet unter anderem Schwerkranke und ihre Angehörigen.

Sie träumte davon, Schwerkranken ein würdiges Dasein bis zuletzt zu ermöglichen. Mit viel Idealismus und Energie sowie Mut setzte sich die Zufikerin Luise Thut für die Gründung eines Hospizes im Aargau ein. Sie fand Mitstreiter. Nun werden die Pionierin und ihre Weggefährten in einem Buch gewürdigt.

Der Tisch ist sorgfältig gedeckt, der Tee köstlich, die Süssigkeit ebenfalls. Die charmante Zufikerin Luise Thut, Jahrgang 1928, ist eine perfekte Gastgeberin. Gerne erzählt sie davon, wie wichtig es sei, das Sterben vom Leben nicht auszuklammern, Schwerkranken ein würdiges Dasein ohne Schmerzen zu ermöglichen. Nur wenn die Rede auf ihre eigenen Verdienste kommt, wird die zierliche Dame wortkarg. Das könne man im Buch nachlesen, winkt sie ab. 

Bescheiden und demütig ist die in München Geborene, ein ganz besonderer Mensch in der heutigen Welt der Selbstdarsteller. Aber anders als viele andere kann sie grosse Erfolge vorweisen. Erfolge, von denen nicht sie, sondern Menschen am Ende ihres Lebens sowie deren Angehörige profitiert haben.

Luise Thut hat nicht nur die Palliative Care im Aargau ins Leben gerufen und so zahlreichen Personen ein friedvolles Sterben ermöglicht und Angehörige entlastet. Sie hat mit ihrem Team auch einen Trauertreff initiiert. Seit 21 Jahren gibt es dank ihrer Vision und ihrem kräftezehrenden Einsatz die Hospiz-Bewegung in unserem Kanton, seit zehn Jahren auch ein stationäres Hospiz.

«Ich hatte das Glück, viele wertvolle Wegbegleiter zu finden», winkt die Pionierin ab und spricht über die vielen ehrenamtlichen Helfer, die Familien mit Schwerkranken zu Hause rund um die Uhr an allen Tagen der Woche entlasten. «Viele Anrufe zu uns kommen am Abend, wenn Angehörige merken, dass ihre Kräfte nicht mehr für die Nacht reichen», berichtet sie.

Und fügt hinzu: «Es ist uns auch wichtig, Personen beizustehen, die über kein soziales Netz verfügen, die sonst alleine in einem Spital ihr Dasein beenden müssten. Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfenden ginge das nicht.» 

Zufall oder Schicksal?

Die Spätberufene, wie sie sich selber bezeichnet, begleitete eine amerikanische Freundin durch eine schwere Krebserkrankung. Dabei besuchte sie ihre Freundin in Amerika, Asien, Deutschland und der Schweiz. Sie hat sie auch in einem amerikanischen Hospiz besucht, wo sie ambulant und stationär behandelt wurde, sodass es ihr möglich war, zu Hause entschlafen zu können.

Luise Thut war beeindruckt von der liebevollen und absolut fröhlichen Atmosphäre des Hospizes. Die Vision, so etwas auch in der Schweiz zu ermöglichen, war geboren. Und siehe da: Die Unermüdliche sollte in der Folge auf ihren Reisen immer den richtigen Personen begegnen, die sie weiterbrachten. So konnte sie etwa unter anderem eine Freundschaft zu Elisabeth Kübler-Ross, der weltbekannten Sterbeforscherin, aufbauen.

Bildung ist wichtig

Luise Thut setzte nicht nur auf Idealismus, sondern auch auf Bildung. Weil es in der Schweiz noch keine entsprechende Ausbildung gab, erwarb sie im Ausland den Titel Certified Hospice Trainer, der sie berechtigt, ein Hospiz zu führen und Mitarbeitende auszubilden.

1994 gründete die initiative Frau zusammen mit Bekannten den Aargauer Hospiz-Verein zur Begleitung Schwerkranker, dessen Ehrenpräsidentin Elisabeth Kübler-Ross wurde. 1998 rief sie die Luise-Thut-Stiftung zur Mittelbeschaffung ins Leben, die es ermöglichte, mit dem Hospiz an der Reuss das Erste im Aargau zu eröffnen.

Schon vorher hatte der Hospiz-Verein die ambulante Begleitung von Schwerkranken und deren Angehörigen praktiziert. Idealisten waren es, die Luise Thut zur Seite standen; gewissenhaft, aber gut ausgebildet. Diese betreute Thut, denn sie sollten nicht an der Aufgabe zerbrechen.

Luise Thut betont, sie habe von vielen Seiten Unterstützung erfahren, die wichtigste erfuhr sie von ihrem Ehemann, mit dem sie während 51 Jahren durchs Leben ging und der kürzlich leider verstarb. «Er stand in guten wie in schlechten Zeiten an meiner Seite, hat sich nie beklagt, er käme zu kurz. Ein wunderbarer Ehemann», sagt sie.

Im 2008, mittlerweile 80 Jahre alt, übergab sie das Hospiz Aargau in jüngere Hände und wurde Ehrenpräsidentin. Den neuen Leuten redet sie nicht drein – aber wenn sie gebraucht wird, dann kommt sie.

Zum Beispiel, als es galt, neue Räumlichkeiten für das stationäre Hospiz zu finden. Dank ihrem grossen Verhandlungsgeschick konnte das Hospiz vom Reusspark nach Brugg zügeln.

«Sterben gehört dazu»

Die Idee, ein Buch über sich und ihre Wegbegleiter zu entwickeln, hegte Luise Thut zwar lange, «aber ich musste die richtige Motivation finden. Erst, als mir klar wurde, dass man so den Hospizgedanken noch bekannter machen kann, konnte ich bei der Arbeit mithelfen.» Realisiert haben das lesenswerte Werk die beiden Journalistinnen Erika Lüscher und Ursula Eichenberger.

Ganz im Sinne von Luise Thut lassen sie unter anderem zahlreiche ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sowie Familien, die die Dienste von Hospiz Aargau in Anspruch genommen haben, zu Wort kommen.

«Sterben gehört zum Leben», ist die Überzeugung von Luise Thut. «In unserer Gesellschaft wird es tabuisiert. Ein friedvolles Hinübergleiten ins Jenseits, begleitet von lieben Personen, so wie wir es ermöglichen, ist aber nichts, worüber man nicht reden darf, im Gegenteil.» Es ginge darum, Schwerkranken zu ermöglichen, sich am Leben freuen und bis zuletzt leben zu können. «Das ist mit den heutigen Schmerztherapien möglich», weiss die Pionierin.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1